Wenn man einen jüngeren und attraktiven Rivalen bekommt, während gleichzeitig die Anerkennung der Arbeit durch den Souverän erodiert und dann noch die Staatsanwaltschaft gegen einen ermittelt, kann man schon Angst bekommen. Und die ÖVP hat Angst. Zu Recht.

Ein Kommentar von Thomas Knapp

Angst ist ein natürliches Grundgefühl mit (evolutionsbiologisch) großer Bedeutung. Täglich rettet Angst Leben. Aber sie kann auch eskalieren. Starke Ängste oder Angststörungen wirken zum Nachteil jener, die durch das Gefühl der Angst eigentlich geschützt werden sollen. In diesen Fällen ist es wichtig, die Angst zu bewältigen. Eine besonders schwierige Situation entsteht, wenn die betroffene Person sich in eine Spirale der Angst begibt, in der die eigene Reaktion die Angst, oder das was Angst macht, nur verstärkt, das Problem also verschärft.

Dieses bekannte Muster kann man derzeit sehr gut bei der Österreichischen Volkspartei beobachten. 1 Die Partei hat Angst, das ist offensichtlich, und sie hat sehr gute Gründe, Angst zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die ÖVP als Ganzes, ein einmaliger Vorgang, und findet dabei offensichtlich zumindest genug, um die Ermittlungen nicht einzustellen. Sollte in der ÖVP jemand von illegalen Vorgängen wissen, wäre die Angst doppelt begründet, aber auch wenn alle mit reinem Gewissen davon ausgehen, nichts falsch gemacht zu haben, bleibt die Angst, dass jemand anderes etwas gemacht hat, also etwas Schädigendes passiert ist, das völlig außerhalb der eigenen Kontrolle liegt.

In so einer Situation sind die neos das Letzte, was die ÖVP brauchen kann. Eine junge, unbelastete Alternative für klassische ÖVP-WählerInnen. Modern, hübsch, unbeschädigt und offensichtlich erfolgreich. Die neos sind, sehr bildlich gesprochen, kein Stachel im Fleisch der ÖVP, sie haben dort eine klaffende Wunde hinterlassen, denn sie sind Fleisch vom Fleische der Volkspartei. Die ÖVP hat nicht nur Angst vor den neos, sie ist auch verletzt und gekränkt.

Flucht vor der Angst

Es gibt typische Reaktionen auf Angst. Eine der häufigsten ist, ein Vermeidungsverhalten zu entwickeln. Man vermeidet, was Angst macht, z.B. durch Rückzug. Das löst aber die Angst nicht, hilft nicht dabei sie zu bewältigen, sondern gibt ihr nur mehr Raum. Bleibt man bei der gewählten Reaktion muss man immer mehr vermeiden, sich also z.B. immer weiter zurückziehen. Andere verbreitete Reaktionen auf Angst sind etwa Verdrängung, Verleugnung oder Bagatellisierung. Nichts davon löst das Problem oder hilft dabei, mit der Angst umzugehen, oder sie gar bewältigen zu können. Alle diese Strategien fühlen sich aber kurzfristig angenehmer an, als sich der Angst zu stellen, und haben zumindest theoretische Erfolgschance, wenn die Ursache der Angst zumindest theoretisch von alleine verschwinden könnte.

Im Umgang mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wählt die ÖVP zwar oft den Weg der Bagatellisierung, aber das ist politische Kommunikation. Grundsätzlich scheint man möglichst kooperativ sein zu wollen, um, unter anderem mit „tätiger Reue“, um das Problem, welches begründete Angst macht, zu lösen.

Mit den neos ist es viel schwieriger. Die ÖVP hat nicht nur begründete Angst, genug ÖVP-Mitglieder hassen die neos regelrecht. Eine normale Reaktion, wenn einen jemand verletzt und verlässt. Der ÖVP sind diese emotionalen Reaktionen aber peinlich, und sie sind ja auch wirklich nichts, was man in der Politik offen diskutieren könnte. Also hat man sich dafür entschieden, zu leugnen (wir sind ganz anders als die neos, mit denen haben wir nichts zu tun), wenn es nicht mehr geht, zu bagatellisieren (das ist nur der Charme des Neuen, das geht vorbei) und, mit Abstand die gefährlichste Lösung, die neos zu vermeiden. Man zieht sich aus dem bürgerlich/liberalen Lager zurück, betont wie christlich und konservativ man sei und grenzt sich ab, indem man erklärt wie liberal die neos doch im Gegensatz zur ÖVP seien.

Diese absurde Strategie gibt nicht nur den neos Zeit und Raum sich dauerhaft zu etablieren, sie ist aktive politische Selbstverstümmelung. Man treibt die eigenen Wirtschaftstreibenden, das Bürgertum in den Städten, junge, konservative Familien, etc. zu den neos. Man gibt mit dieser absichtlichen Verengung den Anspruch auf, eine Volkspartei zu sein, und man verbaut sich jede politische Erfolgschance. Eine reaktionäre ÖVP verliert in den Städten, etwas das sich die ÖVP, in einer ziemlich absurden Wiederkehr des Gleichen 2, regelmäßig in Wien beweist. Nennenswerte Wahlerfolge auf Bundesebene sind ohne die Städte zu vergessen, selbst einige Bundesländer sind ohne ihre Hauptstädte für die ÖVP verloren. 3

Natürlich kann Angst einem zu viel werden, kann man unter der Last, sich ständig zu fürchten, und dem äußeren und inneren Druck, die Angst zu bewältigen zusammenbrechen. Das ist normal und passiert vielen. Aber die ÖVP ist eine große Gruppe von Menschen, die größte Partei des Landes, die seit fast drei Jahrzehnten ununterbrochen in der Bundesregierung sitzt. Die Volkspartei ist kein vereinsamter Mensch, dem niemand helfen will, sondern eine Selbsthilfegruppe, die sich selbst nicht hilft.

Endstation Mitleid?

Während dem Schreiben dieser Zeilen hätte ich fast Mitleid mit der ÖVP bekommen. Aber dafür gibt es keinen Grund. Alle diese Probleme sind hausgemacht. Es gibt keinen Zwang oder vernünftigen Grund, ein liberales Bürgertum völlig zu ignorieren, um an veralteten und diskriminierenden Werten festzuhalten, die vielleicht die Lebensrealität von Fabelwesen beschreiben, von denen sich ÖVP-PolitikerInnen gegenseitig erzählen, aber nicht die der heutigen Gesellschaft. Es gab keinen Zwang oder vernünftigen Grund, Modernisierungsversuche aus den eigenen Reihen abzuwürgen und die Leute dahinter nachhaltig aus der Partei zu vertreiben. Ohne diese Entscheidungen, wären LiF und Julis so bedeutungslos geblieben, wie sie es vor den neos waren.

Es gab auch keinen Zwang oder vernünftigen Grund Dinge zu tun, die einem Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bescheren, oder zumindest zu tolerieren das die eigenen Leute solche Dinge tun. Es gibt keinen Zwang für politisch offensichtlich nicht funktionierende Strategien, wie die Idee die FPÖ rechts zu überholen 4, und ihr damit das Feld zu bereiten, ohne auch nur ansatzweise davon zu profitieren.

Wenn die eigene Politik die Tories, die CDU und den Papst in Relation nach ziemlich weit links verrückt, sollte man sich als konservative Partei Mitteleuropas ganz grundsätzlich hinterfragen. Wie passe ich in diese Welt? Wieso haben sich Gruppen, mit denen ich mich auf einer Linie sehe, so weit von mir entfernt? Vor allem aber sollte man sich Fragen stellen, gegen die man sich in der Politik immunisiert: Was habe ich falsch gemacht und wie kann ich es wiedergutmachen?

Foto: Dieter Zirnig/Flickr, bearbeitet von Thomas Knapp

Quellen und Fußnoten:

  1. Ohne psychische Krankheiten verharmlosen oder als Beleidigung verwenden zu wollen, das Muster ist einfach frappierend ähnlich.
  2. Ernsthaft, wie oft muss die ÖVP noch mit einem reaktionären, nach rechts außen schielendem Wahlkampf in einer Stadt scheitern, bevor das Konzept aufgegeben wird?
  3. Deutlich sieht man das z.B. in der Steiermark, die SPÖ konnte den ersten Platz bei der letzten Wahl nur durch einen (überraschenden) Sieg in der Landeshauptstadt verteidigen
  4. Wo soll da auch Platz für eine Überholspur sein?