Die Katastrophe von Kaprun liegt 13 Jahre zurück – zehn Jahre, nachdem im Salzburger Kaprun-Prozess alle Angeklagten freigesprochen wurden, zeigen nun zwei Journalisten die Ermittlungspannen.

Die Autoren

Hubertus Godeysen, geboren 1949 in Lüneburg, machte von 1980 bis 1998 Pressearbeit für mehrere norddeutsche Landesregierungen und Verbände, danach und bis 2009 Stabstätigkeit für internationale Organisationen. Godeysen schreibt als freier Journalist für deutsche und österreichische Medien. Über Kaprun berichtete er erstmalig 2009 in der Wochenzeitung DIE ZEIT. 2010 gelang ihm mit “Piefke-Kulturgeschichte einer Beschimpfung” ein auch international erfolgreiches Standardwerk. 2012 informiert er mit “ÖBB Schwarze Löcher-Rote Zahlen” über Österreichs größte Schuldenfalle.

Hannes Uhl, geboren 1972 in Zell am See, wuchs im Nachbarort von Kaprun auf und fuhr selbst Dutzende Male mit der Gletscherbahn auf das Kitzsteinhorn, die mit der größten Katastrophe in der Zweiten Republik weltweit traurige Berühmtheit erlangte. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien und der Absolvierung des Redaktionslehrgangs Magazinjournalismus von profil und Publizistik-Institut startete Uhl seine journalistische Laufbahn im News-Verlag. 2001 begann er im Kurier als Redakteur in der Chronik, wo er nach einem mehrjährigen Intermezzo im Sonntag-Kurier heute als stellvertretender Ressortleiter tätig ist. Mit der Katastrophe von Kaprun und deren Aufarbeitung beschäftigt er sich intensiv seit dem Jahr 2009.

Website zum Buch: 155.at

Am 11. November 2000 blickte die Welt, dramatisch gesagt, nach Österreich: Durch den Brand der Kitzsteingams inmitten des zum Berg führenden Tunnels und dem damit verbundenen Tod von 155 Menschen aus Österreich, Deutschland, Japan, den Vereinigten Staaten, Slowenien, Niederlande, dem Vereinigten Königreich und der Tschechischen Republik. Sogleich wurden Ermittlungen aufgenommen: Polizei, die KTZ (Kriminaltechnische Zentralstelle des Innenministeriums), der vom Gericht beauftragte Sachverständige – alle untersuchten sie nach und nach den Unfallhergang. Die Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat beeilte sich mit der Anklage, ohne dabei auf Gründlichkeit zu verzichten und schon im Juni 2002 beginnt das Verfahren, welches unter weltweiter Beobachtung stattfindet.

Die beiden Autoren Godeysen und Uhl haben in 42 Kapiteln in literarischer Form die Ereignisse zusammengefasst: Zuerst stellen sie die letzten Stunden mancher Opfer nach, erklären den Ablauf der Katastrophe und verfolgen die Personen während ihrer Ermittlungen. Vor allem die Unterstützung der damaligen Staatsanwältin bei der Recherche liefern Einblicke in ein Verfahren, welches ein weiteres Mal die österreichische Justiz in einem schlechten Licht darstellen lässt.

Die meisten der 161 Passagiere sind immer noch ahnungslos, weil sie sich zu weit entfernt vom Brandherd aufhalten oder im räumlich getrennten Bergwagen stehen, wie etwa die Skigruppe aus Japan oder die fünf Wiener Snowboarder. Zwischen die „Es brennt!“-Rufe mischen sich auch beruhigende Stimmen. „Warte nur, da kommt gleich wer“, sagt einer. 1

Die Staatsanwältin ist sich ihrer wichtigen Aufgabe bewusst – große Bekanntheit hat sie schon mit dem Lucona-Prozess erlangt und weiß, dass man sich in einem international verfolgten Verfahren vor allem auf Unabhängigkeit konzentrieren müsse. So lehnt sie es ab, dass die Mitarbeiter des KTZ als Hauptgutachter eingesetzt werden (weil u.a. auch Mitarbeiter des Verkehrsministerium auf der Anklagebank sitzen werden) und ernennt Anton Muhr zum Hauptgutachter. Dieser ist bereits für sein Gutachten zur Katastrophe im Tauerntunnel bekannt, ist Fachmann und übernimmt, nach einigen Überlegungen doch diese schwere Aufgabe. Dass er dabei aber nicht auf vollumfängliche Unterstützung trifft, überrascht ihn. So unterschlägt ihm die KTZ teils jahrelang wichtige Akten – und doch erstellt er ein umfangreiches Gutachten, welche die Schuld klarstellt: der eingebaute Heizlüfter war eine „tickende Zeitbombe“, wie Muhr auch 2010 noch sagt 2.

„Wie kommt so ein Heizlüfter in eine Standseilbahn?“ – „Da fragen Sie den Falschen. Schauen Sie, die Gebrauchsanleitung, hier steht es schwarz auf weiß: ‚Gerät darf nicht in Fahrzeuge eingebaut und dort betrieben werden.‘ Das ist eben ein Haushaltsheizlüfter, damit den Kindern im Bad nicht kalt wird oder der Oma auf dem Klo nicht friert.“ 3

Am Ende werden alle 16 Angeklagten freigesprochen: die Verteidiger (darunter u.a. Wilfried Haslauer, nunmehriger Landeshauptmann von Salzburg und Wolfgang Brandstätter, nunmehriger Justizminister) haben es geschafft, Anton Muhr derart unter Druck zu setzen, alles zu hinterfragen und forderten dann auf, ein psychologisches Gutachten über den Gesundheitszustand Muhrs zu erstellen. Nach der Diagnose einer „schweren Depression“ scheidet er aus, sein umfangreiches Gutachten wird – mit Hinblick auf diese Diagnose – als nichtig angesehen und neue Gutachter beauftragt, die teils recht fragwürdige Gutachten ablieferten.

Selbst als ein Guachter die Chaostheorie bemüht, um zu beweisen, dass die „Hand Gottes“ bei der Katastrophe im Spiel war und nicht menschliches Versagen oder Schlamperei, hört Manfred Seiss zu. Der Gerichtsgutachter führt aus, dass, wenn ein Schmetterling im brasilianischen Regenwald mit den Flügeln schlägt, könnte dies durch mehr als Tausende von sich fortsetzenden Zufällen in Europa eine Katastrophe auslösen. So war das in Kaprun. 4

Das Berufungsverfahren wurde nach einem Tag, ohne der Einsicht neuer Beweismittel eingestellt. Selbst ein Gutachten, welches feststellt, dass am Heizlüfter selbst kein Produktionsfehler vorlag, und somit die Begründung des Kaprun-Prozesses ad absurdum führt, wird keine Beachtung geschenkt. Obwohl eben dieses Gutachten in einem deutschen Prozess eingesetzt wurde, und das Urteil sich eindeutig vom österreichischen Urteil unterscheidet. Es soll keine Schuldigen geben, niemand solle Schuld gehabt haben – selbst wenn viele Beweise dagegensprechen. Seit 2010 ist es verjährt. Ein Wiederaufnahmeverfahren somit unmöglich.

Das Buch erschüttert: die letzten Minuten der Fahrgäste rühren den Leser, die nachfolgenden Erzählungen über die Ermittlungen und das Verfahren erschüttern einen. Man ist wütend und traurig, dass das Ansehen Österreichs und ein funktionierender Tourismus offenbar wichtiger sind, als ein nachvollziehbares, transparentes Verfahren. „155“ ist ein wichtiges Buch, eines, das aufregt. Jetzt hat die Justiz Erklärungsbedarf.

Weitere Artikel zum Buch:

Wem gehören unsere KinderHubertus Godeysen und Hannes Uhl

155 – Hundertfünfundfünfzig

Kriminalfall Kaprun

edition a

Seiten: 180
ISBN: 978-3-990-0107-61

Preis: [amazon_link id=“399001076X“ target=“_blank“ ]19,95 Euro[/amazon_link] (Hardcover), Kindle-Edition: [amazon_link id=“B00IIKC95S“ target=“_blank“ ]16,99 Euro[/amazon_link] (Partnerlink)

Quellen und Fußnoten:

  1. Godeysen, Hubertus / Uhl, Hannes (2014): 155 – Kriminalfall Kaprun, Ausgabe: Hardcover, Wien: edition a, Seite 31
  2. vgl. o.V. (2010): Kaprun-Prozess „korrupte Machenschaft“, orf.at, Abrufdatum: 26.2.2014
  3. Godeysen, Hubertus / Uhl, Hannes (2014): 155 – Kriminalfall Kaprun, Ausgabe: Hardcover, Wien: edition a, Seite 85
  4. Godeysen, Hubertus / Uhl, Hannes (2014): 155 – Kriminalfall Kaprun, Ausgabe: Hardcover, Wien: edition a, Seite 123
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