Am 10. Oktober wird in Kärnten der Volksabstimmung von 1920 gedacht. An diesem Tag entschied sich die damals überwiegend slowenischsprachige Bevölkerung Südkärntens für den Verbleib bei der Republik Österreich. Seit vielen Jahren schon gibt es an diesem Tag Feierlichkeiten im Gedenken an den Abwehrkampf und an die Volksabstimmung. Oft wurde diese Feier einseitig politisch instrumentalisiert. Heuer wird es erstmals eine Feier für beide Kärntner Volksgruppen sein.

Die offiziellen Landesfeierlichkeiten zum Kärntner Landesfeiertag werden heuer unter dem Motto „Zukunft gestalten, Vergangenheit verstehen“ stehen. Heuer sollen die Feierlichkeiten keine einseitige Heroisierung des Kärntner Abwehrkampfes sein, sondern eine gemeinsame zweisprachige Veranstaltung für alle KärntnerInnen. Diese Idee stoßt natürlich nicht überall auf Gegenliebe, auch wenn slowenische Reden und Ansprachen bei den offiziellen Feierlichkeiten nichts Neues sind. Die neue Ausrichtung der offiziellen Feierlichkeiten wird besonders von den bis zum Frühjahr regierenden Freiheitlichen kritisiert.

Warum die ganze Aufregung?

Für die jeweilige Kärntner Landesregierung war und ist der 10. Oktober ein wichtiger Tag, an dem das nationale Kärntner Bewusstsein mit viel Tradition hervorgehoben wird. Der Kärntner Abwehrkampf gilt in Kärnten bis heute als Sinnbild für eine erfolgreiche Verteidigung zur Einheit des Landes durch KärntnerInnen, weil Kärnten vom Rest Österreichs bei der damaligen Bedrohung im Stich gelassen wurde. Außer Acht gelassen wurde hier immer, dass die Südkärntner Grenze nicht der einzige strittige Punkt mit den Nachbarländern für die damalige junge Republik war. Ein offizieller bewaffneter Konflikt mit dem neu entstandenen Nachbarland während der Friedensverhandlungen in Paris wäre unmöglich gewesen.

Aber um was ging es eigentlich beim Abwehrkampf und bei der Volksabstimmung? Hier ein paar Informationen dazu:

Hintergrund Abwehrkampf

Nach der Auflösung der Monarchie, war das zweisprachige Südkärnten zwischen der neuen Republik Österreich sowie dem neu entstandenem Königreich der Slowenen, Kroaten und Serben (in Folge SHS-Staat genannt) umstritten. Auch wenn vereinbart wurde, auf den Ausgang der Friedensverhandlungen in Frankreich zu warten, wurden im Herbst/Winter 1918 große Teile Südkärntens wiederholt durch Truppen des SHS-Staates besetzt. Da sich Wien kein offensives Vorgehen gegen dieses Vorgehen leisten konnte, wurde in der Kärntner Landesversammlung der Beschluss gefasst, sich dagegen zu wehren. Der so genannte Kärntner Abwehrkampf begann damit. In der ersten Phase des Abwehrkampfes konnte sich Kärnten sehr erfolgreich gegen die Besatzer wehren. Daraufhin wurde im Jänner 1919 ein Waffenstillstand vereinbart. Verhandlungen über eine neue Demarkationslinie wurden gestartet. Zur Festlegung dieser Grenze bereiste der amerkanische Leutnant Miles mit einer Kommission das strittige Gebiet und war hier auch im ständigen Kontakt zur heimischen Bevölkerung, um deren Meinung einzuholen. Miles kam zu zwei Erkenntnissen:

  • die Karawankengrenze sollte als Demarkationslinie festgelegt werden.
  • Eine Teilung des Südkärntner Raumes würde der wirtschaftlichen und geographischen natürlichen Einheit des Gebietes widersprechen. Dieser Meinung war laut Miles auch ein Großteil der dort lebenden SlowenInnen.

Nachdem die Friedensverhandlungen von Paris für den SHS-Staat schlecht liefen, wurde das Südkärntner Gebiet im April 1919 neuerlich von Truppen besetzt. Durch schnelle Gegenwehr konnten diese aber sehr rasch zurückgedrängt werden. Den dritten Versuch startete der SHS-Staat mit einer großen militärischer Übermacht Ende Mai 1919. Damit war der SHS-Staat schlussendlich erfolgreich und der Abwehrkampf verloren. Zu diesem Zeitpunkt war eine Volksabstimmung über die strittigen Gebiete bei den Friedensverhandlern in Paris aber bereits eine entschiedene Sache. Diese wurde schließlich am 21.Juni 1919 beschlossen.

Hintergrund Volksabstimmung am 10.Oktober 1920

Das Abstimmungsgebiet wurde in zwei Zonen geteilt:

Zone A
Die Zone A war das direkt an Slowenien angrenzende Gebiet mit einem, laut letzten Volkszählungen, höheren slowenischsprachigen, als deutschsprachigen Anteil. Dieses Gebiet umfasst 1.705km² und hatte rund 72.000 Einwohner. Davon waren ca. 49.000 slowenisch-, und 23.000 deutschsprachige Bewohner.

Zone B
Zone B schloss nördlich an die Zone A an. Hier sollte nur eine Volksabstimmung durchgeführt werden, wenn die Abstimmung in Zone A positiv für den SHS-Staat ausgefallen wäre. Dieses Gebiet hatte laut letzten Volkszählungen einen höheren deutsch-,als slowenischsprachigen Anteil und hatte eine Größe von ca 365km² mit rund 53.500 Einwohnern. Davon waren ca. 49.000 deutschsprachige und 4.500 slowenischsprachige Bewohner.

Das Ergebnis wurde am 13. Oktober 1920 in Klagenfurt öffentlich bekannt gegeben. Die Zone A blieb damit bei Österreich und eine Abstimmung in Zone B wurde obsolet. Durch dieses Ergebnis war klar, dass auch  viele SlowenInnen für Österreich stimmten. Historiker schätzen ihre Zahl auf ungefähr 10.000. Es ist anzunehmen, dass Kärnten historisch, kulturell, sozial und vor allem wirtschaftlich für die Kärntner SlowenInnen wichtiger war als der neu gegründete  SHS-Staat. Auch aus diesem Hintergrund heraus war das positive Ergebnis bei der Volksabstimmung kein Sieg des Deutsch- über das Slowenentum, sondern ein Sieg für ein gemeinsames Kärnten.

Die heurigen gemeinsamen Feierlichkeiten sind ein weiterer symbolischer Schritt für ein konfliktfreies Miteinander beider Kärntner Volksgruppen. Der erste große Schitt wurde ja mit der Einigung im sogenannten Ortstafelstreit 2010 getan. Zu oft wurde dieser Tage in den vergangenen Jahrzehnten durch die Politik instrumentalisiert und und für die eigene Politik mißbraucht. Der 10. Oktober sollte  kein Tag nur für die rein deutschsprachige Bevölkerung sein. Denn auch ein großer Teil der damaligen slowenischsprachigen Bevölkerung hat sich damals zu Kärnten bekannt. Die gemeinsame Ausrichtung der Feierlichkeiten im heurigen Jahr sind ein Zeichen für das friedliche Zusammenleben beider Kärntner Volksgruppen in ihrer gemeinsamen Heimat Kärnten/Koroška.

The following two tabs change content below.
Martin Zinkner wurde 1981 in Judenburg in der Steiermark geboren. Er absolvierte das Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sein Studienschwerpunkt war österreichische und internationale Politik mit Fokus Süd- und Osteuropa. Ein einjähriges Forschungspraktikum brachte ihn an den Balkan nach Kosovo und Belgrad. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete "Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes". Das Studium setzte er im Mai 2009 mit Blickrichtung Doktorat fort. Im Internetbereich ist er für Konzept- und Redaktionstätigkeiten bei www.studieren.at und www.auslaender.at aktiv. Für neuwal schreibt Martin Zinkner eine mehrteilige Serie über die Kärntner Orstafelthematik: Mit Hintergründen, Informationen, Geschichte und Ausblicke über den andauernden Ortstafelstreit.