Kann man die Finanzkrise überhaupt verstehen? Versteckt sich dahinter irgendeine Logik, irgendwelche nachvollziehbaren Abläufe? Robert Misik versucht es zu erklären und … meistert diese Aufgabe bravourös.

RobertMisikRobert Misik
geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller. Seine publizistische Laufbahn führte ihn von der »Arbeiter-Zeitung« zum »profil«, heute schreibt er regelmäßig für die Berliner »tageszeitung«, die »Berliner Zeitung«, die »Neue Zürcher Zeitung« und den Wiener »Falter«, außerdem produziert er die wöchentliche Videoshow »FS Misik« auf der Website der Tageszeitung »Der Standard«. Autor zahlreicher Bücher: auf neuwal.com wurden bisher „Anleitung zur Weltverbesserung„, „Halbe Freiheit. Warum Freiheit und Gleichheit zusammengehören“ und „Ist unsere Politik noch zu retten?“ rezensiert.

Für den Autor hat der klassische Journalismus und insbesondere der Wirtschaftsjournalismus (bis auf wenige rühmliche Ausnahmen) versagt: anstatt die Masse der Menschen über die Umstände der Finanzkrise aufzuklären, hat man sich vielmehr zu einem Verlautbarungsjournalismus gewandelt. Kritische Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaft, ihren Krisen und den möglichen Lösungen dagegen vermisst man hingegen. Und gerade deshalb ist Robert Misiks Werk von so großer Wichtigkeit: Er will – während sich sein Buch „Ist unsere Politik noch zu retten?“ eher an progressive, linke Parteien richtet – etwas Aufklärung für alle Menschen liefern. Will niemanden durch komplizierte Fachsprache oder unverständliche Theorien verwirren sondern bedient sich einfach verständlicher Beispiele.

Aber wenn Experten, Lobbys und Politiker Fragen, die für ein Gemeinwesen lebenswichtig sind, in der Sprache eines Geheimwissens verhandeln, dann ist das langfristig für die Demokratie ein tödliches Gift.

Diese Worte aus seinem Vorwort zeigen die Motivation des Autors. Das Buch selbst basiert auf einer Vortragsreihe der Volkshochschule Ottakring. Und was besonders gut gefällt: nachdem er die Entstehung der Finanzkrise von Beginn an erklärt, Grundprobleme nennt und dann erklärt, warum die Europäische Union schlussendlich viel stärker betroffen war als die USA wagt er auch den Rundumschlag gegen sowohl linke als auch rechte Mythen über die Krise. Und es erscheint einem fast so, dass auf jeder Seite des politischen Spektrums entweder mit Unwissenheit oder wissentlicher Lüge hantiert wird, um seine Politik umzusetzen.

Ob nun mit dem Kartoffelmarkt, der Zahnstocherindustrie oder dem Hosenmarkt: Robert Misik nutzt verständliche Beispiele, um große Vorgänge und damit verbundene Probleme aufzuzeigen. Auch wenn ihm wahrscheinlich rechts-liberale Kollegen vorwerfen, die Unwahrheit zu sagen, wirken seine Aussagen, seine Worte vielfach glaubwürdiger als von jenen Menschen, die auch heute noch behaupten, ein komplett entfesselter Markt sei das Beste für unsere Welt. Misiks Worte sind glaubwürdig, nur (überraschend) wenig überspitzt und treffen den Leser im Vorüberlesen.

Und was ist nun passiert in den vergangenen zehn Jahren? Die ökonomisch mächtigen, fortgeschrittenen europäischen Länder, Deutschland, Österreich, die Niederlande, haben ihre Vorteile systematisch ausgebaut. Wie haben sie das denn gemacht? Sie haben natürlich bessere Technologien entwickelt, sie haben ihre Produktivität erhöht. Aber sie haben auch die Masseneinkommen niedrig gehalten.

Vor allem die Kritik bzw. die kritische Auseinandersetzung mit den linken und rechten Mythen haben es mir angetan. „Linke“ gerne davon reden, dass der Kapitalismus selbst das Grundübel sei und gemeinsam mit der Geldwirtschaft sowieso nie funktionieren würde, dass Schulden etwas grundsätzlich Schlechtes sind und das Zinssystem das Böseste überhaupt sei. „Rechte“ sagen selbst heute noch, dass der Staat Schuld sei an der Finanzkrise: denn die Wirtschaft gehöre entfesselt, der Markt gehöre dereguliert. Dass dies zwar bereits passiert ist und in eben diese Krise geführt hat, lässt die rechten Denker kalt: da sei eben der Einfluss der Staates immer noch zu hoch gewesen und die Deregulation des Marktes zu wenig. Es ist manchmal echt traurig, mit welchen Argumenten man zum Teil konfrontiert wird.

Denn bedenken wir, was man uns seit dreißig Jahren eingereet hat, seit dem Beginn der neoliberalen und neokonservativen Gegenreformation: Dass Gleichheit schlecht sei, weil die Welt doch bunt sei und wir alle unterschiedlich, und dass das ja schön sei so! Gleichheit sei doch kein erstrebenswerter Wert, hat man uns gesagt.

In „Ein guter Kapitalismus, kann es den geben?“, dem Abschlusskapitel des Buches, nennt Robert Misik Auswege aus der Krise. Er nennt dabei klassisch linke Ideen, nicht jene, die die „Überwindung“ des Kapitalismus am Plan haben, sondern solche, die den Kapitalismus gerechter machen. Die eine Umverteilung vorsehen – denn Misik erklärt sehr gut, warum Ungleichheit immer stärker wird: Die „Reichen“ geben ihr Geld nicht mehr aus (sie haben so viel, dass sie es ganz einfach nicht mehr ausgeben können), sondern legen es auf Banken, welche dann damit Kredite vergeben. Somit verdienen die oberen 10% weiter dazu, ihre Vermögen vermehrt sich und die „Unteren“ verschulden sich weiter. Gegen das sollte gegengesteuert werden – denn wenn wieder mehr Gleichheit eintritt, würde das auch die Wirtschaft wieder stärker ankurbeln.

Robert Misik hat mit „Erklär mir die Finanzkrise!“ ein sehr verständliches, kleines Nachschlagewerk für alle Menschen geschrieben, die unsere Wirtschaft wirklich verstehen wollen. Kein anderes Buch bisher, dass ich zur Finanzkrise gelesen habe, ist derart massentauglich und noch dazu so lesenwert und angenehm locker geschrieben. Und, was mich sehr positiv überrasch hat: Dass Misik nicht nur die rechten Mythen kräftig abgewatscht hat, sondern sich auch jene linken Mythen, die man nur allzu gerne vor die Füße geworfen bekommt. Ein rundum empfehlenswertes Werk!

Und passend dazu: Die Vortragsreihe der VHS Ottakring auf YouTube

Erklär mit die FinanzkriseRobert Misik

Erklär mir die Finanzkrise!
Wie wir da reingerieten und wie wir wieder rauskommen

Picus Verlag

Seiten: 154
ISBN: 978-3-85452-698-8

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Wir bedanken uns beim Picus Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars!
Bildquellen: misik.at

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