Im neuwal daily geht es (fast) jeden Tag vor der EU-Wahl um Politik, Parteien, Umfragen und interessante europäische Wahlthemen. So gut wie jeden Tag werde ich interessante Menschen ins neuwal Google Hangout zum Dialog einladen um mehr über Politik und Europa zu erfahren und zu lernen. Aufgenommen virtuell mit Google Hangout.

Wolfgang Bachmayer (OGM) zu Wahlumfragen und zur EU-Wahl 2014
Im ersten neuwal daily – am Mittwoch, 23. April 2014 – habe ich Herrn Wolfgang Bachmayer von OGM in Wien getroffen. Bachmayer ist seit 1976 im Meinungsforschungs-Business tätig. Im Gespräch ging es um Wahlumfragen, Methoden, „wie es früher war“ und was Unterschiede zwischen Telefon- und Online-Befragung ist. Wir gingen der Frage nach, „wie und ob man seriöse Wahlumfragen erkennt“ und ob die Höhe der Befragungsgröße ein aussagekräftiges Qualitätskriterium ist.

„OGM veröffentlicht vor den Wahlen nur jeweils eine Wahlumfrage“, so Bachmayer, der stets auf Qualität bei Umfragen achtet und dabei seine Methoden anwendet, die er langjährig erarbeitet hat. Die EU-Wahlumfrage von OGM erscheint in gut zwei Wochen im Kurier. Bis dahin gab er uns einen Einblick wie die Stimmungslage derzeit auf österreichischer und europäischer Ebene ist und wie die Chancen der Kleinparteien sind.

OGM wurde 1976 gegründet
1976 wurde das Meinungs-und Marktforschungsunternehmen OGM Wolfgang Bachmayer 1976 gegründet. In den politischen Wahlumfragen ist er seit 1980 tätig. Damals, so Bachmayer, wäre die Qualität der Wahlumfragen möglicherweise etwas besser gewesen. Politische Meinungsbefragungen waren damals in Hand parteinaher Agenturen. OGM hat sich, so Bachmayer, immer sehr unabhängig positioniert. Damals gab es die sehr teure Methode der persönlichen Befragung, Face-to-Face. Sie war nicht nur teuer, sondern auch sehr langsam. Und deswegen hat sich Bachmayer nach neuen Methoden umgesehen und ist auf die Telefonumfrage aufmerksam geworden.

Einführung der Telefonbefragung
OGM führte die Telefonbefragung 1980 ein. Es gab viele kritische Stimmen und Debatten, dass Randgruppen dabei ausgeschlossen werden, die sich bspw. kein Telefon leisten konnten oder Haushalte, die nicht ans Telefonnetz angeschlossen sind. Letztlich waren 10 bis 15 Jahre später die Kritiker der Telefonbefragung die stärksten Konkurrenten von OGM. Die Telefonbefragung ist nach wie vor in der Mehrzahl der Fälle die bestmöglichste Umfragemethode, da Kosteneinsatz, Ergebnis und Qualität stimmen. Vor allem bei politischen Umfragen zeigt sie die geringsten Mängel auf und ist schnell. Ein wichtiges Kriterium, da Kunden, Medien oder politische Parteien möglichst rasch Ergebnisse sehen wollen. Allerdings, so Bachmayer, gibt es keine beste Umfragemethode. Die hohe Zahl an Handies oder die Antwortbereitschaft sind kritische Punkte, allerdings habe man diese telefonisch besser im Griff als bei einer Onlinebefragung.

Eine Online-Umfrage ist für politische Umfragen nicht geeignet, meint Bachmayer. Viele Wahlberechtigte BürgerInnen sind dabei ausgeschlossen und viele Personen erreicht man dabei nicht.

Rohdaten, Gewichtung und Hochrechnung
Bei einer Wahlumfrage gibt es drei Bereiche: Rohdaten, eine Zellengewichtung und letztlich eine Hochrechnung. Der Begriff der “Zellengewichtung” ist ein “altmodischer Begriff”. Es wird ein Raster definiert und liegt in den Händen eines fachlich qualifizierten Meinungsforscher. Dabei werden die einzelnen befragten Zellen (zb in Tirol lebende Frauen ab 60 Jahren) entsprechend gewichtet – sofern diese überhaupt besetzt sind. Diese Gewichtung läuft nicht nach den höchsten wissenschaftlichen Methoden ab. “Bei den ersten Wahlumfragen haben wir mit Fehlprognosen sehr viel gelernt”. So werden bei OGM Umfrageergebnisse mit Wahlergebnisse verglichen und justiert.

Entscheidende Kriterien
Wichtig und entscheiden bei Wahlumfragen ist die Fragestellung. OGM behält sich bei Aufträgen den Eingriff in Fragebögen vor, meistens wird er von OGM selbst entwickelt. Dabei sind besonders Formulierungen und die Reihenfolge ganz wichtig.

“Wenn die Fragestellung zu Themen rund um den Atomunfall in Japan oder um die Aussagen von Mölzer starten, dann braucht man sich nicht wundern, wenn die eine oder andere Parteien höher gewichtet sind”, so Bachmayer.

Allerdings, wenn es zur Gewichtung kommt, sei es die “Erfahrung der Institute”, die dabei einfließt. Da muss man eine Nase und Glück haben, wenn man auf- oder abwertet und an den Schrauben dreht.

Neben der Stichprobengröße sind auch noch andere Kriterien wesentlich: Fragestellung, Methodik, wen befrage ich. Sind wichtiger, wenn nicht sogar noch wichtiger. Ein Wahlumfrage sollte man sich genau ansehen: Wie wurden Fragen gestellt, in welcher Reihenfolge.

“Es kann sein, das eine 400er Umfrage mit sachlich formulieren Fragen, die keiner Partei Rückenwind geben, weit aus besser und treffsicherer ist, als ein 800er Sample.“

”NEOS werden derzeit etwas überbewertet”
Die Bekennerbereitschaft, eine Partei zu wählen ist je nach Partei größer oder geringer.

  • Bei Wahlen ist die Bekennerschaft von FPÖ und den Grünen höher. So sind die Grünen relativ stabil in den Umfragewerten und werden in der Hochrechung eher niedriger gewichtet. Und liegen damit trotzdem noch über den Wahlergebnissen.
  • Bei der FPÖ muss es einen Aufschlag geben, der immer wieder – auf Grund von unterschiedlichen Ereignissen (z.B. Ausage von Mölzer) schwankt. “Da sinkt auch die Bekennerfreude der Wählerschaft”, so Bachmayer.
  • Bei der SPÖ müssen die Rohdaten wenig bis kaum behandelt werden.
  • Bei der ÖVP jedoch zeigt sich die Notwendigkeit leichter Aufwertungen.
  • Bei den NEOS ist das gleiche Phänomen wie bei den Grünen zu beobachten und eine Heruntergewichten der Rohdaten wird vorgenommen. Derzeit werden die NEOS etwas überbewertet.

“Aber warten wir mal die nächste Wahl ab”, so Bachmayer und erinnert an die kommende OGM-Umfrage Anfang Mai 2014. Dabei wird Bachmayer die “Glacé-Handschuhe” anziehen und darauf achten, dass Fragestellung, Fragen und die Zerlegung auf Landesebene passt. Mit dieser Methode liegt Bachmayer meistens richtig, so hat er als einziges Institut bei der letzten Nationalratswahl die NEOS in den Mandatsrängen prognostiziert.

Wahlumfrage Österreich: SPÖ 27, ÖVP 22, FPÖ 21, GRÜNE 14, TS 6, BZÖ 4, NEOS 4, KPÖ 1, PIRAT 1 (OGM/Kurier: n=780/max. 3.50 %, 21.09.2013)

Stimmungsbild Österreich
Das derzeitige Stimmungsbild in Österreich sieht Bachmayer für die Großparteien, insbesondere für die ÖVP, problematisch. Die SPÖ hält derzeit ihr Wahlresultat der letzten Nationalratswahl. Die ÖVP leidet auf den ersten Blick ziemlich stark durch die NEOS.

Allerdings knabbern die NEOS nicht nur bei der ÖVP, sondern auch bei der SPÖ, bei den Grünen und sogar bei den Blauen.

Wahlumfrage Österreich: SPÖ 26, FPÖ 24, ÖVP 21, NEOS 13, GRÜNE 12, TS 2, ? 2 (OGM/Kurier: n=776/max. 3.50 %, 06.04.2014)

Wahlbeteiligung bei der EU-Wahl
Auf EU-Ebene ist die Wahlbeteiligung der entscheidende Faktor. Und genau darin sieht Bachmayer das Problem der bis jetzt publizierten Wahlumfragen.

Weil, “wenn unter einer Wahlbeteiligung von 50 % traue ich mich keine Umfrage machen. Ich kann mir nicht sicher sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Also, Wähler von Nichtwähler oder unsicheren Wählern. Das würde zu Fehlprognosen führen”, so Bachmayer.

Beobachtung: Europafreundlich vs. Europakritisch
“Ich höre nur, ich lese Medien und bin diesem Einfluss ausgesetzt. Ich höre, dass man meint, dass die europafreundlichen Parteien ihre Wähler besser mobilisieren können als die europakritischen Parteien. Weil die europakritischen Parteien können ihre Wähler, die von Europa wenig halten, weniger mobilisieren”, so Bachmayer in einer ersten vorsichtigen Beobachtung, die “so ein lautes Pfeifen im Wald ist, das von vielen Seiten kommt”. Entschieden wird die Wahl weniger von europapolitische, sondern von innenpolitischen Themen. “Die Partei wird gewinnen, die den Charakter einer Abstimmung, wie bei der Wehrpflicht, mit klarem Hingehen und einer Haltung, signalisiert”, so Bachmayer.

“Wer sagt, dass eine niedrige Wahlbeteiligung den europafreundlichen Parteien nutzt”, analysiert Bachmayer.

Er beobachtet, dass derzeit auch EU-freundliche Parteien wie die ÖVP sogar Fragezeichen zum Thema Europa setzen. Auch die Grünen sprechen auf ihren Plakaten Warnungen oder einen Schutz vor Europa aus. Ebenso sagte Häupl, man müsse unsere Wohnungsmieten vor der EU schützen. Credo: Vielleicht kann man mit EU-kritischen Themen sogar zusätzlich mobilisieren.

Beobachtung EU-Wahlprognose
Wie wird die Wahl ausgehen, werden SPÖ und ÖVP voran liegen?

“Ich kenne niemanden, der diese Frage beantworten kann. Ich kann die Frage nicht seriös beantworten. Es ist unseriös. Es kann alles passieren”, so Bachmayer.

Bachmayer beobachtet, dass SPÖ, ÖVP und die FPÖ nicht weit voneinander entfernt liegen. „Ich bin nur eines sicher, dass die NEOS werden von Null auf wahrscheindich zweistellig schnellen“, so Bachmayer weiter. Entscheiden ist für Bachmayer allerdings nicht die Platzierung, sondern, ob ein dickes Plus oder ein dickes Minus am Wahlabend beim Wahlergebnis stehen wird. Und dabei, so Bachmayer, habe die ÖVP ein schlechtes Ausgangsszenario, da es eine große Aufgabe sei, von einst 30 % auf ein kleines Minus zu kommen. Die SPÖ startet bei einem kleineren Wahlergebnis, schafft möglicherweise den zweiten Platz und möglicherweise ein Plus. Hauptsieger der Wahl werden deswegen FPÖ und die NEOS sein. Weil beide bei Null bzw. geringen vorherigen Wahlergebnissen starten: FPÖ könnnte sich verdoppen und das hätte politische Folgewirkungen.

Kleinparteien
Eine Prognose zu den Kleinparteien BZÖ, EU-STOP, Europa Anders und REKOS traue sich Bachmayer allerdings auch ohne Umfrage zu. Er ist sich ziemlich sicher, dass die Kleinparteien es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht über die notwendige Mandatshürde von ca. 4.5 % schaffen werden:

“Bei allen Bemühungen werden sie es wahrscheinlich nicht ins Europäische Parlament schaffen”.

Für Bachmayer gibt es nach seinem Geschmack zu viele Wahlumfragen. Er kritisiert dabei die Inflation von Sonntagsfragen, sogar aus einem Haus, was das Misstrauen weckt, wenn sie sich nur um einen Prozentpunkt unterscheiden. Allerdings fordern gerade Medien dieses Zahlenspiel: Wer liegt vorne, wer liegt zurück und wer holt auf. OGM spielt dabei nicht mit und hat dies klar mit seinen Medienpartnern geregelt: Es gibt eine Wahlumfrage vor jeder Wahl und – wenn – weitere Umfragen in Abständen von 3 Monaten oder einem halben Jahr: “Zwischen Quartalen oder Halbjahren ändert sich die politische Einstellung nicht so deutlich.”

Danke Herr Bachmayer für das Gespräch!

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.