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Nach guter Zeit ist eine Analyse der Kampagnen in der vergangenen Wahl-Auseinandersetzung angebracht. Erich Dorn, von 1969-1982 „Wahlkampfgenie“ bei acht erfolgreichen Kampagnen mit Bruno Kreisky, über Mandate, Kosten und Kampagnen.

Erich Dorn, Foto: privatErich Dorn
Dorn organisierte in den 60er-Jahren den ersten und bisher einzigen ORF-Streik. Kreisky holte ihn in die SPÖ, wo der Tonmeister von 1969 – 1982 als „Wahlkampfgenie“ an acht erfolgreichen Kampagnen mitarbeitete. 1979 erreichte Kreisky mit 51,7 Prozent den SPÖ-Rekord. Für den Kinowerbefilm „In Österreich lässt sich’s leben“ erhielt er den Staatspreis. 1985/86 entwickelte und organisierte er für Karlheinz Böhm „Menschen für Menschen“, 1997/98 den Bundespräsidenten-Wahlkampf, der Richard Lugner auf Anhieb zehn Prozent Stimmenanteil brachte. Dorn gilt in Funk, Film und Fernsehen als Medienpionier.
„Die Leute gehen zur Wahl, weil sie jemand emotionalisiert. Aus heutiger Sicht tut das die FPÖ!“ Kreiskys “Wahlkampfgenie” Erich Dorn im Interview
Der Österreichische Journalistenclub nennt ihn „eine der schillerndsten Persönlichkeiten der österreichischen Politik“ – und dennoch hat kaum ein politischer Outsider jemals von ihm gehört. Wer ist Erich Dorn, der Bruno Kreisky mit dem ersten und bisher einzigen ORF-Streik auf sich aufmerksam machte und der die Wahlwerbung revolutionierte? Dorn ist ein Techniker der (politischen) Macht aus einer anderen Zeit, als Handys noch so groß wie Koffer waren. Dennoch ist er heute auf Facebook vertreten – und informiert wie eh und je. Eine schillernde Gestalt, und eine spannende Reise durch die Höhen und Tiefen der österreichischen Politik. Steigen Sie ein und lernen Sie mit uns österreichische (Medien-)Geschichte!

Erich Dorn im Interview (Podwal, Jan. 2011)

Nach guter Zeit ist eine Analyse der Kampagnen in der vergangenen Wahl-Auseinandersetzung angebracht. Zunächst die kommerzielle Seite: Laut APA wurden die Kosten der Parteien im Jahr 2013 in „Ausgaben für politische Werbung“ und „Wahlkampfbudget für die Nationalratswahl“ aufgelistet:

Partei Kosten/Mandat
Team Stronach laut APA 10,2 Mio € für 11 Mandate aufgewendet, wobei sie das Lindner-Mandat wieder verloren haben. Jedes Mandat kostete 927.272,72 €. Nachdem das Team Stronach ohne Frau Lindner aber nur 10 Mandate hat kostete jedes Mandat mehr. 1,02 Mio €
ÖVP hat für 10,6 Mio € 47 Mandate bekommen 268.085,10 €
SPÖ hat für zusammen 12,6 Mio € 52 Mandate bekommen. 242.307,69 €
FPÖ hat für 40 erhaltene Mandate 8,9 Mio € bezahlt. 222.500 €
NEOS Kommen mit 9 erreichten Mandaten in der APA-Kostenbetrachtung nicht vor. In Presseberichten ist von offiziellen 941.714 € Kosten zu lesen. Andererseits hat Herr Haselsteiner angeblich 2 Mio € für die Wahlwerbung gespendet. 222.222 €
Grüne haben für 24 Mandate 5 Mio € ausgegeben. 208.333,33 €

Es zeigt sich, dass diejenigen welche Stimmen verloren haben viel mehr Geld für jedes Mandat aufgewendet haben als die anderen Parteien. Die Gründe dafür sind vielschichtig:

Die SPÖ, noch stimmenstärkste Partei hatte nicht wirklich eine Kampagne. Neben entsetzlichen handwerklichen Fehlern, wie etwa Plakaten, die den Kandidaten von unten aus fotografiert, mit halboffenen, scheinbar zahnlosen Mund im überdimensionalen Kopf zeigten. Mit diesem Sujet wurde die Intensiv-Werbung begonnen und bis zur Wahl weitergeführt obwohl jedem Anfänger in der Öffentlichkeitsarbeit bekannt ist, dass überdimensionale Darstellungen des Kandidaten, wenn sie länger als 10 Tage affichiert sind, die politischen Gegner mehr mobilisieren als die Anhänger. Und von unten aus fotografiert nur ein Dirty-Trick-Man wie das in den USA genannt wird.

Das Foto und der Text wurden zwar geändert und durch Schriftlösungen ergänzt. Aber was war das: Kampf um Pensionen? Das zu sagen, nachdem man fast vierzig Jahre regiert und dann den Pensionisten die Inflation nicht abgegolten hatte ist schon stark. Am weiten Land war ein Plakatsalat von bis dahin unbekannten SPÖ-Kandidaten auf Plakaten zu sehen. Auch zeigte sich die Hilflosigkeit der Verantwortlichen durch die peinliche Diskussion um ein Impressum auf einem Plakat. Menschen, welche am Weg zur Arbeit täglich den Riesenkopf sehen freuen sich immer weniger, je öfter sie ihn sehen. Spitzenkandidaten sollten nur im Finale zu sehen sein. Und Texte sollten glaubhaft sein. In der Steiermark gab es Plakate auf denen aufgerufen wurde nicht SPÖ und ÖVP zu wählen! Die Herausgeber dieser Plakate waren SPÖ- und ÖVP-Bürgermeister! Es macht den Eindruck dass die gesamte Aktion der SPÖ aus dem Hut, wie man in Wien sagt, war. Ohne diese Kampagne hätte die SPÖ vielleicht weniger verloren.

Der zweite Verlierer, die ÖVP hat weniger verloren, also eigentlich aufgeholt. Zunächst muss man feststellen, dass sehr wohl eine Kampagne vorhanden war. Es wurde versucht zuerst Sympathie aufzubauen und dann wurde am Schluss der Kandidat gezeigt. Warum man ihn wählen sollte wurde nicht schlüssig gezeigt, aber es wurde versucht. Die Schwachstellen der ÖVP wurden im verbalen Bereich, im Kommunikationsdurcheinander um Pensionsantritt der Frauen und Anderes erkennbar. Die Bilder auf den Plakaten waren sorgfältig gewählt, aber scheinbar nicht getestet worden. Auch ist der Kanzlerkandidat im TV zum Teil als „harter Gegner“ aufgetreten, während er als Softie am Plakat zu sehen war.

Die Kampagne Frank des Team Stronach war professionell angelegt und durchgezogen. Nur er selbst hat sich durch seine TV-Auftritte und Aussagen geschadet. Die Todesstrafe ist in Österreich kein Stimmenbringer. Es wurde durchgehend ein Sujet verwendet, das verspricht den größtmöglichen Erfolg – wenn auch die Life-Auftritte dazu passen. Es ist bemerkenswert, dass Herr Stronach sein sicher nicht leicht verdientes Geld so ausgegeben hat. Die kommenden Jahre werden zeigen ob es noch andere, bis jetzt noch nicht bekannte Gründe dafür gegeben hat. Es gab ja auch Gerüchte über die Motivation von Stronach sich das anzutun in dem Alter. Wem hat seine Kandidatur genützt?

Die Grünen haben mit einer auf bestimmte Zielgruppen abgestimmten Kampagne doch gewonnen obwohl die Mehrheit der Wähler sich wahrscheinlich nicht mit Lämmern vergleichen wollen. Aber bei den Intellektuellen ist das scheinbar angekommen. Wenn die Grünen mehr auf ihre Korruptionsfreiheit gesetzt hätten, wäre es vielleicht mehr gewesen.

Die Neos sind die wahren Sieger dieser Wahl. Mit wenig Geld und viel persönlichen Einsatz sind sie ins Parlament gekommen und gleich mit 9 Mandaten. Sie hatten keinen Gegner. Sie sind vor den Freiheitlichen die Partei, welche sicher im 21. Jahrhundert angekommen ist. Sie haben die neuen Medien mit persönlichen Einsatz kombiniert wie keine andere Partei es geschafft hat. Sie haben ökonomisch agiert und junge Leute nach Vorne gestellt, neben Haselsteiner und ohne Heide Schmidt. Die Verliererparteien haben sich auf ihre Kernschichten konzentriert und den Freiheitlichen wurde der persönliche Einsatz schwer gemacht durch die konzertierte Aktion aller anderen Parteien: „Mit denen wollen und werden wir nicht zusammen arbeiten“ Diese Aussage hat doch viele Gemüter daran gehindert freiheitlich zu wählen, weil sie misstrauisch wurden als alle anderen Parteien gegen die Freiheitlichen waren.

Die FPÖ hat Stimmen gewonnen, aber ist durch die Agitation der anderen Parteien sehr gehemmt worden. Allein das Team Frank und das BZÖ haben FP-Themen besetzt und so die Möglichkeiten der Freiheitlichen begrenzt. Der FPÖ ist es aber mit der „Nächstenliebe“ gelungen ein wichtiges Thema anzusprechen und zu festigen. Die technische Ausführung und Einsatz der Werbemittel der FPÖ waren optimal, besonders in den Internetmedien.

Die Wahlbeteiligung ist bei dieser Nationalratswahl mit 74% auf den tiefsten Stand der Zweiten Republik gesunken.

Keine Partei hat bisher den Vorschlag gemacht, die Wahlbeteiligung in Österreich dadurch zu erhöhen, indem man den Nichtwählern mehr Gewicht gibt. Durch Veränderung der Wahlzahl könnte sicher gestellt werden, dass wenn nur 74 Prozent der Wahlberechtigten wählen gehen nur 74 Prozent der Mandate vergeben werden. Auch die Parteiförderungen sollten auf diesen Prozentsatz gekürzt werden. Es kann nicht sein, dass 74 Prozent 100 Prozent der Förderung bekommen. Dann würden alle Parteien an der Erhöhung der Wahlbeteiligung ernst arbeiten.

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.