Mit dem neuen Jahr startet bei neuwal.com auch eine neue Rubrik, der innoWal. Hier sollen Organisationen vorgestellt werden, die sich in einem bestimmten Politikfeld engagieren und dort neue, innovative Konzepte realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto „Making politics a better place“ agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.

Den Anfang macht heute das Politikfeld Bildungspolitik, wo wir euch die Organisation TEACH FOR AUSTRIA vorstellen wollen.


innowal: Teach for Austria
innowal
TEACH FOR AUSTRIA
Dr. Walter Emberger (Gründer und CEO)
Interview mit Dr. Emberger
Fazit

innowalinnoWal
Der innoWal stellt Organisationen vor, die innovative und neue Konzepte in einem bestimmten Politikfeld realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto „Making politics a better place“ agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.

Nach einer kurzen Vorstellung der Organisation steht dabei ein Interview mit dem jeweiligen Gründer der Organisation im Zentrum. Am Ende stellen wir uns dann die Frage, welche Veränderungen diese innovativen Ideen bewirken können.

Wir laden die Leser von neuwal.com auch dazu ein, uns interessante Organisationen vorzuschlagen. Bei Interesse einfach einen Kommentar hinterlassen oder ein E-Mail an: wolfgang.marks [at] neuwal.com senden.

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Die Vision von TEACH FOR AUSTRIA klingt äußerst ambitioniert und ist es auch. Denn diverse Studien zeigen uns, dass in Österreich längst nicht alle die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben. Vielmehr hängt dies noch immer von der sozioökonomischen Herkunft der Eltern ab. Den Regierungsparteien ist dies sicher auch bekannt. Während diese aber in bildungspolitischen Fragen an ihren ideologischen Scheuklappen scheitern und tiefgreifende Reformen verschleppen, versuchen private Initiativen wie TEACH FOR AUSTRIA nun die nötigen Veränderungen in Gang zu setzen.

Aufbauend auf dem Konzept des Netzwerks Teach for All, das seinen Ursprung in den USA hat und sich mittlerweile in 28 Ländern etabliert hat, versucht die Organisation Jahr für Jahr exzellente Hochschulabgänger aller Fachrichtungen für sich zu gewinnen. Als sogenannte Fellows sollen sie Verantwortung übernehmen und für mindestens 2 Jahre als Lehrer in den herausforderndsten Schulen in Wien und Salzburg tätig sein. Laut dem Gründer Dr. Walter Emberger sollen sie so „die Lebensläufe junger Menschen positiv beeinflussen“. Die Fellows selbst sollen dadurch ihre Führungsqualitäten stärken, um die gemachten Erfahrungen für spätere Führungspostionen nutzen zu können.

Politikfeld Bildungspolitik
Gründungsjahr 2011
Vision Alle Kinder in Österreich haben die Möglichkeit einer exzellenten Schulbildung, unabhängig von Bildung und Einkommen ihrer Eltern, und können ihre eigene und Österreichs Zukunft gestalten.
Mitarbeiter 11
Dialog teachforaustria.at
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Alle Kinder in Österreich haben die Möglichkeit einer exzellenten Schulbildung, unabhängig von Bildung und Einkommen ihrer Eltern, und können ihre eigene und Österreichs Zukunft gestalten.

walter_embergerDr. Walter Emberger (Gründer und CEO)
Studium der Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien, Doktorat in Volkswirtschaft, Master of Business Administration (MBA) am Insead in Fontainebleau, Frankreich. Verschiedene Positionen im Bankensektor als Firmenkundenbetreuer und Vorstandsassistent, danach Consultant am Management Zentrum St. Gallen und bei Emberger + Partner Managementberatung GmbH. Zuletzt Studiengangsleiter für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Salzburg, Vizerektor für Lehre an der Privatuniversität Schloss Seeburg in Salzburg. 2011 Gründung von TEACH FOR AUSTRIA als gemeinnützige GmbH. Buchautor zu Kundenbindung, Gründer des Controllerforums Salzburg.

Neuwal: Was genau macht TEACH FOR AUSTRIA und was sind die konkreten Ziele der Organisation?

Walter Emberger: Wir wollen, dass alle Kinder in Österreich die Chance auf eine exzellente Bildung haben. Daher schicken wir Top-Hochschulabsolventen nach gründlicher Auswahl und Vorausbildung für mindestens 2 Jahre an die herausforderndsten Schulen in diesem Land, das sind die städtischen Hauptschulen. Dort sollen sie unterrichten und die Lebensläufe junger Menschen positiv beeinflussen, so dass für diese die Kurve nach oben geht.

Was hat Sie persönlich angetrieben, TEACH FOR AUSTRIA zu gründen?

Es musste einfach getan werden. Zu beobachten, dass ein Drittel der Gesellschaft abgehängt wird, kann für niemand von Interesse sein. Schon alleine volkswirtschaftlich gesehen muss man schauen, dass die Menschen im Land sinnbringend sind, und das hängt maßgeblich von der Ausbildung ab. Da haben die einen mehr und die anderen weniger Glück. Nämlich das Glück in eine Familie geboren zu sein, wo Bildung hoch gehalten wird. Wo man auch die zeitlichen und finanziellen Mittel hat, um Defizite, die sich aus der Schule ergeben, auszugleichen, oder ob man das nicht hat. Das darf nicht so sein.

Abgesehen vom volkswirtschaftlichen Aspekt ist es aber auch zutiefst menschlich, dass man Chancen, die man selber gehabt hat, auch anderen vergönnt. Daher sperren wir TEACH FOR AUSTRIA erst zu, wenn die Chancengerechtigkeit da ist und wenn jedes Kind die besten Chancen hat- nutzen muss es diese dann eh selber, aber bieten muss man sie ihm.

Ganz generell wird ja im Moment sehr viel über Bildung gesprochen, auch über Bildungsreformen. Der Begriff selbst ist aber sehr weit gefasst. Was verstehen Sie bzw. TEACH FOR AUSTRIA denn konkret unter Bildung, welches Bildungskonzept steckt da dahinter?
Es geht uns darum, die Kinder fit für ein Leben in der immer komplexer werdenden Gesellschaft zu machen.

Dabei ist das Lesen der Kern, weil wenn du das kannst, verstehst du auch das was in der Zeitung steht und was in deinem Vertrag steht, den du mit der Bank unterzeichnest. Es gehört aber auch mehr dazu als diese rein formale Bildung. Es braucht ein gewisses Auftreten, man muss auch die vermeintlichen Kleinigkeiten lernen wie etwa pünktlich sein, man muss mit Autoritäten umgehen können, sich Ziele setzen, und man muss lernen, das Richtige aus dem Überangebot an Information herauszuziehen. Das was wir bei den Kindern früh auslösen, soll ihnen später die Möglichkeit geben, viele Optionen zu haben.

Was ist denn aus Ihrer Sicht die größte Baustelle in der Bildungspolitik? Auch in Hinblick auf Ihre Erfahrung durch die Arbeit bei TEACH FOR AUSTRIA?

Es fehlt der gesellschaftliche Konsens, dass wir über Bildung alles in dem Land erreichen können. Das haben einige Leute auch so verstanden und sehen das so, aber das ist durchaus nicht im ganzen Land so. Das müsste kommuniziert werden. Zudem ist die ganze Diskussion um Bildung rein Input-orientiert. Jede erfolgreiche Organisation misst eigentlich den Output und wir diskutieren Inputfaktoren, also wie viele Stunden Lehrer arbeiten sollen und diese und jene Schulform.

Ich finde, dass sollte nicht die Diskussion sein. Die Diskussion sollte sein, wo wollen wir die Kinder haben, wo müssen wir sie haben und welche Mittel benötigen wir dafür. Wir schrauben an den sichtbaren Dingen. Dass es aber erfolgreiche Schulsysteme gibt, die untersucht und bewiesen sind, wird gar nicht diskutiert. Das sind jene, wo in der Klasse die größte Autonomie ist. Diese Autonomie ist wichtig, nur muss man dann natürlich die Leute für diese Autonomie auch gut aussuchen.

Der Beruf des Lehrers darf dann aber nicht mehr wie in der aktuellen Diskussion als Restgröße gesehen werden, sondern eigentlich sollte man die besten eines Jahrgangs in diesen wichtigen Bereich kriegen. Und das sind unglaublich anspruchsvolle Jobs, die werden völlig unterschätzt. Ich bewundere jeden, der das kann. Diese Leute müssen in die Diskussion einbezogen werden, dann würde man wieder über das Wesentliche reden: Das Wohl der Schüler. Sie sehen, wir haben viel zu tun!

Es gibt natürlich auch Kritik am Programm von TEACH FOR AUSTRIA. Ein Vorwurf ist, dass TEACH FOR AUSTRIA eine Eliteschmiede sei und dass die Fellows im Vordergrund stehen und nicht die Schüler? Was würden Sie dem entgegen?
Sie werden das Wort Elite in keinen von unseren Unterlagen, auch bei unserem ganzen Auftritt nicht finden. Weil es das auch nicht ist. Wir sind kein exklusiver Klub, der in sich geschlossen bleibt und keinen anderen zulässt.

In einer Kultur, wo Topleistungen abseits des Schifahrens verdächtig sind, ist das natürlich gefährlich. Mir ist ganz wichtig, nicht elitär zu wirken, ich bin es auch selber nicht. Sie werden als Fellow oder Mitarbeiter von TEACH FOR AUSTRIA nie gesellschaftliche Überflieger finden, die Ihnen sofort erklären, wie die Welt funktioniert. Die würden sich hier nicht wohl fühlen.

Ich denke, jeder der einmal in einer Klasse gestanden ist, weiß auch, dass man das nicht macht, um den Lebenslauf aufzubessern. Da gibt es andere Wege.

Ja bequemere.

Vor dem Schuleintritt gibt es ja eine 6wöchige Sommerakademie, wo die Fellows für den Einsatz an der Schule vorbereitet werden. Jetzt gibt es da auch die Kritik, dass dieser 6wöchige Crashkurs keine pädagogische Ausbildung ersetzen kann. Was würdest Sie diesen Kritikern entgegnen?

Ich würde sagen, es gibt Leute, die eine 100jährige pädagogische Ausbildung und die Kenntnis aller Konzepte nicht befähigen würden, in der Klasse mit aufgeweckten, sehr diversen Kindern zu reüssieren. Aber gewisse Grundkenntnisse braucht es. Wir sind zeitlich eingeschränkt, weil wir die Leute nicht 1 Jahr ausbilden können, weder zeitlich noch finanziell. Wir wissen aber auch, dass es eine gewisse Persönlichkeit braucht, die Basis des Ganzen ist. Und diese Persönlichkeiten suchen wir, finden wir und haben wir auch schon. Der Großteil der Ausbildung ist auch on the job, das ist die 2jährige begleitete Lehrertätigkeit.

Der erste Fellowjahrgang geht jetzt ins zweite Jahr. Wie schaut die Bilanz aus dem ersten Jahr aus? Was ist gut gelaufen, welche Herausforderungen warten noch?

Ich hatte hohe Erwartungen und die sind übertroffen worden. Ich wusste, dass wir den Wahrheitsbeweis mit jenen Leuten erbringen werden, die wir ausgewählt haben. Und ich habe nach 3 Monaten schon wirkliche Fanpost gekriegt. Eine Schulleitung, die mir geschrieben hat, wie toll der Fellow ist und dass sie gerne weitere hätte. Für Außenstehende war am Anfang auch nicht klar, wie die Leute reinpassen werden, wie sie akzeptiert werden.

Sie werden voll akzeptiert, nach den ersten Monaten fragten einige KollegInnen schon nach den Skripten unserer Ausbildung. Und diese Geschichten haben sich gehäuft. Das haben wir gesehen, als wir den 2. Fellowjahrgang platziert haben. Da ist die Nachfrage einfach groß gewesen und wir mussten vielen Schulbezirken und Direktoren mitteilen, dass wir nur eine begrenzte Anzahl an Fellows haben. Wir wissen, es werben auch schon Schulen damit, dass TEACH FOR AUSTRIA Fellows da sind, was sehr erfreulich ist.

Natürlich gibt es aber auch Herausforderungen. Herausforderungen vieler Art. Man kann nicht verlangen, dass die Fellows nach einem Jahr perfekt sind. es gibt Schultypen, wo die Kinder jünger sind, wo wir eigentlich auch hin sollten. Ich denke da an die Volksschule, den Kindergarten. Das sind durchaus Gebiete, wo man sehr viel Einfluss hat als Lehrer, wo ein hoher Bedarf da ist, der auch schon vielfach geäußert wurde. Aber wir sagen, wir lernen jetzt einmal dort, wo wir sind – schultypenmäßig und geografisch – und dann können wir in die Breite gehen.

Wo soll TEACH FOR AUSTRIA dann 2020 stehen? Was würden Sie sich wünschen, dass Sie dann sagen können?

Ich sehe TEACH FOR AUSTRIA 2020 als nicht mehr wegzudenken und überall in der Gesellschaft positiv etabliert. In Unternehmen, in Start-Ups, in Schulen, in der Schulverwaltung aber auch in der Politik soll man dann ehemalige Fellows von TEACH FOR AUSTRIA treffen.

Dass man also einen Anstoß geben kann, dass sich in der Bildungspolitik etwas bewegt?

Ja, ich habe hohe Erwartungen an alle, einen ausgeprägten Sinn für das was machbar ist und dass man nicht wartet, bis irgendwas von oben entschieden wird. Man muss die Dinge einfach anpacken, die da auf der Straße liegen.

Fazit: Was kann TEACH FOR AUSTRIA in der Bildungspolitik verändern?

Das Projekt von TEACH FOR AUSTRIA ist mutig und hat sehr ambitionierte Ziele. Man hat erkannt, dass das österreichische Bildungssystem vor allem an seinen starren Strukturen leidet und trotz hoher Ausgaben viele Kinder zurücklässt.
Alleine die Öffnung des Lehrberufs für Akademiker aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die noch dazu die notwendige Persönlichkeit für diese komplexe Aufgabe mitbringen, kann hier Veränderung bewirken. Warum sollen unsere Kinder auch nicht von der Expertise dieser Fachkräfte profitieren? Ein hochqualifiziertes Lehrpersonal sowohl in der Pädagogik als auch in der Fachkenntnis sollten eigentlich der Anspruch sein. Nur dann kann man den Lehrern auch die notwendige Autonomie zukommen lassen, um den Unterricht entsprechend den Bedürfnissen der Schüler zu gestalten.

Denn wenn Lehrer Kinder von etwas begeistern können und wenn sie auch Zugang zu schwierigen Charakteren finden, dann können sie den Jugendlichen mehr Optionen in ihrem Leben anbieten. Die Fellows von TEACH FOR AUSTRIA werden gezielt nach diesen Kriterien ausgesucht und laufen ob der Dauer von 2 Jahren auch nicht Gefahr, auszubrennen. Im Gegenteil, sie brennen darauf, Veränderung zu bewirken. Nichts anderes treibt sie an, denn sonst wären sie mit ihrer Ausbildung längst in Berufen, die mehr Ansehen und Geld bringen. Dass solch ein gewagtes Projekt natürlich auch Kritiker auf den Plan ruft, überrascht nicht. Auch der Autor dieses Artikels ist skeptisch, ob Firmen wie Red Bull und die Österreichischen Lotterien die richtigen Partner für eine bildungspolitische Organisation sind.

Und natürlich wird man auch immer Personen finden, die die kurze pädagogische Ausbildung der Fellows ankreiden werden. Dennoch kann man TEACH FOR AUSTRIA nur dazu gratulieren, dass sie Bewegung in die Bildungspolitik bringen. Sie stoßen damit ein System an, das in Resignation verharrt und das neue Impulse von außen braucht.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.