Zum selbstbestimmten Leben für Menschen mit Behinderung gehört auch eine berufliche Perspektive. Allzu oft tun sich aber gerade hier Barrieren auf, die so eigentlich nicht mehr existieren sollten. Im Moment wird wieder heftig über Verschärfungen hinsichtlich des Behinderten-Einstellungsgesetzes debattiert. Denn obwohl vor wenigen Jahren der Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung auf Wunsch der Wirtschaft gelockert wurde, stieg die Zahl der Arbeitslosen in dieser Gruppe enorm an.
Eine Organisation, die Wirtschaftstreibende und Menschen im Rollstuhl näher zusammenführen will nennt sich CEOs on Wheels. Was genau hinter diesem Projekt steckt, soll im heutigen innoWal geklärt werden.

innoWal: CEOs on Wheels
innowal
CEOs on Wheels
Mag. Michael Sicher, MSc
Interview mit Michael Sicher
Fazit

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Der innoWal stellt Organisationen/Konzepte vor, die innovative und neue Ideen in einem bestimmten Politikfeld realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto „Making politics a better place“ agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.
Nach einer kurzen Vorstellung der Organisation/des Konzepts steht dabei ein Interview mit einem/einer ExpertIn im Zentrum. Am Ende stellen wir uns dann die Frage, welche Veränderungen diese innovativen Ideen bewirken können.Wir laden die LeserInnen von neuwal.com auch dazu ein, uns interessante Organisationen/Konzepte vorzuschlagen. Bei Interesse einfach einen Kommentar hinterlassen oder ein E-Mail an: wolfgang.marks [at] neuwal.com senden.

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CEOs on Wheels basiert auf einer Idee von  Herrn Michael Sicher, der selbst im Rollstuhl sitzt. Seine persönlichen Erfahrungen in der Berufswelt haben ihm gezeigt, dass es für Menschen im Rollstuhl große Zugangsbarrieren zu qualifizierten Jobs gibt.

Daher hat er das Mentoring-Programm CEOs on Wheels ins Leben gerufen. Dieses existiert seit 2011 und die zweite Runde ist gerade im Laufen. In diesem Programm stehen sich Führungskräfte und Menschen im Rollstuhl gegenseitig als Mentoren und Mentees gegenüber. Neun Monate lang gewähren die Führungskräfte den Menschen im Rollstuhl einen Einblick in ihren beruflichen Alltag . Umgekehrt können sich die Führungskräfte von den Qualifikationen der Menschen im Rollstuhl überzeugen und haben die Möglichkeit, deren alltäglichen Herausforderungen kennenzulernen. Der persönliche Kontakt soll helfen, Barrieren zu überwinden und den Menschen im Rollstuhl Karrierechancen eröffnen.

Begleitet wird das Programm von einer wissenschaftlichen Studie, deren Ergebnisse hier nachzulesen sind.

Politikfeld Behindertenpolitik
Gründungsjahr 2011
Ziel Man will den Erfahrungsaustausch zwischen TopmanagerInnen und Menschen im Rollstuhl ermöglichen und fördern, Barrieren im Kopf abbauen und Unternehmen zeigen, dass Menschen mit einer körperlichen Behinderung hervorragende Leistungen erbringen können.
Dialog ceosonwheels.at
Man will den Erfahrungsaustausch zwischen TopmanagerInnen und Menschen im Rollstuhl ermöglichen und fördern, Barrieren im Kopf abbauen und Unternehmen zeigen, dass Menschen mit einer körperlichen Behinderung hervorragende Leistungen erbringen können.

ceosonwheelsMag. Michael Sicher
ist selbständiger Coach und Initiator von CEOs on Wheels, einem Mentoringprogramm für Menschen im Rollstuhl. Nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik, Erfahrungen im Management und als IT-Consultant begleitet er als BUSYPEOPLECOACH Führungskräfte und ihre Teams. Neben seinen fachlichen Qualifikationen als systemischer Coach und Aufstellungsleiter, Dipl. Lebens- und Sozialberater, Mediator sowie Unternehmensberater, schätzen seine Kunden im BUSYPEOPLECOACHING seine Alltagspraxis im mentalen Vorausdenken zur Überwindung diverser Barrieren und Schaffung kreativer Lösungen genau so, wie seine etwas „andere“ Lebenserfahrung.

neuwal: Dann freue ich mich heute besonders, dass wir zum heutigen innoWal Herrn Mag. Michael Sicher von CEOs on Wheels begrüßen dürfen. Guten Tag.

Sicher: Guten Tag.

neuwal: Die erste Frage wäre: Was genau ist denn CEOs on Wheels? Können Sie uns das kurz vorstellen. Und was sind die konkreten Ziele dieser Organisation bzw. des Projekts?

Sicher: CEOs on Wheels ist ein Mentoring-Programm für Menschen im Rollstuhl, um einerseits Karrierechancen überhaupt zu schaffen beziehungsweise zu verbessern. Dabei stehen CEOs oder andere Top-Führungskräfte von Unternehmen über einen Zeitraum von ca. neun Monaten als persönlicher Mentor oder Mentorin zur Verfügung und begleiten sie im Rollstuhl. Dabei geht es primär darum, dass die einmal einen internen Einblick in Unternehmen bekommen und andererseits auch ihr eigenes Netzwerk für die berufliche Zukunft aufbauen können. Und die Mentoren erhalten sozusagen einen Einblick in Leben mit Behinderung, einen Alltag mit Behinderung. Sie können auch schauen, wie weit ihr Unternehmen barrierefrei ist und ob sie Menschen mit Behinderung gut einsetzen können, um einen Beitrag für ihr Unternehmen zu leisten.

Was ist denn genau das Ziel der Organisation? Geht es da mehr darum, dass Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz bekommen oder geht es eher in Richtung Bewusstseinsbildung, also dass da ein Austausch stattfindet? Was ist Ihnen von der Organisationsseite her wichtiger?

Wichtiger ist die Bewusstseinsbildung. Dass die Unternehmen erkennen, dass Menschen mit Behinderung, im Falle von CEOs on Wheels speziell Menschen mit körperlichen Behinderungen, auch Leistungen erbringen können wie alle anderen Mitarbeiter. Wir wissen aber nicht explizit, ob die dann einen Mentor oder Mentee übernehmen und anstellen. Weil ich dadurch einen großen Druck machen würde. Wenn das Unternehmen weiß, da kommt jetzt ein Mentee und den muss ich dann anstellen. Das sollte nicht sein. Aber es ergibt sich zum Glück auch, wie in der ersten Runde, dass ein Mentee auch angestellt wird. Das große Ziel ist, dass generell Unternehmen sensibilisiert werden und dann von selbst eigentlich überzeugt sind, dass sie Menschen mit Behinderung einstellen.

Was hat Sie persönlich angetrieben, diese Organisation zu gründen? Was war der Auslöser dafür, dass sie gesagt haben das muss man gründen?

Der Auslöser waren sicher persönliche Erfahrungen von meiner Suche nach Arbeit damals. Das hat begonnen mit einem Ferialjob. Da habe ich mich damals bei einer Bank beworben und habe auch den besten Test im Assessment Center gehabt. Mir wurde dann einfach gesagt: Ja, wir haben voll lange überlegt, es tut Ihnen urleid, aber wir haben nix Passendes gefunden. Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass der Rollstuhl im Vordergrund war und wichtiger als die Qualifikation, die ich habe. Das hat sich dann auch immer wieder zwischendurch in meinem Berufsleben gezeigt. Also ich war einmal angestellt und habe eine leitende Position gehabt. Trotzdem ist es mir nachher nicht leicht gefallen oder überhaupt gelungen, eine Anstellung zu finden. Und bin dann eben in die Selbstständigkeit gegangen und war freiberuflich tätig. Und es war eigentlich immer so, dass sich die Unternehmen nicht festlegen wollten. Es war immer das Thema Kündigungsschutz und so weiter. Und darum habe ich mir gedacht, man muss einfach mal die Menschen zusammenbringen, also die Unternehmen und die Menschen mit Behinderung. Damit sich jeder selbst ein Bild machen kann.

Es gibt doch immer wieder Unsicherheiten und die sind sehr leicht auszuräumen. Also wenn man sich ein bis zweimal mit jemandem getroffen hat, dann steht einfach wieder der Mensch im Vordergrund und nicht der Rollstuhl.
Die nächste Frage würde dann in Richtung Politik gehen: Was würden Sie denn den PolitikerInnen in Bezug auf die Behindertenpolitik mitgeben? Weil wir auch schon gesprochen haben, dass es gerade auch im Erwerbsleben immer noch Probleme gibt. Was läuft denn da falsch aus Ihrer Sicht, was sind da die größten Baustellen in diesem Politikfeld? Was würden Sie da sagen?

Es kommen ja immer wieder diverse Informationen, dass die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderung sehr hoch ist. Was natürlich ein großes Problem darstellt. Nur ich vermisse immer wieder so kreative Ideen oder kreative Ansätze.

Es wird immer nur von einer Anhebung oder extremen Anhebung der Ausgleichstaxe gesprochen. Und die Frage ist immer, ob das der richtige Weg ist. Ob es wirklich eine unter Anführungszeichen Strafmaßnahme geben muss, um Unternehmen zu überzeugen.

Anstatt dass man gemeinsam etwas macht oder Anreizsysteme für Unternehmen schafft. Und ich denke, es ist auch schwierig bei einem Unternehmen zu arbeiten, wenn man das Gefühl hat, man wird nur aufgenommen, weil sich das Unternehmen ein Geld erspart. Und nicht deswegen, weil man gut ins Unternehmen passt und dazu was beitragen kann.

Was für Anreize wären denn das aus Ihrer Sicht, die man da setzen könnte?

Also ich kann mir vorstellen, dass es zum Beispiel Förderungen gibt, um einmal einen Einstieg zu schaffen. Damit einfach die Unternehmen draufkommen, das einmal testen zu wollen. Dass die nicht im Vorhinein sagen, das ist mir zu viel Aufwand. Ich muss mich um gesetzliche Rahmenbedingungen kümmern und so weiter. Ich habe zig andere Bewerber ohne Behinderung, wo ich mich nicht um Barrierefreiheit kümmern muss zum Beispiel. Und da könnte ich mir vorstellen, dass es durchaus auch finanzielle Anreize geben könnte, dass man sagt, ok ich schau mir das jetzt mal an und wenn es gut läuft, übernehme ich den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin.

Was waren jetzt die Rückmeldungen von den Firmen, die bei Ihrem Projekt bis jetzt mitgemacht haben? Welche Gründe sehen die jetzt zum Beispiel im Ansteigen der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung? Weil die werden ja auch irgendwelche Erklärungen haben.

Also das ist immer wieder eine spannende Geschichte. Weil ich einerseits von Menschen mit Behinderung höre, dass sie einen Job suchen und nix finden. Und andererseits sagen aber die Unternehmen, zum Beispiel jene die teilnehmen, dass sie eigentlich keine Bewerbungen von Menschen im Rollstuhl oder mit Behinderung bekommen. Und ich frage mich immer, wo ist da die Schnittstelle, was passt da nicht. Das Ziel von CEOs on Wheels ist es auch, diese Brücken zu schlagen. Aber es kann natürlich sein, dass Menschen mit Behinderung von Haus aus sagen, ich versuch es erst gar nicht. Weil es bringt sowieso nichts. Oder sie schreiben es nicht in die Bewerbung rein. Also da gibt es verschiedene Gründe. Und der Anstieg der Arbeitslosigkeit hat sicher auch damit zu tun, dass immer mehr Menschen im Laufe ihres Lebens eine Behinderung bekommen bzw. dass generell der Trend zu Einsparungen da ist, zu Abbau von Mitarbeitern. Es ist generell nicht einfach und für Menschen mit Behinderung noch schwieriger. Zusätzlich ist wahrscheinlich auch ein Problem, dass einige Unternehmen nicht einmal die Möglichkeit haben, jemanden anzustellen. Weil schlicht und ergreifend die baulichen Gegebenheiten nicht passen oder nicht vorhanden sind.

Dann wäre die letzte Frage noch: Wie schaut denn Ihre Bilanz bzgl. des Projekts CEOs on Wheels aus? Was ist gerade beim ersten Durchgang gut gelaufen und wo sehen Sie noch Herausforderungen für die Zukunft oder wo könnte man noch Verbesserungen durchführen?

Also prinzipiell bin ich sehr zufrieden, auch mit der zweiten Runde jetzt. Also die erste Runde hat ja zumindest für einen Mentee einen Arbeitsplatz ermöglicht. Und in der aktuellen Runde gibt es jetzt auch schon drei bezahlte Praktikumsplätze. Das ist ein großer Erfolg. Und das Spannende an dieser Runde, was mich so fasziniert, ist, dass man schon über das Ziel hinausgeht. Das heißt, Unternehmen denken mehr in Richtung Barrierefreiheit und Menschen mit Behinderung und tun auch was in ihrem eigenen Unternehmenszweck. Ein nettes Beispiel ist, dass ein Mentee zum Feedback Barrierefreiheit gefragt wurde und obwohl sie Rollstuhlfahrerin ist, hat das Unternehmen in der Zentrale jetzt ein Blindenleitsystem installiert. Und dieses Übergreifende fasziniert mich. Da wird wirklich von dem Mentee das Know-How in Anspruch genommen, um generell etwas für das Unternehmen und für die Kunden zu verbessern. Und besser machen könnte man wahrscheinlich noch, dass die teilnehmenden Unternehmen sich noch mehr vernetzen und austauschen. Dass es da Möglichkeiten und Plattformen gibt, wo man sich austauschen kann und etwas anwenden kann. Die man auch wirklich nach der Teilnahme weiterführt.

Dann danke ich für das Gespräch und für den Einblick in die Arbeit von CEOs on Wheels. Das klingt sehr interessant. Danke Ihnen auf jeden Fall.

Dankeschön.

Fazit: Was kann CEOs on Wheels in der Behindertenpolitik verändern?

Initiativen wie CEOs on Wheels sind enorm wichtig, um das Bewusstsein für das Themenfeld „Menschen mit Behinderung“ zu schärfen. Es ist bekannt, dass diese Menschen oft Schwierigkeiten im Erwerbsleben haben und deshalb fordern aktuell wieder einige höhere Strafen für Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung einstellen.

Initiativen wie CEOs on Wheels gehen hier bewusst einen anderen Weg. Sie versuchen, die Unternehmen und die Menschen im Rollstuhl zusammen zu führen. Denn der persönliche Kontakt, das Erleben des Alltags von Menschen im Rollstuhl kann Barrieren im Kopf abbauen und auf lange Sicht vielleicht viel mehr bewirken als irgendwelche Strafen. Die Begleitstudie zeigt auch, dass hier Berührungsängste abgebaut werden konnten. Allerdings zeigt die Studie auch, dass viele Führungskräfte nicht davon ausgehen, dass man die Menschen im Rollstuhl tatsächlich in der Firma einsetzen kann. Vielmehr wird das Projekt als soziales Engagement gesehen, denn als wirkliche Möglichkeit der Rekrutierung. Ich denke, genau daran muss man seitens von CEOs on Wheels noch arbeiten.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.