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„Das Europäische Parlament empfängt jedes Jahr mehr als 300.000 Besucher aus den EU-Staaten und anderen Ländern, in Brüssel sowie in Straßburg. Das entspricht ungefähr 7.000 Gruppen, von denen die meisten auf Einladung eines Mitglieds des Europäischen Parlaments kommen. Solche Gruppen können durch das Parlament bei den Reise- und Verpflegungskosten mit Zuschüssen unterstützt werden.“ 1

Ein Redakteur von neuwal.com ist am Donnerstag, 2. April 2014 bei einer von den Grünen Österreichs organisierten Blogger-Reise mit ca. 20 weiteren Personen mitgefahren und hat darüber unabhängig, neutral und kritisch in journalistischer Art und Weise berichtet. Ziele für neuwal dabei waren die Fortsetzung unseres TTIP-Projekts sowie Interviews u.a. für unser walmanach-Projekt im Rahmen der EU-Wahl 2014 zu bekommen. “neuwal in Brüssel” wurde von Beginn an transparent in unseren Kanälen (Twitter, Facebook, neuwal.com) publiziert, was für uns selbstverständlich und unumgänglich ist. Wir haben uns dabei an den § 4.5 der Grundsätze für publizistische Arbeit (Ehrencodex für die österreichische Presse) des österr. Presserates gehalten: “In Berichten über Reisen, die auf Einladung erfolgten, soll auf diese Tatsache in geeigneter Form hingewiesen werden.” 2 Neben der Journalistenreise vom Europäischen Parlament im März 2014 ist die kürzliche Bloggerreise die zweite Reise, die wir im Rahmen unserer journalistischen Tätigkeiten ausgeübt haben. Beide Reisen sind von Beginn an transparent angeführt und in allen unseren digitalen Kanälen publiziert und beschrieben worden.

Als journalistisches Medium setzen wir uns sehr hohe Standards, sind sehr sensibel und äußerst vorsichtig im Umgang mit Politik und Journalismus. Wir wissen, dass politische Berichterstattung klare Grenzen, Richtlinien und Transparenz braucht, damit Unabhängigkeit gewährleistet werden kann. Transparenz steht bei uns in allen Bereich (Finanz, Berichte, Spenden, Kooperationen, Umgang mit Politik, etc.) an vorderster Stelle und wird vom Medium und von jedem Redakteur gelebt und stimmen der Aussage zu: „Auch die Medienbranche braucht klare Regeln. Wenn wir von der Politik Transparenz verlangen, dann müssen wir diese Forderung auch selbst erfüllen. Das ist eine Sache der Glaubwürdigkeit“, sagt Alexandra Föderl-Schmidt 3. Daran halten wir uns.

Dennoch gab es auf Twitter Unstimmigkeiten darüber, wie mit dieser Reiseeinladung umgegangen werden soll. Einige Aussagen lauteten beispielsweise “…und @neuwalcom ist nun auch eine kaufbare Werbeplattform für klassische Parteiwerbung. Schade drum…“ Weiters wurde uns “Content Marketing” vorgehalten, eine Verschränkung von “Journalismus und PR”, sowie “Einladung killt Unabhängigkeit”.

Aussagen, die uns als unabhängiges, neutrales Medium stark treffen und wir nicht so stehen lassen möchten.

Grundsätzliches
neuwal.com ist ein unabhängiges journalistisches Projekt, dass sich seit 2008 selbst finanziert. Selbst finanziert bedeutet, dass wir seit dem Start 2008, seit sechs Jahren, auf keine Förderung oder Finanzierung zurückgegriffen haben. Unser Projekt finanziert sich ausschließlich aus Mitteln der Redaktionsmitgliedern, aus Crowdfunding oder Spenden von unseren Leserinnen und Lesern. Eine genaue Auflistung gibt es hier. Das ermöglicht uns einerseits komplette Unabhängigkeit bei unserer Berichterstattung sowie die Möglichkeit, neue Fundingmethoden auszuprobieren um damit tatsächlich neuen Journalismus zu ermöglichen.

Das heißt: sämtliche journalistischen Projekte in den letzten Jahren wie die Ameisenrunde, Sommergespräche 2012, die Konfrontation zwischen den Kleinparteien 2013, walmanach aus Tirol, Niederösterreich, Salzburg, Kärnten und Österreich sowie sämtliche Aufwände für Artikel oder Recherchen (Sonnwendfeier, Akademikerball, Bild aus Nazi-Buch, Was ist…, podwal podcasts, booklewal, TTIP, etc.) wurden und werden aus eigener Tasche und eigenen Ressourcen finanziert. Unsere finanziellen Mittel setzen sich aus eigenen spärlichen Einnahmen und Zeit zusammen, die wir aus unserer Arbeit, Erspartem oder der Selbständigkeit mühevoll und gerne zur Verfügung stellen. Ergänzt mit Förderungen oder Unterstützungen bei Recherchen, Reisen ist das für uns eine gute Ausgangsbasis.

Wir machen das, da wir Journalismus, Medien und Politik lieben und (fast) jeder damit früher oder später auch professionell Geld damit verdienen möchte. neuwal gibt uns die Möglichkeit, innovative Projekte und Ideen zu realisieren um der Welt zu zeigen, was möglich ist und was wir können. Wir arbeiten nach dem Ehrencodex des Presserechts sowie nach eigens ausgearbeiteten Redaktionsrichtlinien um unsere Unabhängigkeit und hohen journalistischen Standards vertreten zu können.

Niemand in unserer Redaktion ist Mitglied einer Partei oder einer politischen Bewegung und wir halten eine für uns sehr streng definierte Grenze zwischen Politik und Journalismus ein. Weiters nehmen wir keine Spenden oder Förderungen von politischen Organisationen, Parteien oder einzelnen Politikern an. Unser Ziel ist es, transparent, unabhängig und vollständig über die österreichische politische Landschaft in journalistischer Art und Weise zu berichten. Unter „vollständig“ verstehen wir u.a., dass wir Kleinparteien, Veranstaltungen oder Projekte berücksichtigen, die in bestehenden Medien weniger Aufmerksamkeit genießen und, dass wir bei Themen quer über alle Parteien nach Meinungen und Richtung recherchieren. Unter „unabhängig“ verstehen wir, dass wir uns – wie gesagt bei einer klar definierten Grenze zwischen Politik und Journalismus – auf Dialoge mit Politikern, Abgeordneten und Parteimitgliedern freuen, um näher zu von uns definierten Angelegenheiten und Themen erfahren.

Falls es bei Gesprächen oder Interviews im politischen Umfeld zu Bewirtung und Konsumation kommt, ist es selbstverständlich, dass diese von neuwal RedakteurInnen selbst bezahlt werden.

Es ist selbstverständlich, dass jeder unser RedaktionsmitgliederInnen Informationen, Aussagen, Kommentare und Meinungen reflektiert sowie unabhängigen, strengen Beobachtung unterzieht und dabei das Redaktionsteam zur weiteren Reflektion hinzuzieht. Informationen, von wem auch immer wir sie erhalten, werden recherchiert und ihrer Herkunft bzw. ihrem Nutzen und Ziel hinterfragt.

neuwal RedakteurInnen setzen sich für keine Partei ein, machen keine Wahlwerbung oder aktivieren zu einer parteispezifischen Tätigkeit.

Presse-, Blogger- oder Journalistenreisen werden nur angenommen, wenn deren Finanzierung mit Unterstützung überliegender unabhängiger Institutionen (bspw. Europäisches Parlament) zum Großteil ermöglicht wird.

Im März 2014 wurde von den Grünen Österreichs eine Blogger-Reise ausgeschrieben, zu der sich jede interessierte Person bewerben konnte. Ein Knackpunkt dabei war allerdings für unsere Redaktion u.a. jener, dass wir uns nicht gerne eine Reise von einer Partei finanzieren lassen wollten. Wir haben uns damit systemisch und strukturiert auseinandergesetzt und uns gefragt, ob das für uns vertretbar ist.

Bei dieser möglichen Reise haben wir uns vorab mehrere Ziele gesetzt:

Nach langen internen Redaktionsberatungen vorab, nach Austausch mit fünf Journalisten-KollegInnen und -Kollegen vor und nach der Reise, Informationen und einem Gespräch mit dem Presserat sowie gängiger Praxis in Qualitätsmedien, haben wir uns entschieden, bei der Ausschreibung mitzumachen. Vor allem aus dem Grund, dass es sich dabei um ein gefördertes Projekt des Europäischen Parlaments handelt und wir damit unseren journalistischen Zielen näher kommen. Die Rahmenbedingungen dabei lauteten:

  • Bei der Blogger-Reise der Grünen handelt es sich um ein offiziell unterstütztes Projekt des Europäischen Parlaments. 4
  • Die Blogger-Reise wird von drei unterschiedlichen Organisationen finanziell ermöglicht: (1) Dem Europäischen Parlament, (2) der Partei bzw. des/der Abgeordneten und (3) des Teilnehmenden. Die angegebene Reihenfolge entspricht auch der Reihenfolge der Höhe der getätigten Zuschüsse. 5
  • Alle Angaben und Ankündigungen zur Reise wurden von den Grünen transparent im Vorfeld angekündigt. 6
  • Jedes Mitglied des Europäischen Parlaments (in diesem Fall MEP Ulrike Lunacek) kann jährlich bis zu 110 Besucher einladen, wobei jede Gruppe mindestens 10 Besucher umfassen muss. Die Abgeordneten können bis zu fünf bezuschusste Gruppen pro Jahr nach Straßburg oder Brüssel einladen. 7
  • Das Ziel des Europäischen Parlaments dabei ist: “Für das Europäische Parlament sind Offenheit und Transparenz wichtig für die Ausübung der Demokratie, und deshalb sollen die Bürger Zugang zu seinen Arbeiten und Gebäuden haben. Da sich viele EU-Bürger eine Reise nach Brüssel nicht leisten können, sie aber nicht aufgrund der Entfernung ihres Wohnorts zu den Arbeitsorten des Parlaments diskriminiert werden sollen, bezuschusst das Parlament diese Kosten.” 8
  • Der Zuschuss vom Europäischen Parlament beträgt 0,09 Euro je Kilometer und Besucher. Zusätzlich wird für Verpflegungskosten ein pauschaler Zuschuss in Höhe von 40 Euro je Besucher gewährt. 9

Die Kostenteilung und der Status eines “offiziellen geförderten Projekte des Europäischen Parlaments” waren für uns als Ausgangsbasis akzeptierbar. Ebenso akzeptierbar, da die Bloggerreise von allen Seiten transparent kommuniziert wurde. Von Seiten der Kosten ergibt sich folgende Zusammenstellung – wir bedanken uns beim Europäischen Parlament und bei den Grünen Österreichs für diese Möglichkeit:

Finanzierung Europäisches Parlament 230 Euro 45 %
Finanzierung durch “Die Grünen Österreichs” 210 Euro 41 %
Selbstkostenzuschuss durch neuwal 70 Euro 14 %

Gesamtkosten 510 Euro

Recherchen in der Praxis zeigen, dass Presse- und Journalistenreisen in der Medienbranche selbstverständlich sind und auch angenommen werden. Jedoch nicht selbstverständlich ist deren Kennzeichnung in Artikeln oder Reportagen. Dennoch: Die Presse, Der Standard und das Wirtschaftsblatt haben dazu seit Juni 2013 eigene Ethik-Richtlinien, die bspw. Pressereisen, „die auf Einladung […] zustande kamen, auch so gekennzeichnet werden.“ 10 Ein Medium fand ich bei meiner Recherche, das Einladungen von politischen Parteien strikt ablehnt, nicht jedoch vom Europäischen Parlament.

neuwal schließt die Verschmelzung von Journalismus und PR aus: Es ist selbstverständlich, dass unsere Beobachtungen und Warhnehmungen bei Pressekonferenzen, Parteitagen, Interviews oder Reiseeinladungen alleine als RedakteurIn und gemeinsam in der Redaktion reflektiert und analysiert werden, um letztlich unabhängigen und guten Journalismus zu bieten. Weiters schließen wir konsequent aus, dass es bei neuwal.com zu erkauften Beiträgen kommt. Das liegt uns fern.

Würden wir erhaltene Informationen von Politikern mit der Bitte um Veröffentlichung publizieren, bei denen ganz klar ein politische Mitbewerber oder eine dahinterstehende Organisation in Mitleidenschaft gerät oder diffamiert wird (auch das gibt es), würden wir unsere Unabhängigkeit und unser seit acht Jahren hart aufgebautes journalistisches Niveau verlieren. Das gibt es bei uns nicht.

Ein Learning nehmen wir mit. Und zwar, dass wir künftig an Reisen dieser Art nicht mehr teilnehmen werden um die Grenze Journalismus und Politik – allerdings bei jedem geschätzen und gewünschten Dialog – noch strikter einzuhalten.

„Der Umgang mit Einladungen und Geschenken betrifft die gesamte Medienbranche. Wir sollten Pressereisen kennzeichnen.“

Textauszug: Alexandra Föderl-Schmid in „Journalisten müssen supersauber sein“ 11
[…] Die großen Themen, auch in den jeweiligen Verhaltensregeln, sind: Kennzeichnung gesponserter Reisen oder geliehener Testgeräte/Autos, Kennzeichnung/Transparenz oder Verbot wirtschaftlicher Investitionen in Firmen bei Wirtschaftsberichterstattung, Moderation von Veranstaltungen, Geschenke (Annahme oder Verbot), Zusatzeinkommen (erlaubt oder verboten) und generell die Kennzeichnung, in welchen Organisationen, Vereinen et cetera man als Journalist Mitglied ist. […]“

Textauszug: Alexandra Föderl-Schmid in „Journalisten müssen supersauber sein“ 12

Quellen und Fußnoten:

  1. Häufig gestellte Fragen über die Mitglieder des Europäischen Parlaments und das Europäische Parlament: europa.eu, Seite 24. Abgerufen am 06.04.2014.
  2. Ehrencodex für die österreichische Presse: presserat.at. Abgerufen am 06.04.2014
  3. Klare Regeln für die Medienbranche:univie.ac.at. Abgerufen am 07.04.2014
  4. Häufig gestellte Fragen über die Mitglieder des Europäischen Parlaments und das Europäische Parlament: europa.eu, Seite 25. Abgerufen am 06.04.2014.
  5. Wir laden ein: Politischer Brüssel-Ausflug für BloggerInnen und twitteria: reimon.net. Abgerufen am 07.04.2014
  6. Wir laden ein: Politischer Brüssel-Ausflug für BloggerInnen und twitteria: reimon.net. Abgerufen am 07.04.2014
  7. Häufig gestellte Fragen über die Mitglieder des Europäischen Parlaments und das Europäische Parlament: europa.eu, Seite 25. Abgerufen am 06.04.2014.
  8. Häufig gestellte Fragen über die Mitglieder des Europäischen Parlaments und das Europäische Parlament: europa.eu, Seite 25. Abgerufen am 06.04.2014.
  9. Häufig gestellte Fragen über die Mitglieder des Europäischen Parlaments und das Europäische Parlament: europa.eu, Seite 25. Abgerufen am 06.04.2014.
  10. „Die Presse“ hat neue Ethik-Richtlinien: diepresse.com. Abgerufen am 07.04.2014.
  11. Journalisten müssen supersauber sein: derstandard.at. Abgerufen am 07.04.2014
  12. Journalisten müssen supersauber sein: derstandard.at. Abgerufen am 07.04.2014
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