Im heutigen #equwality Interview sprechen wir mit Martin Ladstätter, Mitglied des Menschenrechtsbeirats und Obmann des Vereins BIZEPS, der sich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung einsetzt.

In unserem Format #equwality blicken wir auf die bunte und vielfältige Gesellschaft in der wir leben, sowohl in Österreich als auch in Europa.  Es kommen Menschen zu Wort, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen oder sich im Kampf gegen Diskriminierung behaupten. Wir wollen bewusst nicht wegschauen sondern die Missstände ansprechen, ein Bewusstsein schaffen und eine Diskussion über den Umgang mit Minderheiten anstoßen.

MartinLadstätterMartin Ladstätter
geboren 1966, ist Gründungsmitglied des ersten österreichischen Zentrums für Selbstbestimmtes Leben (BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben) und Redakteur von BIZEPS-INFOund kobinet-nachrichten. Weiters tätig im „Klagsverband zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern“ und Mitglied des Unabhängigen Monitoringausschuss zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie des Menschenrechtsbeirates der Volksanwaltschaft.

 

neuwal: Herr Ladstätter, BIZEPS – was ist das? Was macht der Verein?

Martin Ladstätter: BIZEPS ist ein Verein, er heißt BIZEPS – Verein für Selbstbestimmtes Leben. Wir betreiben in Wien ein Beratungszentrum und unsere Arbeitsschwerpunkte sind Selbstbestimmung und Gleichstellung.

Selbstbestimmung. Was verstehen Sie darunter?

Wir unterstützen Mensch, vor allem behinderte Menschen, dabei ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, Ressourcen zu finden, und die auch so einzusetzen, dass sie Teil der Gesellschaft sein können.

Wir lassen nicht über unsere Köpfe entscheiden sondern mischen uns ein.

Ein wichtiges Schlagwort ist dabei auf Augenhöhe agieren. Oft wird von Politik und Gesellschaft der Ansatz von oben herab gewählt, man kümmert sich usw.

Genau. Dem wollen wir entgegenwirken und wir mischen uns auch ein. Wir lassen nicht über unsere Köpfe entscheiden sondern wir mischen uns ein.

Was wäre da ein konkretes Beispiel, wie Sie sich einmischen?

Beispielsweise haben wir begonnen, als wir mitbekommen haben, dass die Wiener Linien vor vielen Jahren neue Verkehrsmittel kaufen, die nicht für uns zugänglich sind, Verkehrsmittel zu blockieren. Straßenbahnen, Autobusse – so lange bis man auf uns gehört hat.

Also wirklich aktiver Protest.

Ja, die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ist für ihren aktionistischen Zweig bekannt.

Ist es eine Bewegung, die es nur in Österreich gibt oder gibt es sie auch in anderen Ländern?

Die selbstbestimmtes Leben Bewegung ist gestartet worden in den USA, in Berkley und kam sehr stark über die Universitäten. Vor 20 Jahren kam sie auch nach Österreich.

Und seit dem sind Sie dabei?

Genau. Wir sind das erste Zentrum in Österreich und seither gibt es in vielen Bundesländern selbstbestimmtes Leben Organisationen.

Kann man sagen wie viele Mitglieder Ihr Verein hat?

Keine Ahnung, weil wir kein Mitgliederverein sind. Man kann bei uns zwar Mitglied werden aber das ist nicht unsere Motivation. Unsere Motivation ist Leute zu finden, die uns unterstützen, um gemeinsam etwas zu bewegen. Dafür brauche ich keine Mitgliedschaft.

Unsere Motivation ist Leute zu finden, die uns unterstützen, um gemeinsam etwas zu bewegen.

Wie kann so eine Unterstützung funktionieren?

Lobbyismus beispielsweise. Politiker angehen, Artikel schreiben, aber auch etwas blockieren. Also unsere erste Subvention, die wir vom Sozialministerium bekommen haben, haben wir eingesetzt um das Ministerbüro des Ministeriums zu besetzen, nur um zu wissen ob die uns jetzt einkaufen wollten, oder ob die uns wirklich unterstützen wollen. Wir haben damals fürs Pflegegeld gekämpft.

Und waren erfolgreich?

Ja, wir waren erfolgreich. Nicht in allen Punkten. Wir hätten manches anders und besser gemacht, aber grundsätzlich war es ein Erfolg.

Bei solchen Aktionen oder wenn sie sich generell an die Politik wenden wollen, wer ist da Ihr Ansprechpartner?

Es gibt eine Struktur. In Österreich ist der Sozialminister zuständig in der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen. Finde ich zwar nicht gut, ist aber so. Weil eigentlich ist Behinderung eine Querschnittsmaterie und da müsste eigentlich jeder Minister und jede Ministerin in ihrem Bereich das tun was zu tun ist.

Es geht bei Ihrem Verein ganz zentral auch um Beratung. Ich habe auf Ihrer Homepage gelesen, dass es auch eine Peer- Beratung gibt.

Die selbstbestimmt Leben Bewegung berät nach der Peer-Counseling Methode. Das heißt Betroffene beraten Betroffene. Kommt wie gesagt aus den USA. In den Universitäten ist es ja üblich, dass Studenten Studenten beraten. Man kennt das auch bei Anonymen Alkoholikern. Es ist eine Beratungsmethode, wo es nicht darum geht, dass der eine alles weiß und der andere nichts weiß, sondern beide wissen etwas in ihrem Leben und können einander gegenseitig unterstützen. Mit Erfahrungen, mit Handlungsanleitungen.

Es ist eine Beratungsmethode, wo es nicht darum geht, dass der eine alles weiß und der andere nichts weiß, sondern beide wissen etwas in ihrem Leben und können einander gegenseitig unterstützen.

Sie sind nicht nur bei BIZEPS aktiv, sondern auch in verschiedenen anderen Organisationen und Vereinen. Welche sind das?

Ich hab das Glück gehabt, dass ich auch Gründungsmitglied vom Klagsverband bin, das ist eine Organisation, die diskriminierten Menschen, egal aufgrund welcher Art der Diskriminierung unterstützt. Ob das jetzt Lesben oder Schwule, Frauen, MigrantInnen oder Menschen mit Behinderung sind. Völlig egal. Das ist auch eine Aufgabe die mir sehr viel Spaß macht.

Sie sind außerdem auch im Menschenrechtsbeirat der Bundesregierung aktiv. Was ist das bzw. was machen Sie da?

Die Republik hat in der Volksanwaltschaft ein Beratungsgremium, für die Volksanwaltschaft, in Menschenrechtsfragen. Das war früher im Innenministerium und ist jetzt in der Volksanwaltschaft seit 2012.

Wie oft tagt dieses Gremium? Und was sind Themen die Sie dort besprechen?

Sehr häufig. Einerseits weil es reguläre Sitzungen gibt und weil es sehr viele Unterarbeitsgruppen gibt, wo verschiedene Themen besprochen werden, z.B. jetzt grad Vordernberg oder Supervision bei Polizei oder wie gehe ich mit Sonderschulen um. Da gibt es sehr viel zu tun.

Was sind aktuelle Anliegen, für die Sie sich derzeit einsetzen?

Es gibt mehrere Baustellen an denen wir arbeiten. Zum Beispiel die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Es treffen sich z.B. Menschen im Außenministerium, die eine Übersetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verbessern müssen, weil die erste Übersetzung sehr schlecht war.

Wir arbeiten auch daran, dass in Österreich einheitlich persönliche Assistenz von den Bundesländern finanziert wird. Das ist ein Thema, das für behinderte Menschen extrem wichtig ist.

Wir kämpfen sehr mit dem Föderalismus. Behindertenangelegnheiten sind in Österreich sehr häufig Landessache, das heißt es gibt aber auch neun verschiedene Regelungen. Da versuchen wir manche Dinge zu vereinheitlichen.

Ja, ich habe besondere Bedürfnisse. Bei mir ist das beispielsweise Schokolade.

Eine Frage noch zum Schluss. Zur Zeit wird wieder viel über Political Correctness diskutiert. Wie würden Sie jetzt aus Ihrer Sicht sagen, ist die korrekte Bezeichnung für Menschen mit Behinderung?

Behinderte, hauptwörtlich gebraucht ist natürlich eine Diskriminierung. Aber behinderte Menschen oder Menschen mit Behinderung ist vollkommen ok. Was man nicht machen sollte, sind unsinnige Umschreibungsvarianten, wie Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Ja, ich habe besondere Bedürfnisse. Bei mir ist das beispielsweise Schokolade. Aber das hätten Sie nicht gemeint.

Vielen Dank für das Interview.

Interview: Michael Hunklinger

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