2014 jährt sich zum hundertsten Mal der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In Großbritannien und Frankreich wird oft vom „Great War“ beziehungsweise der „Grande Guerre“ gesprochen, während dieser Krieg in der österreichischen Erinnerungs- und Aufarbeitungskultur ein tristes Dasein im Schatten des 2. Weltkrieges fristet.

Im heutigen Booklewal werden daher einige literarische Werke vorgestellt, die gewissermaßen einen Kanon zum Ersten Weltkrieg ausmachen. Darunter befinden sich sowohl Sachbücher, die die verschiedensten Facetten der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ untersuchen, als auch teils autobiographische Erzählungen, die einen Eindruck von den verschiedenen Fronten des Krieges vermitteln.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

DieSchlafwandlerAufsehen erregte der australische Historiker Christopher Clark (tätig an der Universität Cambridge) bereits 2012 mit diesem Werk. Bisher im Bereich der preußischen Geschichte tätig, widmete er sich nun dem Ersten Weltkrieg und dessen Anfängen. Er dokumentiert sowohl die Ausgangslage am Balkan, die Politik der europäischen Großmächte und die Bündnissysteme sowie schlussendlich die Julikrise 1914 und den Kriegsausbruch. Clark versucht in diesem Buch die These zu widerlegen, Deutschland trage den Großteil der Schuld am Ersten Weltkrieg. Er vertritt die Ansicht, keiner haben den Krieg wirklich gewollt, die Großmächte seien mehr oder weniger hinein „geschlafwandelt“, unter anderem auch aufgrund einer „Krise der Männlichkeit“. Was genau Clark damit meint, wird bei der Lektüre dieses viel gepriesenen, aber auch kritisierten Werkes deutlich. Erhältlich im englischen Original sowie in der deutschen Übersetzung.

Christopher Clark: Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. 2013 aus dem Englischen übersetzt. ISBN 978-3-421-04359-7 – [amazon_link id=“3421043590″ target=“_blank“ ]41,20 Euro (Hardcover)[/amazon_link], [amazon_link id=“B00E7PVXMI“ target=“_blank“ ]32,99 Euro (eBook)[/amazon_link]

Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie

6114_0Der österreichische Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner untersucht im umfangreichsten Werk dieser Liste vorwiegend die österreichisch-ungarischen Aspekte des Krieges. Es ist eine, speziell zum Gedenkjahr überarbeitete, Neuauflage seines Werkes „Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg“. Wer also an der Rolle der Habsburgermonarchie interessiert ist, kann sich gut durch die über 1200 Seiten lesen, nachdem Rauchensteiner seine Worte recht einfach wählt. Eine gewisse Behaftung mit österreichischen Vorurteilen kann man ihm nicht absprechen, doch wer dies in Kauf nimmt, wird sich mit diesem Buch eine Weile auseinandersetzen können.

Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie. 2013. ISBN 978-3-205-78283-4 – [amazon_link id=“3205782836″ target=“_blank“ ]45,00  Euro (Hardcover)[/amazon_link], [amazon_link id=“B00GTTG7AS“ target=“_blank“ ]35,99 Euro (eBook)[/amazon_link]

Mark Thompson: The White War

516017RcE7LDer britische Historiker Mark Thompson widmet sich in „The White War“ der Südfront zwischen Österreich-Ungarn und Italien. An diesem relativ wenig beachtete Kriegsschauplatz kam es zwischen 1915 und 1918 zu einigen der blutigsten Offensiven des Krieges. Eingebettet in die politische Situation des noch jungen Königreichs Italiens bringt Thompson dem Leser die Ereignisse in den Dolomiten, am Isonzo und den umliegenden Gegenden hervorragend näher. Außerdem bietet das Buch nützliche Hintergrundinformationen für die weitere Entwicklung Italiens sowie das „Schicksal“ des Trentino und Südtirols. Die Person des italienischen Generalstabschefs Luigi Cadorna wird ebenfalls präzise analysiert und verdeutlicht die Auswirken seiner Art der Kriegsführung auf die einfachen Soldaten an der Front. Wer jetzt noch einen Grund braucht das Buch zu lesen: Die italienische Sicht der Österreicher im Ersten Weltkrieg ist höchst aufschlussreich.

Mark Thompson: The White War – Life and Death on the Italian Front 1915 – 1919. Nur im englischen Original verfügbar. 2010. ISBN 978-0465020379 – [amazon_link id=“0571223346″ target=“_blank“ ]13,99  Euro (Taschenbuch)[/amazon_link], [amazon_link id=“B0030EK4MW“ target=“_blank“ ]7,80 Euro (eBook)[/amazon_link]

Niall Ferguson: The Pity of War

pityDer Schotte Niall Ferguson versuchte in seinem 1998 veröffentlichten, höchst kontrovers diskutierten Werk, 10 „Mythen“ zum Ersten Weltkrieg zu widerlegen. An erster Stelle geht es um seine These, Deutschland sei nicht der Aggressor gewesen, wie eine gängige Deutung lautet. Berlin habe sich vielmehr zu einem Präventivkrieg gegen die übermächtige Entente und den britischen Imperialismus gezwungen gesehen. Laut Ferguson wäre es für Großbritannien vernünftiger gewesen, nicht in den Krieg einzusteigen. Ein deutscher Sieg hätte lediglich einen Vorläufer der Europäischen Union bedeutet – ohne Kommunismus und Faschismus, wie sie sich nach dem Krieg entwickelten. Auch die weiteren gängigen Behauptungen zum Krieg versucht Ferguson zu widerlegen. Man kann von der „What if“-Historiographe halten was man will, das Buch regt jedenfalls zum Nachdenken an und sollte nicht ignoriert werden.

Niall Ferguson: The Pity of War – Explaining World War I. Auch als deutsche Übersetzung verfügbar. 1998. ISBN 0-14-027523-1 – [amazon_link id=“0140275231″ target=“_blank“ ]15,99  Euro (Taschenbuch)[/amazon_link], [amazon_link id=“B00936RWO4″ target=“_blank“ ]7,90 Euro (eBook)[/amazon_link]

Ernest Hemingway: In einem andern Land

hemingwayErnest Hemingway, Literatur–Nobelpreisträger, begründete mit seinem Werk „A Farewell to Arms“ gewissermaßen das Genre der US-amerikanischen Weltkriegsliteratur. Das Werk hat autobiografische Züge, denn Hemingway war selbst an der Südfront als Sanitäter im Einsatz. Er erzählt die Liebesgeschichte eines US-Soldaten, der am Isonzo für die Italiener kämpft, und einer schottischen Krankenschwester, die ebenfalls in der Gegend stationiert ist. Eindrucksvoll schildert Hemingway die Schrecken des Krieges und es wird klar, dass der Tod nicht nur von der anderen Seite der Front kommt: Beispielsweise wird ein ganzer italienischer Truppenteil wegen „Feigheit“ auf der Stelle dezimiert. Der Roman wurde auch verfilmt und gilt als eines der wichtigsten Werke Hemingways. Natürlich kann es, wie bei Hemingway gewohnt, kein Happy End geben, doch trotzdem – oder gerade deshalb – ist das Buch definitiv zu empfehlen.

Ernest Hemingway: A Farewell to Arms. Auch auf Deutsch verfügbar. 1929. ISBN 978-0099910107 – [amazon_link id=“3499226022″ target=“_blank“ ]10,30 Euro (Taschenbuch)[/amazon_link]

Mario Rigoni Stern: Storia di Tönle

rigoni sternMario Rigoni Stern gehörte zur Sprachminderheit der Zimbern, die in einer Handvoll Gemeinden im südlichen Trentino, an der Grenze zu Venetien leben. Diese Gemeinden, deren Einwohner einen alten bairischen Dialekt sprechen, genossen seit Jahrhunderten eine gewisse Autonomie, die jedoch 1915 endete. Nicht nur wurden durch den Kriegseintritt Italiens etliche Zimbern in die Armee berufen, später wurde auch das Gebiet der „Sieben Gemeinden“ rund um Asiago zum unmittelbaren Kriegsschauplatz. Rigoni Stern erzählt die Geschichte des Zimbern Tönle Bintarn, der wenig von Grenzen und Weltpolitik hält und dem Krieg lange Zeit trotzt, bis er schließlich von den Österreichern in einem Lager interniert wird. Die Storia di Tönle beschreibt mit nüchternen Worten die schrecklichen Auswirkungen des Krieges auf jeden einzelnen und besonders auf die Minderheit der Zimbern, die damals in die Poebene umgesiedelt wurde. Viele kehrten nie wieder in ihre Heimat zurück.

Die Storia di Tönle wurde 2010 gemeinsam mit zwei anderen, thematisch verwandten Werken Rigoni Sterns als „Trilogia dell’Altipiano“ (Trilogie der Hochebene, gemeint ist die Hochebene von Asiago) herausgegeben. Eine deutsche Übersetzung der Storia di Tönle existiert, wurde allerdings zuletzt 1988 verlegt.

Mario Rigoni Stern: Trilogia dell’Altipiano. 2010. ISBN 9788806204143, deutsche Übersetzung (1988): ISBN 3-924244-14-6 – [amazon_link id=“8806204149″ target=“_blank“ ]14,41 Euro (Taschenbuch)[/amazon_link], [amazon_link id=“B005VOHZFI“ target=“_blank“ ]6,99 Euro (eBook)[/amazon_link]

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

51DRW0PBXYL„Im Westen nichts Neues“, der 1929 erschiene Roman des deutschen Schriftstellers Erich Maria Remarque, kann ohne Zweifel als der deutsche Roman zum Ersten Weltkrieg bezeichnet werden. Am Beispiel einer Schulklasse, die von ihrem patriotischen Lehrer überredet wird, geschlossen in den Krieg zu ziehen, erzählt Remarque von der „verlorenen Generation“. Einer nach dem anderen sterben die Kameraden, als letzter auch der Protagonist Paul Bäumer. An seinem Todestag beschränkt sich der Bericht von der Front auf den Satz „Im Westen nichts Neues“ – das Sterben ist zur Normalität geworden.

Remarque wurde durch seinen Roman zum Feind der Nationalsozialisten, die das Werk korrekterweise als Antikriegsroman auffassten. Remarque selbst bezeichnete es als „unpolitisch“, da er der Meinung war, es könne doch kein Mensch für den Krieg sein. Sehr zu empfehlen ist auch die Verfilmung aus dem Jahr 1930.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. 1929. ISBN 978-3-462-04581-9 – 15,50 Euro (Hardcover), 6,99 Euro (Taschenbuch), 6,99 Euro (eBook)

Robert Graves: Goodbye to All That

goodbye-to-all-thatDer britische Schriftsteller Robert Graves verarbeitete in dieser Autobiographie seine Erlebnisse an der Westfront, beispielsweise in den Schlachten an der Somme. Er beschreibt eindrücklich das monatelange Dahinsiechen in den Schützengräben sowie die Traumata und Nachwirkungen, die Graves nach seiner Rückkehr nach England durchlebte. Der Titel des Buches bezieht sich auf die alten politischen und sozialen Ordnungen Europas, die durch die „Urkatastrophe“ endgültig zerstört wurden und auf deren Ruinen neue Bewegungen, sowohl gute als auch schlechte, entstanden. Graves beschreibt das Buch als „my bitter leave-taking of England“. Interessant sind auch die Schilderungen möglicher britischer Kriegsverbrechen im Umgang mit deutschen Gefangenen.

Robert Graves: Goodbye to All That. Auch in einer deutschen Übersetzung verfügbar. 1929. ISBN 0-385-09330-6 – 10,80  Euro (Taschenbuch), 6,52 Euro (eBook)

Ernst Jünger: In Stahlgewittern

cover-pageEine etwas andere Betrachtung bietet Ernst Jünger. Der deutsche Schriftsteller, Philosoph und Kriegsveteran beschreibt den Alltag an der Westfront in all seiner Brutalität, bewertet ihn aber nicht und geht auch nicht auf politische Hintergründe ein. Das autobiographische Werk erzählt von Jüngers tapferen  und oftmals waghalsigen Kriegstaten in den größten Schlachten an der Westfront. Jünger überarbeitete sein Werk zahlreiche Male, auch vor dem Kontext der von ihm verachteten Weimarer Republik. Vom Nationalsozialismus distanzierte sich Jünger allerdings und „entschärfte“ in den 1930er-Jahren die nationalistischen Passagen des Buches wieder. „In Stahlgewittern“ ist beim Project Gutenberg online frei zugänglich.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers. 1920. ISBN 978-3608952087 – 19,50 Euro (broschiert), 14,99 Euro (eBook)

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Titelbild: CC BY 2.0 flickr.com/photos/geraldpereira
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Stefan Hechl

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