Ein wichtiger Meilenstein für die LGBT-Rechte in Litauen war der Beitritt zur EU 2004, so Anna Shepherd in ihrem equwality Gastkommentar. Dennoch, die Einstellung gegenüber Homosexualität ist in Litauen weiterhin negativ: Jüngste Studien zeigen, dass die LGBT-Community in Litauen nach wie vor einen sehr hohen Diskriminierungsgrad im Alltag ausgesetzt ist und damit im EU-Spitzenfeld liegt. Gründe dafür, so Anna Shepherd, könnten tief verwurzelte Klischees, mangelnde Aufklärung an Schulen oder ein stark steigender Nationalismus sein um Litauen „vor dem Westen“ zu schützen.

Trotz dieser Entwicklungen gibt es auch positive Entwicklungen. Denn, so Anna Shepherd, 2013 gab es innerhalb der Community erfolgreiche Kampagnen und einige Veranstaltungen mit vielen UnterstützerInnen, die über Diskurse den Weg in die Öffentlichkeit geschafft haben.


Ein Gastkommentar zu #equwality auf Englisch von/Guest commentary in Englisch by Anna Shepherd. Deutsche Übersetzung durch / German translation by Dominik Leitner.

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equwality
equ-quDie österreichische Gesellschaft ist bunt. Viel bunter als manch’ einer glauben möchte. equwality leistet dazu einen Beitrag, Vorurteile abzubauen und sich für eine offene, vielfältige und bunte Gesellschaft einzusetzen. Wir möchten politische und gesellschaftliche Debatten anstoßen und die politische Kultur auch in diesem Bereich in Österreich voranbringen: Making politics a better place.» equwality auf neuwal

„Encouraging signs can be seen“

Anna Shepherd
annaAnna was part of the Lithuanian Gay League team in 2011-2013 working on communications. She was involved in organising Baltic Pride 2013 that took place in Vilnius. She writes about LGBT and other human rights issues in the Baltics and currently lives in London.Bildquelle: defendinghistory.com

July last year marked the 20th anniversary of decriminalisation of homosexual acts between men in Lithuania shortly after the country’s independence from Soviet rule and the second LGBT Pride to be held in the country’s history. This shows the huge steps forward that have been taken in that past two decades. However, the situation of the LGBT community continues to be difficult, with some developments even taking a turn for the worse.

Lithuanian Gay League, the national LGBT rights advocacy organisation, was registered in 1995. Another important milestone for LGBT rights was Lithuania’s accession to the European Union in 2004, which saw the adoption of anti-discrimination legislation including the ground of sexual orientation. Although such legislation is in place, the LGBT community has in practice faced obstacles in exercising fundamental rights such as freedom of assembly. Public events have been denied permission, including attempts to ban last summer’s Pride which had to go through a long court case to eventually be allowed just days before the planned date.

Society’s attitudes towards homosexuality continue to be negative, reflected in recent studies showing that Lithuanian LGBT people experience some of the highest levels of discrimination in everyday life among EU countries and often feel forced to hide their sexual orientation from family, colleagues and friends. There is a lot of hateful speech targeted at LGBT people in the public for example from homophobic politicians. Reasons for these attitudes could be found in deep-rooted stereotypes and taboos, lack of sexual education in schools and rising nationalism that aims to protect Lithuania from detrimental „Western“ values.

With only a handful of politicians actively in support of LGBT rights, recent years have seen steps back and attempts to restrict LGBT rights. In 2010 a worrying piece of legislation, the Law on the Protection of Minors Against the Detrimental Effect of Public Information, entered into force. It bans any information that “denigrates family values” from places accessible to children and has been used in attempts to restrict the freedom of expression and assembly of LGBT people. In order to avoid international pressure and attention such homophobic laws are worded vaguely not mentioning homosexuality directly, and the rhetoric used by Lithuanian politicians addressing their international colleagues is rather different from the reality in Lithuania. There are currently several homophobic and transphobic legislative proposals under consideration in the Lithuanian parliament, from a ban on gender reassignment to a Russian style law imposing harsh fines for „gay propaganda“.

Despite these worrying developments and homophobic attitudes, also encouraging signs can be seen. Pride in 2013 was a successful and colourful event, several public figures are out and proud and there is an increasing number of straight allies speaking out. Successful campaigns and events organised by the LGBT community have made a difference by raising public discussion around a taboo topic. The homophobic and sensationalistic language used about LGBT issues in the media became more respectful after the first Pride in 2010, and the first images in the media of local LGBT people have challenged stereotypes and fears. The Lithuanian Gay League and LGBT activists have made great progress in defending their rights and raising awareness, and in the current political climate that hard work needs to continue to ensure that the homophobic currents in parliament and society do not gain foothold.

Further reading about the rights of LGBT people in Lithuania: http://www.lgl.lt/en/human-rights-in-lithuania/lgbt-rights-in-lithuania/further-reading/ 

„Es gibt aber auch ermunternde Zeichen“

Anna Shepherd
annaAnna war von 2011-2013 Teil der “Lithuanian Gay League” und zuständig für Kommunikation. Sie war in der Organisation der Baltic Pride 2013, welche in Vilnius stattgefunden hat, involviert. Sie schreibt über LGBT und andere Menschenrechtsangelegenheiten im Baltikum. Aktuell lebt sie in London. Bildquelle: defendinghistory.com

Im vergangenen Juli jährte sich die Entkriminialisierung von homosexuellen Handlungen zwischen Männern in Litauen zum zwanzigsten Mal, kurz nachdem das Land die Unabhängigkeit von der Sowjetherrschaft erreicht hatte und auch die zweite “LGBT Pride” in der Geschichte des Landes fand statt. Das zeigt, dass in den vergangenen zwei Dekaden ein großer Schritt nach vorne gemacht wurde. Jedoch ist die Situation für die LGBT-Community weiterhin schwierig, manche Entwicklungen werden sogar noch schlimmer.

Die “Lithuanian Gay League”, die nationale Interessensgruppe für LGBT-Rechte, wurde 1995 gegründet. Ein weiterer Meilenstein für LGBT-Rechte war der Beitritt Litauens zur Europäischen Union im Jahr 2004, welcher eine Übernahme anti-diskriminierender Gesetzgebung zur Folge hatte, auch bezogen auf die sexuelle Orientierung. Obwohl diese Gesetzgebung etabliert wurde, wurde die LGBT-Community mit Einschränkungen in der Ausführung grundsätzlicher Rechte konfrontiert, wie z.B. der Versammlungsfreiheit. Öffentliche Veranstaltungen wurden keine Genehmigungen erteilt. So gab es auch Bestrebungen die Pride vergangenen Sommer zu verbieten: nach langen Gerichtsverhandlungen wurde sie aber schließlich doch, nur wenige Tage vor dem geplanten Datum, erlaubt.

Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Homosexualität bleibt weiterhin negativ, zeigen aktuelle Studien. Laut diesen Studien sind litauische LGBTs unter allen EU-Ländern mitunter im höchsten Ausmaß mit Diskriminierung im täglichen Leben konfrontiert. Oftmals fühlen sie sich genötigt, ihre sexuelle Orientierung vor ihrer Familie, ihren Kollegen und Freunden zu verstecken. Es gibt sehr viele öffentliche Hassreden, welche auf die LGBTs abzielen, z.B. von homophoben Politikern.

Gründe für diese Einstellungen findet man in tief verwurzelten Stereotypen und Tabus, einem Mangel an Sexualunterricht an Schulen und dem Anstieg an Nationalismus, welcher darauf abzielt, Litauen vor den schädlichen “westlichen” Werten zu schützen.

Mit nur einer Handvoll Politiker, welche aktiv die LGBT-Rechte unterstützen, können die vergangenen Jahre als Rückschritte und als Versuch, restriktrivere LGBT-Rechte durchzusetzen, gesehen werden. 2010 trat ein besorgniserregendes Gesetz in Kraft, das “Law on the Protection of Minors Against the Detrimental Effect of Public Information” (übersetzt: Gesetz zum Schutz von Minderjährigen vor schädlichen Folgen öffentlicher Information”). Es verbietet jegliche Information, welche “familiäre Werte verunglimpft”, auf Plätzen, welche von Kindern erreichbar sind. Dieses Gesetz wurde dazu benutzt, um das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit von LGBTs zu beschränken oder dies zumindest zu versuchen. Um dem internationalen Druck und Aufmerksamkeit trotz eines solchen homophoben Gesetzes auszuweichen, wurde Homosexualität nicht direkt angesprochen. Und jene Rhethorik, welche litauische Politiker im Gespräch mit ihren internationalen Kollegen an den Tag legen, unterscheidet sich stark von der Realität in Litauen. Aktuell sind mehrere homophobe und transphobe Gesetzesvorschläge zur Diskussion im litauischen Parlament: vom Verbot der Geschlechtsumwandlung bis zu einem Gesetz, welches  – im russischen Stil – strenge Strafen für “Homosexuellenpropaganda” vorsieht.

Abseits dieser beunruhigenden Entwicklungen und den homophoben Einstellungen, gibt es aber auch ermunternde Zeichen. Die Pride 2013 war eine erfolgreiche und bunte Veranstaltung, mehrere öffentliche Persönlichkeiten welche “out and proud” (ihr Coming-Out gemacht haben und stolz zu ihrer Sexualität stehen), und es gibt eine immer größer werdende Anzahl an heterosexuellen Gruppierungen, welche ihre Stimme erheben. Auch erfolgreiche Kampagnen und Veranstaltungen, welche durch die LGBT-Community organisiert wurden, haben dazu beigetragen, eine öffentliche Diskussion rund um dieses tabuisierte Thema anzustoßen. Die homophobe und sensationslüsterne Sprache welche in Bezug auf LGBT-Themen in den Medien benutzt wurde, wurde nach der ersten Pride 2010 viel respektvoller. Auch haben die ersten Bilder in den Medien von lokalen LGBT-Personen viele Stereotypen und Ängste infrage gestellt. Die Lithuanian Gay League und LGBT-Aktivisten haben große Fortschritte in der Verteidigung ihrer Rechte und in der Bewusstseinsschaffung gemacht. Und in diesem aktuellen politischen Klima muss diese harte Arbeit weiter fortgesetzt werden, damit wir sicher gehen können, dass die Homophoben im Parlament und der Gesellschaft nicht Fuß fassen können.

Weitere Texte über die Rechte der LGBTs in Litauen

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Daniel Weber, geboren 1980 im weststeirischen Voitsberg, lebt seit 2001 in Wien. Der Behindertenbetreuer studiert Bildungswissenschaften und ist bei neuwal verantwortlich für das Ressort Protest-Aktion-Demonstration.
Idee & Umsetzung Michael Hunklinger
Mithilfe Dieter Zirnig, Dominik Leitner