Eugen Freund ist kein Sozialdemokrat. Denn er ist abgehoben, weil er reich ist. Und aufzudecken wie reich er ist, ist die wichtigste Aufgabe der innenpolitischen Journalisten. Oder?

Ein Kommentar von Thomas Knapp

Kurz sah es so aus als könnte Eugen Freund ein „Gamechanger“ für die Wahl werden, der SPÖ mit frischem Wind und medialer Dominanz gegen die implodierende ÖVP und die wirklich rein gar nichts anzubieten habende FPÖ, sogar die Chance auf Platz 1 eröffnen. Doch verfolgt man die innenpolitische Berichterstattung um die Wahlen zum EU-Parlament, kurzzeitig unterbrochen durch den rechtsextremen Akademikerball, die dazugehörenden Gegendemonstrationen und die linksextremen Ausschreitungen auf diesen, nimmt man von dieser Einschätzung Abstand.

Man lernt aber, wie glücklich Österreich ist. Offensichtlich gibt es hier keine echten Probleme. Die Situation ist so gut, dass die verzweifelten Journalisten aus dem Nichts etwas erfinden und aufblasen müssen, um überhaupt etwas zu berichten zu haben. Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass es Nachrichtenwert hat, dass ORF-Journalisten wie Armin Wolf, Ingrid Thurnher, Hanno Settele oder Eugen Freund viel Geld verdienen? Oder dass es unanständig ist? Und falls ja – wieso ist es bei Freund unanständig und bei niemand anders im ORF? Sollen Politiker nichts verdienen und nichts besitzen dürfen? Oder nur jene der SPÖ?

„the best and the brightest“
Es ist ein heuchlerisches Bedienen niedriger Neidinstinkte. Politker zu sein ist ein harter Beruf der einem auf allen Ebenen viel abverlangt. Als Souverän sollte das Volk großes Interesse daran haben, dass „the best and the brightest“ sich dort betätigen. Ja, wir sind von diesem Ideal weit entfernt, aber glaubt jemand, dass man einen Job in dem man ständig an allem Schuld ist und grundsätzlich Angriffsfläche für alle darstellt, dadurch für talentierte oder kompetente Menschen attraktiv macht, dass man ihn schlecht bezahlt? War Franz Vranitzky ein schlechter Bundeskanzler weil er zuvor Generaldirektor der Länderbank war? Oder nur ein schlechter Politiker, ein schlechter Sozialdemokrat oder doch ein schlechter Mensch?

Eugen Freund wusste nicht wie hoch das durchschnittliche Einkommen eines Arbeiters ist. So wie fast niemand, was man unter anderem daran merkte, wie lange die empörte Community recherchieren musste bis sie die richtigen Zahlen hatte. So ein Interview ist ein Versagen der Öffentlichkeitsarbeit der SPÖ, ohne Zweifel. Aber das sagt nichts, gar nichts über seine inhaltliche Kompetenz aus. Dass Freund feststellt dass in den USA Nachrichtensprecher seines Formats Promis sind, deren Sendungen mit ihren Köpfen auf Bussen beworben werden, wird ihm als unerhörte Abgehobenheit ausgelegte, ohne darauf hinzuweisen dass in den USA Nachrichtensprecher seines Formats Promis sind, deren Sendungen mit ihren Köpfen auf Bussen beworben werden.

Eine Story für Wochen
Möglicherweise ist Eugen Freund im persönlichen Umgang arrogant. Das ist für einen Politiker aber nicht gerade ungewöhnlich und kein Mangel an Kompetenz, höchstens ein Mangel an Unehrlichkeit das zu verbergen. Vielleicht war Freund im ORF unbeliebt, weshalb jetzt Gerüchte und Zahlen von dort den Weg in Zeitungsredaktionen finden. Es ist ja auch eine Story dass Freund das nicht wusste, und sein Einkommen ist eine mögliche Erklärung dafür. Und dann kann man mit guten Gründen die Inkompetenz der SPÖ in der Kommunikation und im Nicht-Vorbereiten des eigenen Kandidaten analysieren.

Aber mehr gibt das nicht wirklich her, es ist kein großes Drama, kein Korruptionsskandal, kein Verbrechen. Freund hat sein Einkommen nicht bettelnden Kindern gestohlen oder verlangt zum Sonnenkönig ausgerufen zu werden. Die Geschichte wird aufgeblasen, während andere, wichtigere, größere, untergehen. Innenpolitisch ist das für die Regierung wünschenswert. Was vielleicht das beste Beispiel dafür ist, wie unverhältnismäßig die journalistische Aufmerksamkeit verteilt wird. Die Exekutive stellt Mitglieder der Legislative in ein Anstellung-, also Abhängigkeitsverhälntis? Randnotiz! Die Gedenkstätte Mauthausen hat nicht einmal genug Geld um Holocaust-Überlebende adäquat zu betreuen? Ja eh. Und mitten in Wien feiert sich die rechtsextreme Elite auf Einladung der FPÖ? Wurde eh kurz berichtet. Aber Eugen Freund, ja der, der hat viel Geld verdient! Das ist eine Story für Wochen!

Foto: SPÖ Presse und Kommunikation/FLICKR