Conchita Wurst gewinnt den Eurovision Song Contest. Plötzlich ist ganz Österreich im Conchita- Fieber und jubelt über den Sieg. Jetzt, ein paar Tage nach dem denkwürdigen Auftritt vom Samstag, beginnt sich die Euphorie langsam zu legen. Was aber kann und wird von diesem Abend bleiben?

Ein Kommentar von Michael Hunklinger

Für all jene Menschen, die sich für Offenheit und Toleranz engagieren und dafür eintreten, dass jeder so sein soll / darf / kann wie er oder sie will war und ist der 10. Mai 2014 ein Feiertag. Europa wählt Conchita Wurst zur Siegerin des Eurovision Song Contest und beschert Österreich damit den ersten Sieg seit 1966. Es geht aber um viel mehr als um den Sieg bei einem Gesangswettbewerb. Es geht darum, dass die Toleranz gesiegt hat.

Ob Europa und vor allem Österreich wirklich so tolerant sind, wie es das Abstimmungsergebnis am Samstag und der anschließende öffentliche Begeisterungsstrum vermuten lässt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Natürlich waren es wohl vor allem aufgeschlossene, tolerante AnruferInnen, die Conchita zum Sieg verhalfen. Dass die Wertung des Song Contest keine genaues Abbild der europäischen Meinungen ist wird kaum einer bestreiten. Aber das Event hat eine Öffentlichkeit geschaffen, die gerade für das Thema Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind, so wichtig ist. Es wird allerdings auch gleich gewarnt, dass die schweigende Mehrheit Conchita Wurst doch skeptisch oder ablehnend gegenüber stehe. Was aber das Voting am Samstag und die Reaktionen darauf gezeigt haben, ist, dass diese angebliche schweigende Mehrheit immer mehr zur Minderheit wird. Kinder diskutieren mit ihren Eltern; Nachbarn, Freunde und Kollegen diskutieren untereinander. Toleranz und Akzeptanz werden zum Thema. Allein dafür gebührt Conchita großer Dank.

Das Conchita-Fieber hat scheinbar auch die Politik infiziert. Wie tolerant auf einmal alle sind. Natürlich steht jetzt (fast) ganz Österreich hinter Conchita und jede/r versucht aus dem Hype Kapital zu schlagen. Fast kein Minister, keine Staatssekretärin, kein Parteivorsitzender der/ die nicht gratuliert und seine / ihre Toleranz betont. Und doch bleibt dabei ein schaler Nachgeschmack. Einer von Opportunismus und Inszenierung. Man will sich ja vor der EU Wahl in zwei Wochen profilieren und ein klein bisschen von dem Ruhm und Glanz, den Conchita ausstrahlt, abhaben. Auch die ÖVP versucht auf den Zug aufzuspringen und gratuliert ganz brav. Aber an der OTS Meldung sieht man, wie weit die Volkspartei von wirklicher Toleranz noch entfernt ist. „Herzliche Gratulation an Künstler Tom Neuwirth“ steht da. Conchita zu gratulieren ginge dann wohl doch zu weit.
Dass der überwiegende Teil der österreichischen PolitikerInnen positiv auf das Ereignis reagieren ist natürlich sehr erfreulich. Ob sie ihr Eintreten für Toleranz ernst meinen, können und müssen sie alle nun beweisen.

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Michael Hunklinger

(*1989), studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien, wobei sein Fokus auf den politischen Prozessen in Österreich, Deutschland und Europa liegt. Aufgewachsen im deutsch-österreichischen Grenzgebiet lebt er seit 2010 in Wien und beschäftigt sich für neuwal vor allem mit dem politischen Geschehen in Deutschland, bzw. den dort stattfindenden Bundestags- und Landtagswahlen.