Petra Bernhardt und Andreas Pribersky widmen sich in diesem Teil von Ansichtssache der wissenschaftlichen Betrachtung von Kampagnen bei den Wahlen in Deutschland und Österreich zum Humor und Pathos.

Ansichtssache. Virtuelle Strategien zur Wahl.Petra Bernhardt
Andreas Pribersky

analysieren für neuwal.com auf wissenschaftlicher Ebene die Bilder und Themen des Wahlkampfs in Österreich und Deutschland. Die beiden PolitikwissenschaftlerInnen forschen und lehren zu visueller Kommunikation und politischer Ikonographie an der Universität Wien und haben sich in Forschungsprojekten und Publikationen mit unterschiedlichen politischen Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene beschäftigt. Davon ausgehend analysieren sie in einer Reihe wöchentlicher Kommentare kampagnen- und länderübergreifende Motive des Wahlkampfs, mit denen PolitikerInnen und Parteien ihre visuellen Botschaften vermitteln und an Traditionen politischer Kommunikation anknüpfen.

Bei der Gestaltung der Plakate für den laufenden Nationalratswahlkampf haben sich die beiden österreichischen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP besonders ausgiebig im Inventar traditioneller Staats- und Nationalsymboliken bedient und damit den symbolischen Rahmen für die Darstellung politischer Differenzen abgesteckt. Allein durch die breite Streuung der Plakate dürften die Portraits der Spitzenkandidaten von SPÖ und ÖVP damit etwa jenem mit vergleichbaren Stilmitteln gestalteten Portrait des BZÖ-Spitzenkandidaten Josef Bucher einiges von seiner Wahrnehmbarkeit entziehen. Der in einem Plakat und Spot der NEOS daraus gezogene Schluss, dass diese beiden den öffentlichen Raum und die Berichterstattung beherrschenden Figuren erst einmal aus dem Blickfeld gebracht werden müssten, um Platz für politische Alternativen zu schaffen, hat deshalb einiges für sich. Auf dem Plakat der NEOS werden Werner Faymann und Michael Spindelegger deshalb auch als farblose Pappfiguren sprichwörtlich „hinausgetragen“.

neos 2 13

NEOS ist aber nicht die einzige Partei, die sich bei der Gestaltung ihrer Plakate in Ironie übt. Auch die Grünen haben in ihrer Kampagne versucht, mit für die politische Werbung unkonventionellen Plakaten Aufmerksamkeit zu erregen. Thematisch setzen sich die Grünen dabei sowohl in Österreich als auch in Deutschland mit den amtierenden Regierungen auseinander. Während die deutschen Grünen dem politischen Gegner bereits im Rahmen der ersten Plakatstaffel ein Gesicht gegeben haben – nämlich das von Angela Merkel und ihrem Regierungsteam – wird das Gegenüber in den Plakaten der österreichische Grünen über Slogans angesprochen: „Wer einmal stiehlt, den wählt man nicht“, Rot-Schwarz: genug gestritten“ und „Weniger belämmert als die anderen“.

BRNx-92CUAAiNeQ.jpg_large Plakatmotive-abwaehlkalender_5 BRNxpLVCYAA-4MQ.jpg_large

llustriert werden diese drei Slogans der ersten Plakatwelle mit einem Schimpansen, einem Marienkäfer und einem Lamm. Wenngleich der Tiervergleich auf Wahlplakaten eher untypisch ist und einen Bruch mit gängigeren Genres wie dem Portrait darstellt, gehört er zum Kernbestand politischer Bildlichkeit. Die wichtigste Funktion von Tierdarstellungen liegt in der Übertragung positiver oder negativer Attribute auf politische Persönlichkeiten, die dem jeweiligen Tier symbolgeschichtlich zugeordnet werden. So gilt etwa der Löwe als beliebtes Symbol- und Wappentier, dessen Stärke und Anmut zur metaphorischen Überhöhung von Herrschenden herangezogen wurde. Die Verwendung tierischer Darstellungen kann aber auch der Kritik oder Herabwürdigung eines politischen Gegners dienen – etwa wenn es um Arglist geht, die als Eigenschaft traditionell dem Affen zugeschrieben wird.

Die deutschen Grünen entscheiden sich im Rahmen eines Spots mit dem Titel „Neues aus dem schwarz-gelben Tierreich“ ebenfalls für einen Tiervergleich, indem sie die Eigenschaften der gemeinen Schnecke Gastropoda – beschrieben als ein gemächliches Kriechtier mit fehlendem Rückgrat und Fühlern, die sich nach dem Wind drehen – auf die Koalition übertragen und auf die Möglichkeit hinweisen, die „Schneckenplage“ durch die Wahl im September loszuwerden. Im Spot wechseln sich Aufnahmen von Schnecken mit jenen der Regierung ab. Begleitet werden die Bilder von doppeldeutigen Anspielungen: „Wie so häufig bei Zwitterwesen beobachten wir hier eine ausgeprägte Vetternwirtschaft, bei der die Alphatiere ihre Beute ausschließlich mit Familie und engen Freunden teilen.“ Die zitierte „Vetternwirtschaft“ wird in ihrer österreichischen Variante als „Freunderlwirtschaft“ auch zu einem Thema der zweiten grünen Plakatwelle und dem Slogan „Wirtschaft geht auch ohne Freunderl“.

Während die österreichischen Grünen den Streit in der rot-schwarzen Koalition mit einem auf den Rücken gedrehten Marienkäfer abstrahieren, bringen die deutschen Grünen ihren politischen Gegner konkret ins Bild. Bei der metaphorischen Verwendung von Tierbildern geht es beiden Parteien darum, die Kritik am politischen Gegner durch die Sichtbarkeit im Tierbild deutlicher zu machen, als sie etwa in einer Beschränkung auf regierungskritische Textelemente wird, wie sie die FPÖ gewöhnlich und auch in diesem Wahlkampf für einen Teil ihrer Kampagne als Slogans formuliert hat. Es bleibt freilich eine Frage, wie verbindlich oder verbreitet das kulturelle Wissen um die den Tiersymbolen beigegeben Eigenschaften ist, das durch ihre Darstellung die im Text vermittelten Deutungen unterstützen soll.

Die FPÖ, die in einer Reihe von Wahlkämpfen eine Tradition weitaus aggressiverer Sprachbilder in Reimform entwickelt hat, um die politischen GegnerInnen dem Spott preiszugeben, hat in diesem Wahlkampf ein anderes Konzept gewählt.

Pathos als politischer Ausdruck

Pathetische Momente sind ein selbstverständlicher Teil des politischen Protokolls (zum Beispiel bei Staatsbesuchen) oder von politischen Ritualen, wie sie etwa in der besonderen Haltung beim Spielen oder Singen von Hymnen zum Ausdruck kommen. Diese Momente sind im wesentlichen auf politische AmtsträgerInnen fokussiert, sie stehen also RegierungspolitikerInnen in der Regel in größerem Maße zur Verfügung als der Opposition. Soll das Pathos für die Präsentation der politischen Anliegen und Inhalte von Oppositionsparteien oder -bewegungen genutzt werden, so erfordert dies meist die Berufung auf eine noch über dem Staat stehende, höhere (moralische) Instanz, wie sie etwa aus einer Entgegensetzung von Nation oder Religion und Staat abgeleitet werden kann.

Mit einer derartigen metaphorischen Pathosformel als Kampagne-Slogan in Form der „Nächstenliebe“ hat diesmal die FPÖ die Öffentlichkeit – und wohl am meisten ihr Stammpublikum – verblüfft. Das offenbar die gesamte Kampagne übergreifende Bibelzitat „Liebe deine Nächsten“ – die Wahlkampfveranstaltungen werden ebenfalls mit dem Aufruf „Komm zur Nächstenliebe Tour“ beworben – wird dabei in der zweiten Staffel, die ausschließlich unter diesem Slogan steht, auch in den Sujets der Abbildungen vorgestellt, die sich etwa unter dem Titel „H.C. Strache hautnah“ zusammenfassen ließen: der Spitzenkandidat in engem Blickkontakt, einem tête-à-tête mit einer jungen, im zweiten Sujet gar der Berührung einer älteren Dame.

Eine Darstellung von unmittelbarem Blick- oder Körperkontakt ist der politischen Werbung in der Regel fremd. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die FPÖ-Sujets in zahlreichen Kommentaren Befremden ausgelöst haben. Doch auch die FPÖ-Kampagne greift damit auf Traditionen der Herrschaftsdarstellung zurück: traditionellerweise ist es freilich der Herrscher, der durch seine Berührung die ihm aufgrund seines Amtes innewohnenden metaphysischen Kräfte mit einem Gegenüber teilt. Diese Idee findet sich beispielsweise im Glauben an die Heilkräfte des Amtsträgers, wie sie etwa noch für die jüngst erfolgte Seligsprechung des letzten Habsburger-Kaisers Karl von entscheidender Bedeutung waren. Restbestände dieser Überzeugung sind auch noch bei festlichen Begegnungen von SpitzenpolitikerInnen mit der Bevölkerung in der Berührung ausgewählter Kinder zu sehen, die letzteren „Glück und Segen“ bringen sollte.

fpö Liebe-deine-Nächsten-FPÖ-2013

Ein postmoderner Leviathan der Wahlwerbung?

Die Umkehr dieser Berührung ist ein Ergebnis neuzeitlicher Säkularisierung, in deren Folge die politische Führungsspitze als Verkörperung der Nation dargestellt werden kann. Diese Verbindung, die etwa in der – am Beispiel von Werner Faymanns Krawatte hier bereits beschriebenen – Verwendung der Nationalfarben als Teil der physischen Präsenz ihrer RepräsentantInnen zum Ausdruck kommen kann, wird auch in der Figur des Leviathan als symbolische Repräsentation des modernen Staates durch die Zusammensetzung von dessen Körper aus den Silhouetten der tragenden Gruppen des Staates (siehe das Frontispiz von Thomas Hobbes Leviathan, z.B. bei spamula.net und in der Folge von Personen aus dem Volk oder BürgerInnen der Nation vorgestellt. Die Berührung des Spitzenkandidaten durch eine Unbekannte – stellvertretend für das Gegenüber der Regierenden – soll hier also den Anspruch der Kampagne auf die genuine Vertretung der nationalen Interessen durch die FPÖ und ihren Spitzenkandidaten deutlich machen. Nicht bloß die kaum überbrückbare Differenz zwischen dem christlichen Gebot der Nächstenliebe und der gewählten visuellen Darstellung des (früh)modernen Nationalstaatsgedankens lassen Zweifel an der Wirksamkeit der Sujets aufkommen, auch die grafische Beschränkung des Slogans auf einen Kreisausschnitt der derzeit affichierten dritten Plakatstaffel – die wieder einen der in vorhergehenden Wahlkämpfen bewährten Anti-Regierungs-Reime zum Slogan hat – durch die FPÖ selbst scheint deren Überzeugung von der Wirksamkeit der Nächstenliebe als höhere Bestimmung ihrer Parteipolitik in Frage zu stellen.

Während dieser Entwurf einer nationalen Pathosformel, zusammengesetzt aus der Uminterpretation einer ethischen Norm und Darstellungstraditionen des modernen Nationalstaates offenbar gescheitert ist, weist ein Beispiel aus der laufenden Kampagne der CDU, das ebenfalls auf die Figur des Leviathan zurückgreift, darauf hin, dass derartige Bildtraditionen der aktuellen politischen Kommunikation durchaus als Referenz dienen können.

130902-groehe-cdu-661x372

Die CDU präsentierte Anfang September ein Riesenposter am Berliner Hauptbahnhof. Der Schriftzug „Deutschlands Zukunft in guten Händen“ wird von der so genannten „Merkel-Raute“ illustriert, jener viel zitierten und bekannten Handhaltung der deutschen Kanzlerin, die von KörperspracheexpertInnen und SatirikerInnen gleichermaßen diskutiert wird. Das Besondere an dem Bildmotiv ist seine Kompositionslogik. Denn es handelt sich dabei nicht um eine fotografische Darstellung der Handhaltung, sondern um ein Bild, das sich aus 2.150 einzelnen Hand-Motiven zu einem Mosaik zusammensetzt, die in einer CDU-Mitmach-Aktion gesammelt wurden. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erklärte bei der Präsentation, dass das Mosaik die Arbeit der Kanzlerin und unzähliger Menschen verdeutlichen soll, die sich in Beruf und Ehrenamt einsetzen. Damit setzt die CDU den Kampagnenslogan „Gemeinsam erfolgreich“ in einem Motiv um, das im Laufe der Zeit von einer Verlegenheitsgeste zu einer wieder erkennbaren Charakteristik der Kanzlerin geworden ist.

Dass das Riesenposter in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kanzleramt und Bundestag platziert ist, bezeichnet Gröhe als „entschlossene Wahlkampf-Ansage“. Und tatsächlich ist diese Besetzung des urbanen Machtzentrums der Stadt in Blickachse zu Kanzleramt und Bundestag ein hoch symbolischer Akt. Besonders bemerkenswert ist außerdem, dass das Mosaik auf eine der bedeutendsten Versinnbildlichungen moderner Politik verweist: auf den bereits zitierten Leviathan von Thomas Hobbes.

In der Entstehung des CDU-Posters als Mosaik aus den Einsendungen von BürgerInnen soll derselbe Inhalt vermittelt werden, den das Frontispiz von Hobbes’ Werk aus der Zusammensetzung dieses Fürstenbildes aus den Körpern von Mitgliedern des Gemeinwesens erreicht: der Staat und seine politische Führung – in diesem Fall konkret auf Angela Merkel bezogen – sollen als Sinnbild des gemeinsamen Willens erscheinen.

Damit gerät der eigentliche Akteur der Wahlen in den Blick, der Souverän oder zumindest jener Teil davon, die als WählerInnen von dieser Souveränität Gebrauch machen. Deren Darstellung in den laufenden Kampagnen widmet sich deshalb die folgende Ansichtssache.