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Einatmen, ausatmen, Puls senken: Warum eine ruhige Diskussion – wie so oft – viel zielführender wäre. Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Beinahe beschleicht einen das Gefühl, dass man als aufgeklärter, politisch interessierter Student grundsätzlich gegen den Akademikerball sein muss – und dabei auch – “weil es ja immer ein paar Idioten gibt” – Gewalt in Kauf nimmt. Die “sozialen” Medien haben es am Abend des Akademikerballs bewiesen: die dummen, auf Eskalation schielenden Polizisten, die Scheiß-Nazis in der Hofburg und die armen Demonstranten – natürlich mit ein paar Idioten, die Autos zertrümmern und Schaufenster einschlagen. Sehr rasch wurde somit klar gemacht, wie man sich positionieren musste. Und genau damit tat ich mir unglaublich schwer.

Um es schon im Vorhinein klar zu stellen: ich hege keine Sympathien für die Ballbesucher, verstehe die (heutige) Sinnhaftigkeit von Burschenschaften nicht und liest man die Ausführungen eines Ballbesuchers, ist es offenbar wahr: Der Akademikerball ist ein Vernetzungstreffen der Rechten und zum Teil auch der Rechtsextremen. Und: Ja, natürlich stört es auch mich, dass so etwas in der Hofburg stattfinden kann.

Verlierer? Nicht die FPÖ

Aber die großen Verlierer an diesem Abend waren nicht die Ballbesucher oder der Veranstalter, die FPÖ. Es war die Polizei und es waren die Demonstranten (auch wenn die ÖH Wien von einem Erfolg sprechen will). Warum, haben viele gefragt, habe es ein so großes Polizeiaufgebot gegeben? Weil die Polizei jeden, auch Burschenschafter und etwaige Rechtsextreme schützen muss. Weil es da keine Unterscheidung geben darf und kann. Natürlich hat sich die Polizei im Vorfeld nicht mit Ruhm bekleckert, mit einer immensen Sperrzone und einem Vermummungsverbot scheint mit Rationalität etwas gespart worden zu sein.

Und auch wenn es “nur” hundert wirklich Idioten, die als sogenannter “Schwarzer Block” unterwegs waren, nur wegen diesen paar Randalierern: Verlierer sind trotzdem die gesamten Demonstranten. Zwar kann man jetzt über die Medien schimpfen, die sich natürlich auf das gefundene Fressen stürzen und die “Zerstörung Wiens” “journalistisch” zelebrieren. Aber so sind (viele) Medien nun einmal. Dass es dann Veranstalter und auch Besucher der grundsätzlich friedlichen Demo es nicht geschafft haben, sich von den Randalieren zu distanzieren, zeigt eines auf: Gegen Rechts ist offenbar alles erlaubt.

Ich denke mir dabei: Was wäre, wenn z.B. die Sozialistische Jugend ihr Bundestreffen in Wien abhalten würde, und Burschenschafter, FPÖler und ein u.a. aus Deutschland herbeigeschaffter “Schwarzer Block” der NPD durch die Straßen ziehen würden, Mülleimer auf Polizisten werfen, Autos zerstören und Scheiben einschlagen? Eben. Dumme Gewalt und Zerstörung ist nicht nur bei den Rechten eine Idiotie, sondern und vor allem bei vermeintlich Linken. Natürlich kann man sagen: rechte Ausschreitungen richten sich eher gegen Menschen, linke eher gegen Gegenstände. Mag sein. Meiner Meinung nach ist aber beides zu verurteilen.

Alle böse! ALLE!

Zugegeben: Polizeipräsident Pürstl hat sich mit seiner Aussage bei Im Zentrum derart ins Fettnäpfchen gesetzt, dass ein Rücktritt notwendig wäre. Und auch seine Ideen und Umsetzungen am Ballabend sind zu hinterfragen. Aber von einem „rechten Polizeistaat“ zu sprechen, ist eine Verharmlosung wirklicher Polizeistaaten wie z.B. China oder Nordkorea

Aber nun gehört auch Eva Glawischnig zu den Bösen: Wäre sie nämlich wirklich antifaschistisch, würde sie von den Jungen Grünen keine Distanzierung erwarten und ihnen bei Nichtdistanzierung mit dem Rausschmiss drohen. Denn die wahrhaft dummen jungen Grünen haben zwar die Website noWKR.at auf ihren Namen laufen, wollen aber mit dem Inhalt nichts zu tun haben. Aber der (furchtbare und noch dazu mit fehlendem Beistrich) “Slogan” “Unseren Hass den könnt ihr haben” findet man bei den jungen Grünen nicht wirklich schlimm und versucht sich schon an der Uminterpretation.

Ganz böse ist auch Bundespräsident Heinz Fischer, weil er ja nichts gesagt hat. Weil man ja für eine Reservierung der Hofburg nicht bei einer etwaigen Betreibergesellschaft, sondern beim Bundespräsidenten selbst vorsprechen muss. Und vermutlich – so ist es zumindest anzunehmen, bin auch ich von nun an böse, weil ich gegen den “linken” Mainstream rede, weil ich die Aktionen und fehlenden Reaktionen der Demonstrierenden hinterfrage und ich einen anderen Zugang wähle.

Die FPÖ wird den Ball auch mit zwei Besuchern noch feiern. Das Geld kommt ganz einfach aus der Partei und kann sozusagen als Werbebudget gesehen werden. Nie sonst bekommt die Partei derart große Aufmerksamkeit, nie sonst kommen die Worte über die “Linksfaschisten” eher an, als wenn ein kleiner wütender Mob durch die Wiener Straßen zieht. Denn wenn von 10.000 nur 100 Idioten sind, dann kommt das Anliegen der anderen 9.900 leider nur mehr sehr bedingt an (so sehr man sich das auch wünscht) – und die FPÖ wirft die vorgefertigten OTS-Aussendungen in die Pipeline. The same procedure as every year.

Was wäre wenn?

Gehen wir es einmal ganz von vorne durch: Warum soll die FPÖ nicht das Recht haben, sich die Hofburg für eine Nacht im Jahr zu mieten? Einfache Antwort: Weil es sich dabei um ein rechtsextremes Vernetzungstreffen geht. Stimmt. Dürfte aber die KPÖ (oder, weil radikaler: die Sozialistische Linkspartei) die Hofburg mieten, für ein “linksextremes Vernetzungstreffen”? Vermutlich schon, weil linksextrem ist ja nicht gleich rechtsextrem. Wie könnte also all das gelöst werden: der Festsaal der Hofburg darf von nun an nicht mehr von Parteien und parteinahen Vereinen und Organisationen gemietet werden. Denn, so sehr es auch die Leute von noWKR wollten: Verhindern wird man den Ball nicht können. Nur wäre es an der Zeit, die historischen Räume der Hofburg frei davon zu machen. Und damit die FPÖ nicht sogleich die Opferkarte ausspielt, weil man ihnen die Hofburg nicht mehr anbietet, sollten alle Parteien diese Möglichkeit verlieren. Opferrolle ade.

Nun zu den Demonstranten: Ich habe mir Gedanken gemacht, wie man seinen Unmut über diesen Ball zeigen kann, ohne der FPÖ und Heinz-Christian Strache einen Elfmeter zu servieren. Zuallererst muss es eine Gruppierung geben, die sich schon im Vorhinein von Zerstörung und Gewalt distanzieren. Protest gegen Burschenschaften, gegen Rechtsextremismus und für Antifaschismus braucht weder umgeworfene Mistkübel, eingeschlagene Fenster, zerstörte Autos oder attackierte Polizisten. Eine Möglichkeit wäre es, eine stille Demonstration am Heldenplatz anzukündigen, mit Kerzen, eine Art Lichtermeer. Um schweigend und leuchtend die Ablehnung auszudrücken (weil: Nein, Leute – man wird diesen Ball nicht verhindern.) Wenn dann 10.000 oder 15.000 Menschen am Heldenplatz stehen, mit einem gemeinsamen Ziel, können auch die Medien dies nicht mehr ignorieren.

Und Heinz-Christian Strache? Wird dann vielleicht noch davon reden, dass den Linksfaschisten offenbar die Puste ausgegangen wird, aber so richtig ernst würde ihn in diese Beziehung wohl niemand mehr nehmen. Dann wäre wahrscheinlich das Ziel viel eher erreicht: die FPÖ feiert zwar, aber es wäre ein großes Zeichen gesetzt, die Polizei könnte sich dann (bevorzugt) um die wirklichen Randalierer kümmern. Und vielleicht, wenn der Ball nicht mehr derartig gute Anti-Links-Propaganda ist, vielleicht macht er dann für die FPÖ auch keinen Sinn mehr.

Bildquelle: Copyright Alle Rechte vorbehalten von daniel-weber

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