Nach seinem „Tagebuch der arabischen Revolution“ bietet der renommierte Nahost-Journalist Karim El-Gawhary nun Einblicke in Veränderungen für, von und vor allem durch arabische Frauen.

Karim El-GawharyKarim El-Gawhary

geboren 1963 als Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters, ist seit 1991 Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen, seit 2004 leitet er das Nahostbüro des ORF in Kairo. Zuvor war er dort fünf Jahre als Vertreter des ARD-Rundfunkstudios tätig. 2011 erhielt er den Concordia Publizistik-Preis, 2012 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Auslandsjournalisten des Jahres gewählt. Auf neuwal wurde bereits sein vorangegangenes Buch „Tagebuch der arabischen Revolution“ rezensiert.

Jene Frauen, die während der Vorgänge des (immer noch andauernden) Arabischen Frühlings mitdemonstrierten, ein wichtiger Teil der Bewegungen waren und sind, werden heute von westlichen Medien zu den Verliererinnen der Revolution(en). Wollten sie doch mit dem Sturz ihrer Diktatoren auch mehr Gleichberechtigung, mehr Rechte und mehr Freiheiten auf den Weg bringen – die vielfachen Wahlsiege der Islamisten würden die Stereotypen eher noch weiter forcieren und die Gesetze noch strikter machen. Was die Medien aber dabei außer Acht lassen: Sie waren von Anfang an dabei und sie haben bis heute nicht aufgehört. Und wenn die Umstände, wenn die Politik, wenn die Männerwelt nicht auf Anhieb besser, klüger und offener werden, dann haben die Frauen nicht zwangsläufig verloren. Sind vielleicht Opfer, geben sich aber nicht mit dieser Rolle zufrieden. Karim El-Gawhary hat viele unterschiedliche Frauen getroffen, aus Ägypten, Libyen, dem Gaza-Streifen, Bahrain usw. –  unterschiedlichste Eindrücke, die beeindruckende Portraits und verstörende Reportagen.

„Manchmal möchte man etwas von ganzem Herzen“, sagt sie, „dann sollte eine Frau sich nicht von ihrer Gesellschaft entmutigen lassen, sondern sollte ihren Träumen folgen.

Der Autor, selbst in Kairo wohnhaft, hat es sich mit diesem Buch offenbar zur Aufgabe gemacht, dass oft besserwisserische und überhebliche Urteilen der westlichen Gesellschaften über die Stellung der arabischen Frau in der arabischen Gesellschaft mit fundierten Portraits Einhalt zu gebieten. Dabei schafft er einen Überblick über alle möglichen Frauen: die Pionierinnen, die einzige LKW-Fahrerin Ägyptens, die bereits seit über 30 Jahren durch die Wüste fährt zum Beispiel. Die Aktivistinnen, die selbst aus dem Gefängnis heraus noch twittern. Aber auch die wirklichen Verliererinnen, Mütter, die ihre Söhne, ihre Männer, ihre Familie verloren haben, wegen dem Nahostkonflikt, wegen Ausschreitungen oder wegen dem selbstgewählten Wunsch, in den Krieg zu ziehen.

Dabei stellt El-Gawhary auch transparent dar, wann die Geschichten entstanden sind. Das macht vor allem auch die beinahe unbegrenzte Freude über den „Arabischen Frühling“ verständlich, bei Texten, welche im Jahr 2011 geschrieben wurden. 2013 sind dann aber oft entweder ein Nachtrag oder gar ein ganz neuer Text zum selben Thema entstanden – so z.B. beim Artikel über die Frauen am Tahrir-Platz: 2011 noch die große Freude auch der männlichen Bevölkerung über den Mut und die Ausdauer der Frauen, 2013 dann mit immer stärker werdenden sexuellen Übergriffen, die eventuell beauftragt wurden, um Frauen derart einzuschüchtern, sodass sie nicht mehr gegen etwas auftreten können. Der Unterschied zu früher ist jedoch: Heute wehren sie sich, heute ziehen sie sich nicht zwangsläufig zurück, sondern wollen Aufmerksamkeit, wollen zeigen, was ihnen angetan wurde, um dagegen anzukämpfen.

Israelische Phosphorgranaten, ihr schwer verbranntes Kind und die ägyptische Bürokratie – am Ende hat Ghada doch aufgegeben. Sie wurde von ihrem Mann Mohammed in den Gaza-Streifen zurückgebracht und dort begraben.

Jene Geschichte über Ghada ist die Erschütterndste im ganzen Buch: eine Reportage über den Einsatz von Phosphorgranaten auf palästinensische Zivilisten im Gazastreifen durch die israelische Armee. Ein Kriegsverbrechen, eine derart zerstörerische und brutale Waffe, und unschuldige Opfer. So wie El-Gawhary beschreibt, dass ihm das Bild der verbrannten Frau mit ihrem verbrannten Kind nie mehr aus dem Kopf gehen wird, so entstanden auch beim Lesen furchtbare Bilder und ein großer Kloß im Hals. Die Abscheulichkeiten des Krieges sind immer furchtbar, aber auch diese Geschichte ist – vor allem in einem Buch mit dem Titel „Frauenpower auf Arabisch“ – wichtig. Denn natürlich gibt es die Opfer, die Verliererinnen im arabischen Raum – und nicht jene, die Gewerkschaften gründen, Richterinnen werden, oder Taxi-Fahrerinnen.

In dem ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ wurde das Buch ebenso vorgestellt und Karim El-Gawhary dazu interviewt.

Karim El-Gawhary, für die ORF-Seher das Gesicht des Arabischen Frühlings, hat es wieder einmal geschafft, außergewöhnliche Eindrücke aus der arabischen Welt zu sammeln, in eine großartige Sprache zu packen und uns auf eine Reise mitzunehmen, die man wahrscheinlich so nicht erwartet hat. Die Erzählungen mancher Frauen sind mutig, andere belustigend, andere erschreckend und furchtbar. Und auch wenn die Frauen durch die Revolutionen nicht alle Rechte eingeräumt bekommen haben – eines haben sie definitiv gewonnen: Selbstbewusstsein. Und somit werden die kommenden Jahre und Jahrzehnte im arabischen Raum definitiv noch spannend – vor allem aufgrund der Frauen.

Frauenpower auf ArabischKarim El-GawharyFrauenpower auf ArabischJenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

Verlag Kremayr & Scheriau

Seiten: 203

ISBN: 978-3-218-00897

Preis: [amazon_link id=“3218008794″ target=“_blank“ ]22,00 Euro (Hardcover)[/amazon_link], Kindle-Edition: [amazon_link id=“B00F2HAW18″ target=“_blank“ ]16,99 Euro[/amazon_link] (Partnerlink)

Wir bedanken uns beim Verlag Kremayr & Scheriau für die Zusendung eines Rezensionsexemplars!

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