Durch die Saatgutverordnung ist die Agrar- und Lebensmittelpolitik wieder ins Zentrum der medialen Berichterstattung gerückt. Unabhängig davon, überdenken immer mehr Menschen ihr Konsumverhalten. Sie wollen wieder wissen, wo ihre Nahrungsmittel herkommen und wie sie erzeugt wurden. Kanalisiert hat sich dieser Wille in Konzepten wie „Community Supported Agriculture“ (CSA) oder sogenannten Foodcoops. Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und was diese alternativen Konzepte bewirken können, soll im heutigen innoWal geklärt werden.

» Was ist die EU-Saatgutverordnung? (neuwal.com)


innoWal: Foodcoops/ Community Supported Agriculture
innowal
Community Supported Agriculture
Mag. Hans-Peter Waldbauer
Interview mit Hans-Peter Waldbauer
Fazit

innowalinnoWal
Der innoWal stellt Organisationen/Konzepte vor, die innovative und neue Ideen in einem bestimmten Politikfeld realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto „Making politics a better place“ agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.

Nach einer kurzen Vorstellung der Organisation/des Konzepts steht dabei ein Interview mit einem/einer ExpertIn im Zentrum. Am Ende stellen wir uns dann die Frage, welche Veränderungen diese innovativen Ideen bewirken können.

Wir laden die LeserInnen von neuwal.com auch dazu ein, uns interessante Organisationen/Konzepte vorzuschlagen. Bei Interesse einfach einen Kommentar hinterlassen oder ein E-Mail an: wolfgang.marks [at] neuwal.com senden.

foodcoops


Community Supported Agriculture oder Solidarische Landwirtschaft, wie das Konzept im deutschen Sprachgebrauch üblicherweise bezeichnet wird, „ist eine direkte Partnerschaft zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen für eine Saison, in der sowohl die Risiken als auch die Vorteile mit den Bäuerinnen und Bauern geteilt werden. Mit dem Ziel, ein sicheres Einkommen für die Bäuerinnen und Bauern und eine sichere Lebensmittelversorgung für die Konsument_innen zu garantieren.“ (Quelle: wikipedia.org)

Auch wenn CSAs sehr unterschiedlich sein können, gibt es doch einige Gemeinsamkeiten. Diese Gemeinsamkeiten sind in einer Broschüre, die im Rahmen einer Lehrveranstaltung auf der Universität für Bodenkultur in Wien herausgegeben wurde, zusammengefasst und lauten wie folgt: CSAs haben Verträge mit ihren Mitgliedern, sie erlauben Mitbestimmung, sind Bio, stehen für frische Produkte, vergeben Ernte-Anteile, sind umweltfreundlich, unterstützen die regionale Wirtschaft, fördern Wissen und Bekanntschaften und sind Zeichen gegenseitiger Unterstützung.

Eine FoodCoop wiederum „ist der Zusammenschluss von Personen und Haushalten, die selbstorganisiert biologische Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien, Imkereien etc. beziehen. […] FoodCoops sind ein Ausdruck der Kritik am gängigen Lebensmittel- und Agrarsystem, das sehr stark von Supermärkten und Agrarindustrie dominiert ist und von industrieller Landwirtschaft, langen Transportwegen und Ungleichheiten geprägt ist.“ (Quelle: foodcoops.at)

Ein Ziel solidarischer Landwirtschaft – oder Community Supported Agriculture (CSA) – ist es kleinbäuerlichen Strukturen für regionale Lebenmittelversorgung eine Sicherheit zu bieten und damit einen Schritt in Richtung Ernährungssouveränität zu gehen.

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Hans-Peter Waldbauer, 45, arbeitet in Wien als Sozialpädagoge für das WUK. Er ist Mitbegründer der Foodcoop Schraubenfabrik in 1020, Prosument bei der CSA MOGG aus Herzogenburg (NÖ), sowie glücklicher Pächter einer Ökoparzelle der Stadt Wien.
Derzeit unterstützt er seine Frau bei der Gründung einer veganenen Lieferküche.

neuwal: Im heutigen innoWal beschäftigen wir uns mit dem breiten Feld der Agrar- und Ernährungspolitik und wir freuen uns, dass wir diesbezüglich mit Hans-Peter Waldbauer ein kurzes Interview führen dürfen. Hallo lieber Hans-Peter.

Waldbauer: Hallo Wolfgang, grüß dich.

Als Gründer der Foodcoop Schraubenfabrik, Mitglied beim CSA-Biohof Mogg und Pächter einer Ökoparzelle in Wien bist du ja in Sachen Ernährungssouveränität sehr engagiert. Kannst du uns ganz kurz erklären, was du da genau machst und was wir uns unter den Begriffen CSA und FoodCoop überhaupt vorstellen dürfen?

Sehr gerne. Ich werde das chronologisch machen. Also begonnen hat es bei mir, dass ich eine Ökoparzelle der Stadt Wien gepachtet habe. Das funktioniert so, dass ich im 22. Bezirk mit Freunden gemeinsam eine 80 m² Ökoparzelle über den Sommer bewirtschafte. Es wird dort angebaut, wir gießen und als Haupttätigkeit jäten wir Unkraut. Später ernten wir dann das Gemüse und pflanzen neue Dinge. Dies geschieht unter der Bedingung, dass sie biologisch sind.

So hat es angefangen. Das hat mir gut gefallen, dann habe ich weiter gemacht und mich umgeschaut. Was gibt es noch, wie kann man noch zu gutem Gemüse kommen? Das ist für mich besonders wichtig, weil ich seit einiger Zeit Veganer bin. Ich bin dann auf die Konzepte von CSA gestoßen, was soviel wie Community Supported Agriculture bedeutet und bin schließlich beim Biohof Mogg gelandet.

Das Konzept CSA bedeutet, dass es eine Gemeinschaft gibt zwischen ProduzentInnen, in dem Fall der Bauern bzw. der Bauernfamilie, und den KonsumentInnen. Diese gehen eine Vereinbarung ein.

Im konkreten Fall war es so, dass der Biohof Mogg, also der Altbauer, eine CSA gründen wollte. Dafür hat er 300 Ernteanteilseigner gesucht. Das sind die Leute, die bereit sind, im Vorhinein eine gewisse Summe an Geld zu bezahlen und dann über das Jahr verteilt bekommt man 1/300 von dem was erwirtschaftet wurde zur Verfügung gestellt. Man trägt alle Risiken mit, wie zum Beispiel bei Ernteausfällen. Wenn die Ernte aber ganz gut ausfällt, kommt alles bei den Ernteanteilsnehmern an. Aus meiner Sicht ist der Vorteil, dass ich mich nicht kümmern muss, was es derzeit gibt. Sondern ich weiß, dass ich 1/300 dessen beziehe, was der Bauer produziert, den ich persönlich kenne, zu dem ich hinfahren kann, wo ich mir den Hof anschauen kann, der demeterzertifiziert ist etc.

Kann man also sagen, dass das Grundkonzept ist, dass sich die Abnehmer an der Landwirtschaft beteiligen?

Das ist ein Element. Es gibt verschiedenste Ausprägungen. Dass sich einfach eine Gruppe von Leuten zusammentut, die dann gemeinsam den Hof bewirtschaftet. Oder in dem Fall gibt es einen Biobauern, der sich auf das konzentrieren will, was er gut kann, nämlich auf Anbau und Ernte. Er will kein Marketing machen, sondern er will Leute, die seine Produkte schätzen. Die sich dann auch in der Jahreshauptversammlung treffen, darüber reflektieren, wie es gelaufen ist, wie es war, was sie brauchen und sich das mit dem Bauern ausmachen. Da besteht eine gegenseitige Verpflichtung. Der Bauer lässt sich darauf ein, mit den Verbrauchern zu reden und in Kontakt zu sein. Als Prosument lassen wir uns wiederum darauf ein, dass wir am Anfang der Saison das Geld zahlen und sagen dann: Mach du, wir vertrauen dir, das ist ganz geiles Biogemüse was du da lieferst.

Noch ganz kurz zum Begriff FoodCoop. Was darf man sich darunter vorstellen?

FoodCoop ist eine Gemeinschaft von KonsumentInnen, die gemeinschaftlich bei ProduzentInnen einkauft, also Bauern. In der Regel sind das Biobauern und regionale Produkte. Das sind Dinge, die uns wichtig sind. Dadurch, dass wir jetzt ca. 30 Haushalte sind, also in einer größeren Masse auftreten, kriegen wir natürlich auch bessere Preise. Das ist für mich die Ergänzung zur CSA. Was mir da noch fehlt, versuche ich über die FoodCoop aufzutreiben.

Was hat dich persönlich angetrieben, dass du dich auf diesem Gebiet engagierst? War da auch eine politische Motivation dahinter oder wie würdest du das beschreiben?

Es ist definitiv eine politische Entscheidung gewesen. Es hat in der Bildungskarenz begonnen, wo ich ein Aus von der Erwerbsarbeit hatte und etwas Zeit hatte, zu reflektieren. Da habe ich gemerkt, was mir wichtig ist. Es war eine Art Rückbesinnung und da sind mir ein paar Dinge aufgestoßen, die mir zunehmend zum Problem geworden sind. Das sind unter anderem der Zugang zu Nahrungsmitteln, die Verarbeitung, das Konzept Supermarkt, nicht zu wissen woher das ist, ein Haufen Skandale und die Ausbeutung der Menschen, die dort arbeiten. Und zwar auf jeglicher Linie, also vom bäuerlichen Kontext über den Transportkontext bis zu den Verkäufern im Supermarkt, die ich auch nicht unbedingt um den Stress, den sie dort haben, beneide.

Die nächste Frage schließt da an. Warum braucht es aus deiner Sicht solche Initiativen wie du sie schon angesprochen hast (FoodCoops, CSA)? Was läuft da generell falsch in der Agrar- und Lebensmittelpolitik?

Meines Wissens nach sind die ersten CSAs in den 1970ern fast unabhängig voneinander auf verschiedenen Kontinenten entstanden. In Deutschland gibt es ganz alte, auch in Amerika und die ganz ursprünglichsten, wenn es wahr ist, in Japan. Zitat Eine Motivation dürfte die damals beginnende Globalisierung gewesen sein und der Wunsch, der konventionellen Landwirtschaft etwas entgegen zu setzen. Weil die Leute gefürchtet haben, das läuft irgendwie schief, das wollen wir nicht.

Da sind die Konzepte entstanden und in Japan ist es tatsächlich so, dass verschiedenen Angaben zufolge zwischen 25 und 40, annähernd 50 % der Haushalte sich über CSA-ähnliche Gebilde ihre Produkte aus dem nahen Feld besorgen.
Wäre das demnach auch ein zukunftsfähiges Landwirtschaftskonzept beispielsweise in Österreich? Oder stoßt das doch auch an Grenzen?

Das wäre eine schöne Vision. Ich halte das Konzept für zukunftsfähig. Ich halte es für möglich, dass sich die Leute besinnen. Da müssten halt einige Eckpunkte erfüllt sein, dass man das auch durchzieht. Aber prinzipiell halte ich es für möglich, dass Konzepte von CSA uns Menschen, zumal in Österreich, ernähren können.

Was sind die großen Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. Kannst du uns da zwei, drei Punkte nennen.

Die Qualität, die Regionalität, das Vertrauen. Und für mich persönlich wichtig geworden ist weniger Entfremdung.

Was sind denn nun so Erfolgserlebnisse, die du mit deinem ernährungspolitischen Engagement gemacht hast? Und wo siehst du noch Problemfelder, Herausforderungen vor allem in Bezug auf das Konzept von CSA?

Das ist für mich vor allem die Community, die Gemeinschaft. Wenn man bei FoodCoop einen Ladendienst hat und die Leute vorbeikommen und sich irrsinnig freuen. Das sind sehr schöne soziale Momente und der soziale Aspekt ist da sehr wichtig. Auf der Ökoparzelle selbst, wenn man in der Erde rumgrabt und Gemüse anbaut – das hätte ich nicht für möglich gehalten, wie gut das tut und wie sehr das auch die Perspektiven verändert. Was beim Konzept CSA auch vorgesehen ist, dass man selber auch mithelfen kann und so man die Zeit findet, auch auf das Feld gehen kann. Die Bauern und die Bäuerinnnen freuen sich sehr, wenn man da mitmacht.

Problemfelder und Herausforderungen sehe ich vor allem bei uns KonsumentInnen. Es liegt darin, dass man sich einfach auf so was einlassen muss. Es bedeutet einen zeitlichen Aufwand, es bedeutet, dass man sich überlegen muss, warum will ich das und was bringt mir das überhaupt. Das heißt, man muss sich in gewisser Weise auch politisch damit befassen.

Und der dritte Aspekt ist, dass es oft damit einhergeht, dass man das Gefühl hat einen Schritt zurück zu machen. Wenn ich mich regional ernähre und mir regional meine Produkte besorge, kann es sehr wohl sein, dass ich mir denke, ich muss auf etwas verzichten. Spanische Erdbeeren gibt es dann im Winter sicher nicht.

Die dann aber im Winter meistens eh nicht schmecken…

Genau. Es gibt dann immer so Zeiten, wo man sich denkt, muss ich das jetzt wirklich haben? Über die FoodCoop oder CSA kann ich das nicht besorgen. Geh ich in den Supermarkt und kaufe mir das Überseeprodukt, ja oder nein? Das sind so Herausforderungen für uns selbst, wie gehen wir damit um. Es gelingt immer besser.

Es ist also auch ein Prozess, den man durchmacht. Es ist sicher auch schwierig, dass man die Umstellung dann schafft. Man ist es gewohnt, man geht in den Supermarkt und bekommt alles. Aber wenn man sich bewusst wird, im Winter gibt es einfach nur gewisse Produkte und man darüber nachdenkt, ist die Sache klar.Zum Schluss hätte ich noch eine Frage: Wie sieht denn deine Zukunft auf diesem Gebiet aus? Kannst du dir vielleicht sogar vorstellen, in einer politischen Partei aktiv zu werden, um das Thema voranzutreiben? Also entweder selbst eine Partei zu gründen oder sich einer Partei anzuschließen?

Das Parteien-Thema ist derzeit noch überhaupt kein Thema für mich. Ich denke in politischer Richtung eher an Agrar-Attac oder diese Vereinigungen, die sich mit Ernährungssouveränität beschäftigen, z.B. das Nyeleni Forum in Österreich oder Ernährungssouveränitätsforum. Es gibt heuer in Goldegg, in Salzburg, einen Kongress dazu. Also geht es mir darum, mich weiter zu vernetzen und Leute zu finden, die da sehr aktiv sind und mich da einzubringen und zu beteiligen und mit denen mit zu diskutieren.

Es hat mich sehr gefreut, dass wir einen Einblick bekommen haben in Begriffe wie CSA, Foodcoop. Vielleicht haben wir bei einigen Interesse wecken können. Ich glaube im Internet gibt es einiges dazu und ich hoffe auch, dass man über diesen innoWal mal reinschnuppern konnte. Danke dir, dass du uns da Einblicke aus der direkten Erfahrung gegeben hast. Danke für das Interview!

Danke für das Gespräch.

Fazit: Was können CSA und Foodcoops in der Agrar- und Lebensmittelpolitik verändern?

Lebensmittelskandale, Ausbeutung und Hunger in Entwicklungsländern, die sinkende Qualität der Lebensmittel in europäischen Ländern und ständig steigende Profite der Supermarktketten prägen die momentane Agrar- und Lebensmittelpolitik. Viele Menschen haben längst begriffen, dass hier im System etwas gravierend falsch läuft. Gerade in Europa essen wir viel zu viel Fleisch und „immer mehr industriell hergestellte Nahrungsmittel, die große Mengen Fett und Zucker enthalten.“ 1 Initiativen wie CSA und Foodcoop werden diesen Prozess so schnell nicht aufhalten können. Aber sie können uns alternative Wege aufzeigen und sie können klar machen, dass wir den multinationalen Großkonzernen nicht ausgeliefert sind. Durch direkten Kontakt der Bauern zu den Konsumenten können wir vielleicht wieder eine andere Einstellung zu unserer Nahrung finden, die letztlich für unsere Gesundheit wichtig ist. Die lokalen Initiativen können daher vielleicht wirklich „Hoffnungsträger für eine Veränderung der Produktionsweisen und letztlich auch für eine andere Agrar- und Ernährungspolitik“ 2 sein. Ein Ziel muss es daher sein, diese auf allen Ebenen „voranzutreiben und sie so zu Vorkämpfern für eine alternative europäische Agrarpolitik und für das Recht auf Ernährungssouveränität zu machen.“ 3

Quellen und Fußnoten:

  1. Choplin, Gerard/ Strickner, Alexandra/ Trouvé, Aurélie (2011): Ernährungssouveränität. Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa. S.17, Wien: Mandelbaum Verlag
  2. Choplin, Gerard/ Strickner, Alexandra/ Trouvé, Aurélie (2011): Ernährungssouveränität. Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa. S.123, Wien: Mandelbaum Verlag
  3. Choplin, Gerard/ Strickner, Alexandra/ Trouvé, Aurélie (2011): Ernährungssouveränität. Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa. S.124, Wien: Mandelbaum Verlag
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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.