Geschlechterrollen sind derzeit wieder einmal sehr präsent in den Medien. Margot Landl beschäftigt sich in ihrem heutigen Gastkommentar mit diesem Thema und geht der Frage nach, wie sich der sog. Modernisierungsstress auf Frauen und Männer auswirkt. 

Ein Gastkommentar von Margot Landl.

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Margot Landl studiert Politikwissenschaft sowie Deutsch und Geschichte auf Lehramt an der Universität Wien. Sie schreibt u.a. für progress – das Magazin der österreichischen Hochschülerinnenschaft.

So viel wird darüber geschrieben, so viel wird darüber gesprochen und jeder hat dazu etwas zu sagen (ich inklusive). Unzählige Institute werden eingerichtet, Artikel geschrieben, Diskussionen geführt, so viel, dass die ZEIT bereits im März des letzten Jahres titelte: „Lasst mich mit eurem Geschlecht in Ruhe!“. Förderungen von Studentinnen in MINT-Fächern, Frauenquoten, Väterkarenz – es existieren in Österreich unzählige Gesetze, Programme und Debatten, die sich alle zum Ziel gesetzt haben, nun auch hier die Geschlechtergerechtigkeit zu verbessern. Viel Zeit und Energie waren nötig, um die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft auf dem Papier schrittweise zu verbessern und dann das: Laut einer neuen Studie der Uni Wien nehmen immer noch überwiegend Frauen nach der Geburt eines Kindes die Karenzzeit in Anspruch und arbeiten mit einem Kleinkind in Teilzeit. Etwa die Hälfte der jungen Frauen würde gerne Hausfrau werden, wenn der Mann genug verdient. Und jede/r Zweite stimmt mittlerweile der Aussage zu, dass die traditionellen Geschlechterrollen weniger anstrengend seien als die modernen. Was läuft da schief im Staate Österreich? Retraditionalisierung trotz Modernisierung?

„Modernisierungsstress“

Schuld ist nach neuesten Forschungsergebnissen der sogenannte „Modernisierungsstress“ 1, der Frauen wie Männer fordert und teilweise auch überfordert. Die Frauen sind mit dem Haushalt (den sie immer noch überwiegend alleine bewältigen), Kindern und jetzt auch noch Vollzeitberuf restlos überarbeitet, stehen vor der Auswahl, als Hausmütterchen oder Rabenmutter tituliert zu werden, die Männer beklagen sich, dass sie gar nicht mehr wissen, was die Gesellschaft von ihnen will (zu soft, zu ignorant, arbeitet zu wenig, arbeitet zu viel,…). Als Reaktion auf diese Entwicklung veröffentlichen die Gesellschaftsressorts österreichischer und deutscher Zeitungen eine Flut an Artikeln, die allesamt beim Lesen das Gefühl vermitteln, man kann es sowieso nur falsch machen.

Doch aus diesem Modernisierungsstress resultiert laut jener Studie etwas, wie ich glaube, durchaus Positives: Frauen und Männer wenden sich für ihre persönlichen Orientierung immer stärker von vorgegebenen Rollenbildern ab und bemühen sich in erster Linie darum, für BEIDE Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Dabei steht nicht mehr die Erfüllung einer Rolle im Vordergrund, sondern die gleichberechtigte Verhandlung mit dem/der PartnerIn über die Organisation des gemeinsamen Lebens. Dies ist meiner Ansicht nach als eigentliche Modernisierung zu sehen, nicht, wer in diesem Monat Abendessen gekocht, mehr Überstunden gemacht oder das Garagentor repariert hat. Denn gerade das erzeugt am meisten Druck für junge Paare: Die ständige Konfrontation mit Schablonen für das eigene Leben.

Quellen und Fußnoten:

  1. Genderforschung: Wir werden pragmatischer?, diepresse.com. 25.01.2014