Ganz Allgemeinen ist das österreichische Volksgruppenrecht vor allem Sprachenrecht. Nur wo eine ausreichende Zahl an SprecherInnen vorhanden ist, gibt es für die gesetzlich anerkannten Volksgruppen auch bestimmte Rechte wie bspw. das Recht auf Unterricht, oder aber zum Gebrauch der Sprache vor dem Amt und bei Gericht. Wie soll aber die tatsächliche Größe einer Volksgruppe erhoben werden?

Im Prinzip ist das gar nicht möglich. Das österreichische Volksgruppengesetz definiert im §1(2) drei Prinzipien, die eine Volksgruppe in Österreich haben muss, um überhaupt als Volksgruppe zu gelten:

  • Gruppenzusammengehörigkeit
  • Beheimatungsprinzip
  • Nicht deutsche Muttersprache und eigenes Volkstum

Diese Prinzipien werden von allen anerkannten Volksgruppen erfüllt. Die Gruppengröße zu ermitteln, ist jedoch sehr schwierig. So divergieren auch immer die offiziellen Zahlen der statistischen Zählungen mit jenen Zahlen, die von den Gruppen selbst geschätzt wurden.

In Österreich wurde die Volksgruppengröße immer anhand der Sprachenfrage bei den Volkszählungen festgestellt. Eine solche Vorgehensweise ist natürlich mit großen Verzerrungen verbunden:

  • Die Angabe der Umgangssprache sagt nichts über das Gruppnzusammenangehörigkeitsgefühl aus. Die Umgangssprache kann auch erlernt sein, da man in einer Gegend aufgewachsen ist bzw. lebt, wo diese Sprache dominierend ist.
  • Auch Personen, die eine Volksgruppensprache nicht sprechen, können sich der Volksgruppe zugehörig fühlen (z.B. weil die Eltern oder Großeltern Volksgruppenangehörige waren)
  • Es kam immer wieder zu unwahren Angaben, da man nicht zur Volksgruppe gezählt werden wollte oder aber auch, weil man die Volksgruppe unterstützen wollte (es musste kein Nachweis erbracht werden, das man die Sprache wirklich  beherrschte)

Ein anderes Problem war, dass Volkszählungen in Österreich immer persönlich durchgeführt wurden. Das heißt: Volkszähler gingen von Haus zu Haus. Je nachdem, wie dieser Zähler der jeweiligen Volksgruppe gegenüber eingestellt war, konnte es auf die Antwort der gezählten Personen Einfluss haben.

Auch die Frage an sich ist schon ein Problem. Bei den Volkszählungen zwischen 1880 und 1910 wurde jeweils nach der Umgangssprache gefragt. Die gleiche Fragestellung wurden auch bei allen Volkszählungen in der zweiten Republik verwendet.  Dagegen wurden1923 die „Denksprache“, und 1934 die „Sprache, deren Kulturkreis der Befragte sich zugehörig fühlt“, abgefragt. Beides Fragstellungen, die darauf abzielen, sich einer bestimmten Gruppe gegenüber zu deklarieren.

In Österreich gibt es kein Bekenntnisprinzip (siehe Volksgruppengesetz §1(3)). Das heißt: man kann sich zu einer Volks- oder Sprachengruppe bekennen, muss es aber nicht. In Südtirol ist das anders. Hier muss sich ein jeder Bürger zur deutschen, italienischen oder ladinischen Sprachengruppe zugehörig erklären. Wenn man das nicht möchte oder kann (z.B. Zuwanderer), muss man sich einer Sprachengruppe zuordnen. Hintergrund ist hier, dass alle Stellen im öffentlichen Bereich des Landes, sowie bei staatlichen Einrichtungen in Südtirol, nach einem Proporzschlüssel vergeben werden,  Laut letzter statistischen Erhebung (2011) stehen damit von 100 Stellen 69 der deutschen, 26 der italienischen sowie fünf der ladinischen Sprachgruppe zu. So eine Zuordnung bringt natürlich auch Probleme mit sich. Was machen Personen, die sich mehreren Sprachgruppen zugehörig fühlen und mehrsprachig aufgewachsen sind? Praktisch ist nicht immer alles so einfach, wie es theoretisch aussieht.

Bei so einem Bekenntnisprinzip kann man sicherlich vieles kritisieren. Jedoch hat man damit relativ sichere Zahlen zur Volksgruppengröße.

In Österreich fand die letzte klassische Volkszählung 2001 statt. Seit 2011 wird die Volkszählung anhand der sogenannten Registerzählung durchgeführt. Das heißt: an einem bestimmten Tag werden alle relevanten Register „eingefroren“ und die Ergebnisse ausgewertet. Dadurch können aber zwei bis jetzt erhobene Kategorien nicht mehr abgefragt werden: Sprache und Religion. Den dafür gibt es keine eigenen Register. Damit sind die Ergebnisse für diese Kategorien vorerst mit dem Jahr 2001 eingefroren. Das Innenministerium könnte zwar eine spezielle Zählung für diese beiden Kategorien anordnen, das ist aber derzeit eher unwahrscheinlich, da eine solche Zählung teuer wäre und vermutlich auch keine validen Daten liefern würde. So wurde auch schon die „Geheime Erhebung der Muttersprache“ 1976 von den Volksgruppen boykottiert und lieferte keine validen Daten. Das vor allem auch aus der Befürchtung heraus, dass Volksgruppen nur weggezählt werden sollen, da ja Volksgruppenrechte immer an Prozentzahlen hängen.

Was bedeutet nun das Einfrieren der Ergebnisse? Zumindest gibt es nicht alle zehn Jahre einen Kampf um die Prozentzahlen bei der Sprachenfrage. Den, wie schon gesagt, liefern diese Ergebnisse meiner Meinung nach sowieso keine validen Daten zur Volksgruppenzugehörigkeit. Damit kommt auch mehr Pragmatismus in die Frage um die Volksgruppenrechte. Denn wichtiger als das kleinliche Zählen von einzelnen Volksgruppenagehörigen, ist es, den Volksgruppen die Möglichkeiten zu bieten, dass sie ihre Muttersprache und ihr Volkstum erhalten können. Und das unabhängig von einer Prozentgreneze in einem bestimmten Ort.

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Martin Zinkner wurde 1981 in Judenburg in der Steiermark geboren. Er absolvierte das Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sein Studienschwerpunkt war österreichische und internationale Politik mit Fokus Süd- und Osteuropa. Ein einjähriges Forschungspraktikum brachte ihn an den Balkan nach Kosovo und Belgrad. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete "Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes". Das Studium setzte er im Mai 2009 mit Blickrichtung Doktorat fort. Im Internetbereich ist er für Konzept- und Redaktionstätigkeiten bei www.studieren.at und www.auslaender.at aktiv. Für neuwal schreibt Martin Zinkner eine mehrteilige Serie über die Kärntner Orstafelthematik: Mit Hintergründen, Informationen, Geschichte und Ausblicke über den andauernden Ortstafelstreit.