Der bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul hinterfragt in seiner kurzen Streitschrift unter anderem den aktuellen politischen Wahn nach mehr und mehr Tageseinrichtungen.

Jesper JuulJesper Juul
geboren 1948 in Vordingborg ist ein dänischer Familientherapeut. Er ist Gründer und war bis 2004 Leiter des Kempler Institute of Scandinavia in Odder in Dänemark und Autor zahlreicher Bücher um Familienbeziehungen und Erziehung. Auf derStandard.at betreibt er eine 14-tägige Kolumne in welcher er Fragen zu Erziehung, Familienleben und Partnerschaft beantwortet

Wahlkampf für Wahlkampf taucht das Thema immer wieder auf: das verpflichtende Kindergartenjahr, der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung oder der Ausbau der Ganztagsschulen – die Betreuung der Kinder wird offenbar von den Politikern (in unserem Regierung vor allem von SPÖ-Seite) thematisiert. Ziel dabei ist es, den Eltern und insbesondere auch den Frauen eine bessere Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu ermöglichen 1. Juul stellt jedoch schon in den ersten Zeilen klar, dass dies eine etwas geschönte Ansicht ist: die rasche Rückkehr der Eltern in den Arbeitsmarkt helfe vor allem der Wirtschaft, um gegenüber anderen Ländern konkurrenzfähig zu bleiben bzw. zu werden:

Die Argumentation ist eindeutig, die Absicht leicht zu durchschauen: Es geht um das politische Interesse des jeweiligen Landes, ökonomisch mit anderen Ländern Schritt zu halten und konkurrieren zu können. Weshalb es notwendig ist, dass Eltern bereits kurze Zeit nach der Geburt wieder produktiv arbeiten können und wir deshalb die Kinderbetreuung am besten gleich in eine fünfjährige Vorschulzeit umwandeln. 2

Die Frage, wem unsere Kinder gehören, beantwortet er ebenso rasch: „Natürlich gehören sie niemandem, nur sich selbst, aber wen interessiert das schon!“ 3 Juul sieht ihn die politischen Zielen, Kinder im Alter von 1-6 Jahren wie möglich in Tageseinrichtungen unterzubringen, nicht in erster Linie eine Erleichterung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern eher eine undemokratische „Zwangsmaßnahme“. Eben durch solche Wahlversprechen und der Ausrichtung der Kinderbetreuung nach den Bedürfnissen des Marktes führen laut Juul dazu, dass dann in rasantem Tempo unzählige Betreuungsstätten aus dem Boden sprießen müssen, und dabei oftmals eher auf Quantität als auch auf Qualität gesetzt wird. In diesem Zug beginnt er auch eine Kritik an den BetreuerInnen in solchen Institutionen. Diesen fehle häufig, auch aufgrund einer – bezogen auf die heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen – nicht mehr adäquaten Ausbildung, die Professionalität, nicht vorschnell Urteile über die Kinder und auch die Familie selbst zu fällen. Damit würden viele Kinder bereits als „Problemkinder“ abgestempelt, weil sie von einer Norm abweichen, sich nicht ohne „Probleme“ in den festgelegten Tagesablauf einleben können und deshalb entweder verschlossener oder auch aggressiver werden.

Nur wenige Institutionen oder Familien bieten den Kindern die Möglichkeit, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Ich bin ernsthaft der Ansicht, dass wir den Tagesablauf in Kindergärten und Schulen überdenken müssen, wo sich traditionell alles nur darum dreht, ständig etwas zu machen. 4

Doch Juul will seine Streitschrift nicht als Angriff gegen Kinderbetreuungsplätze verstanden wissen: in vielen Einrichtungen geht es den Kindern gut, in manchen gibt es natürlich Mängel. Was er aber stets kritisch betrachtet ist die vermeintliche Pflicht der Familie, Kinder schon von früh weg betreuen zu lassen. Dabei erwähnt der Autor auch, dass es für 10% der Kinder sehr positiv ist, aus einem schlecht funktionierenden Familienleben für die Stunden der Kinderbetreuung ausreißen zu können. Doch nicht jedes Kind will in die Kinderkrippe, nicht jedes Kind in den Kindergarten. Die Politik jedoch denkt aktuell nicht daran, umzudenken. Zu verlockend klingen die Versprechen in den Ohren der potentiellen Wähler, auch wenn bei der ersten Knappheit im Budget gerade an solchen Ecken die Gebühren erhöht werden.

Kinder sind alle ganz verschieden und ihre Familien sind es auch. Deswegen sollten Eltern die freie Wahl haben, wenn es um die Entscheidung geht, was für ihre Null- bis Dreijährigen Kinder das Beste ist. Dafür müssen sie kämpfen. 5

Ganz wichtig, so Juul, sei eine gute Verbindung zwischen den Eltern, dem Kind und den BetreuerInnen: Erst wenn die Kommunikation zwischen diesen funktioniert, können Überlegungen offen angesprochen werden, gemeinsam nachgedacht und auch diskutiert werden. Den Betreuungsort sollen Eltern somit vor allem durch Besuche dieser Einrichtungen aussuchen: Fühlen sich die Eltern wohl, ist der erste Eindruck und das Zusammenleben dort angenehm, so wird sich auch das Kind wohlfühlen. Die Beltz Verlagsgruppe hat den Autor in einem kurzen Video noch zu den Kernaussagen befragt: Jesper Juuls recht kurze Streitschrift holt zum Rundumschlag aus: einerseits kritisiert er die politischen Ideen vom Betreuungszwang, andererseits die unzureichende Qualität in der Ausbildung jener Betreuungskräfte, die beim großen Ausbau der Betreuungsplätze eingesetzt werden. Das wirkt im ersten Moment aufrüttelnd, doch vieles ist den Eltern wohl bereits selbst bewusst: Betreuungsplätze sollten, falls vorhanden, qualitativ hochwertig sein, die Ausbildung der BetreuerInnen (und damit auch seine/ihre Bezahlung) besser werden. Dass das natürlich ein Kostenfaktor ist und die Politik trotzdem und gerade deswegen investieren sollte, wissen wir alle … nur offenbar die Politik noch nicht.

Wem gehören unsere KinderJesper Juul

Wem gehören unsere Kinder?

Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?

Beltz Verlag

Seiten: 40
ISBN: 978-3-407-85970-9

Preis: [amazon_link id=“3407859708″ target=“_blank“ ]5,10 Euro[/amazon_link] (Taschenbuch), Kindle-Edition: [amazon_link id=“B00ALYAZTG“ target=“_blank“ ]3,99 Euro[/amazon_link] (Partnerlink)

Quellen und Fußnoten:

  1. vgl. o.V. (2013): Kanzler Faymann kündigt Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung an, spoe.at, Abrufdatum: 6.2.2014
  2. Juul, Jesper (2012): Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?: Ansichten zur Frühbetreuung, Ausgabe: ebook, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, Position: 35-37
  3. Juul, Jesper (2012): Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?: Ansichten zur Frühbetreuung, Ausgabe: ebook, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, Position: 41-42
  4. Juul, Jesper (2012): Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?: Ansichten zur Frühbetreuung, Ausgabe: ebook, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, Position: 309-311
  5. Juul, Jesper (2013): Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst?: Ansichten zur Frühbetreuung, Ausgabe: ebook, Weinheim und Basel: Beltz Verlag, Position: 379-381
The following two tabs change content below.
freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

Neueste Artikel von Dominik Leitner (alle ansehen)