Der grüne Bundesrat Marco Schreuder stellt sich in seinem equwality-Gastkommentar die Frage, worüber man sich Gedanken machen muss, sobald die rechtliche Gleichstellung der LGBT-Community erfolgt ist.

Marco SchreuderMarco Schreuder
(* 27. April 1969 in Putten, Niederlande) ist seit 4. November 2011 Abgeordneter zum österreichischen Bundesrat. Nach einem Regie-Studium am Max-Reinhardt-Seminar engagierte sich Schreuder stark in der Schwulen- und Lesben-Szene und schrieb ab 1996 Artikel in lesbisch-schwulen Medien. 2001 stieg er als Referent für Menschenrechte und Antidiskriminierung im Grünen Klub im Rathaus ein. Nach seiner Tätigkeit als Fachreferent bei den Wiener Grünen wurde Schreuder Sprecher der Grünen Andersrum gewählt. Von 2005 bis 2010 war er Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat. Er war das erste offen schwul lebende Mitglied und setzt sich vor allem für die Rechte homosexueller und bisexueller Personen sowie Transgender ein und kämpft für die Erhaltung des Jüdischen Friedhofs Währing.
Quelle: Lebenslauf auf Wikipedia

Gastkommentar von Marco Schreuder

Wenn über das Thema Bi-, Trans-, Inter- und Homosexualität öffentlich diskutiert wird, geht es vor allem um rechtliche Fragen. Sei es der Zugang zu Partnerschafts- und Eherecht, sei es der rechtliche Schutz vor Diskriminierungen oder der Zugang zu Adoptionsrecht und medizinisch unterstützter Fortpflanzung. In Österreich ist da noch nicht alles erreicht, aber das scheint eher eine Frage des „wann“, und nicht des „ob“ zu sein. Denn in vielen Staaten Europas ist die rechtliche Gleichstellung erreicht.

Ist das ein Grund die Arbeit einzustellen? Ist das Erreichen aller rechtlicher und politischer möglicher Maßnahmen ein Grund zu sagen: Wir haben alles erreicht. Wir können unsere Initiativen, Vereine, usw. auflösen?

Ein Blick in durchaus verwandte Themenbereiche beantwortet diese Frage. Obwohl in vielen Ländern Antisemitismus von der (nahezu) gesamten Politik abgelehnt wird, sind Beobachtungsstellen dafür nach wie vor notwendig. Und machmal gibt sich Antisemitismus noch sofort als solche zu erkennen, sondern wird verklausuliert. Frauen-Gleichstellung gilt in ganz Europa als selbstverständlicher Bestandteil der Politik seit Jahrzehnten. Und trotzdem existiert nach wie vor ein Gender-Gap in Einkommen.

equwality
equ-quDie österreichische Gesellschaft ist bunt. Viel bunter als manch’ einer glauben möchte. equwality leistet dazu einen Beitrag, Vorurteile abzubauen und sich für eine offene, vielfältige und bunte Gesellschaft einzusetzen. Wir möchten politische und gesellschaftliche Debatten anstoßen und die politische Kultur auch in diesem Bereich in Österreich voranbringen: Making politics a better place.» equwality auf neuwal

Was ist also in einer Gesellschaft zu tun, in der die rechtlichen Rahmenbedingungen erreicht wurden?

Drei Fallbeispiele:

1. Amsterdam: Veilige Haven

Die Niederlande war das erste Land der Welt, das 2001 die Ehe für Lesben und Schwule öffnete. Rechtlich ist alles erreicht. Trotzdem gibt es noch Organisationen, die sehr aktiv sind und viel zu tun haben. Zum Beispiel der „Sichere Hafen“ in der alten Hafenstadt Amsterdam.

Bis in die 2000-er Jahre galten Forderungen allgemein für alle LGBTI-Personen. Auch das Mut machen, sich zu seiner sexuellen Orientierung galt dazu und wurde allgemeingültig formuliert. Erst nach und nach – auch im Zuge der Entwicklung von Diversity Management in Politik und Wirtschaft – mussten LGBT-Organisationen feststellen, dass etwa Coming-outs und der selbstbewusste Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung gar keine Allgemeingültigkeit hat, sondern in einer vielfältigen und multikulturellen Stadt wie Amsterdam sehr unterschiedlich sein kann. Ja, dass es sogar gute Gründe für einige Menschen gibt sich gar nicht zu outen, droht ihnen in diesem Fall etwa Rauswurf aus der elterlichen Wohnung, oder gar der Verlust der Familie.

„Veilige Haven“ setzt genau hier an. Vor allem Migrantinnen und Migranten, die ihre Liebe zum eigenen Geschlecht entdecken, finden hier Hilfe und Unterstützung. Sie werden beraten, wie sie individuell – in ihrer ganz persönlichen Situation, mit ihrer ganz eigenen Biografie und ihren ganz persönlichen Problemen – umgehen können. Sie finden soziale Hilfe, lernen Menschen kennen, die dieselben Probleme haben und wenn nötig wird ihnen ein Obdach organisiert, weil sie zuhause nicht mehr willkommen sind.

2. Stockholm: Regnbågen seniorboende

Auch in Schweden gelten die Gesetze für Lesben und Schwule als beispielhaft. Doch auch in Schweden stellten sich neue Fragen für die LGBT-Community. Etwa: Wie wollen wir als Menschen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen, eigentlich alt werden? Wo wollen wir wohnen? Wo wollen wir gepflegt werden?

Diese Fragen sind mittlerweile entscheidend. Die Emanzipation der LGBT-Community ist mittlerweile auch einige Jahrzehnte alt. Und mit dieser Zeit altern auch diejenigen, die sich emanzipiert haben und es in ihrer Zeit besonders schwierig hatten, weil sie damals noch Ausnahmen waren. Im Umkehrschluss bedeutet das auch: In dieser Zeit waren noch besonders viele Menschen enorm negativ zu Lesben und Schwulen eingestellt. Warum soll man deshalb als offen schwul oder offen lesbisch lebender Senior bzw. Seniorin genau mit diesen Menschen die letzten Jahre verbringen und die Konflikte aufgewärmt sehen, die man in den 70-er Jahren hatte? Und allem voran: Wie möchte ich alt werden – ohne Familie und Kinder?

Das ist eine der Gründe, warum es in Stockholm ein Altersheim für LGBT-Personen gibt. Die Betreiber sahen sich freilich schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, dies sei doch nur ein selbst erschaffenes Ghetto. Jedoch darf nicht vergessen, dass ein soziales Sicherheitsnetz gerade für LGBT-Senior_innen wichtig ist. Und genau dafür will das Altersheim sorgen.

3. Berlin: Gleich & gleich

Betreute Jugendwohngemeinschaften sind mittlerweile in vielen Städten üblich. Jugendliche aus Problemfamilien, Jugendliche, die von zuhause abhauen oder von den Eltern rausgeworfen werden, Jugendliche die auf die schiefe Bahn gerieten, Drogenprobleme haben und ähnliche Gründe sind es, die Jugendliche auf der Straße landen lassen. Und viele dieser Jugendliche sind lesbisch, schwul oder transident. Gerade für diese Gruppe hat sich in Berlin der Verein „gleich & gleich“ organisiert und betreibt für die Stadt Berlin betreute Jugend-WGs für ebendieses Klientel.

Durch dieses Projekt wird lesbischen, schwulen und transidenten Jugendlichen ein neues Zuhause ermöglicht. Eine Perspektive für die Zukunft. Sie erhalten Beratung in allen für sie wichtigen Lebensbereiche – sei es im Alltag, im Coming-out oder in der Ausbildung. Und das wichtigste: Sie erfahren, dass sie nicht alleine sind.

Diese drei Fallbeispiele – und es gebe noch Hunderte ihrer Art – zeigen auf, dass mit einer rechtlichen Absicherung noch lange nicht alles erreicht wurde. Dass es immer viel zu tun gibt. Und dass die Community manchmal auch für sich selbst sorgen muss. Nicht nur global sondern manchmal auch in der eigenen Stadt, wo alles paletti zu sein scheint.

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Idee & Umsetzung Michael Hunklinger
Mithilfe Dominik Leitner