Heute begeben wir uns in das Venedig des Nordens, nach Amsterdam. Ist diese Stadt (und das Land drumherum) wirklich so liberal wie es scheint?

Schon bei der Ankunft in Amsterdam trifft man auf (oft, aber nicht immer) junge Reisende, die den schnellsten Weg vom Bahnhof oder Flughafen zum nächsten Coffeeshop suchen. Davon gibt es in Amsterdam über 200, die Stadt hat nach wie vor den Ruf als Drogenhauptstadt Europas und profitiert im großen Stil davon. Doch nicht nur in diesem Bereich sind die Niederlande als liberales und tolerantes Land bekannt.

Die Niederlande werden zur Zeit von einer „violetten Koalition“ regiert – ein vor allem in den Benelux-Staaten gebräuchlicher Ausdruck für eine Koalition zwischen den roten Sozialdemokraten und blauen Liberalen, während die Christdemokratien auf der Oppositionsbank sitzen. Der rechtsliberale Premierminister Mark Rutte reiht sich in eine lange Tradition des holländischen Liberalismus ein: Diese begann mit Erasmus von Rotterdam und Baruch Spinoza, setzte sich in der Republik der Vereinigten Niederlande fort und spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung des niederländischen Parlamentarismus im 19. Jahrhundert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Spaltung zwischen progressiven und konservativen Liberalen, letztere sind seit dem zweiten Weltkrieg in Form der VVD (Partei für Freiheit und Demokratie) eine bestimmende Kraft in der niederländischen Politik.

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Zurück zum Thema Drogen: Die niederländische Drogenpolitik konzentriert sich darauf, Drogenmissbrauch durch geduldete und kontrollierte Abgabe von Marihuana und Haschisch zu bekämpfen. In einem Coffeeshop kann man, Volljährigkeit vorausgesetzt, bis zu 5 g davon erwerben. Kurioserweise gilt seit 2008 ein absolutes Rauchverbot in allen Coffeeshops, dies beinhaltet jedoch nur Tabakerzeugnisse. In letzter Zeit werden allerdings Einschränkungen der liberalen Drogengesetze diskutiert, vor allem, um den Drogentourismus einzudämmen. 2011 beschloss die Regierung, dass Cannabis nur mehr an niederländische Staatsbürger verkauft werden dürfe. Größere Städte, wie zum Beispiel Amsterdam, wehrten sich gegen das Gesetz und setzten es nicht um. Die 2012 neu gewählte Regierung hat die Pläne vorerst auf Eis gelegt.

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Prostitution hat in den Niederlanden eine lange Geschichte und wurde bereits im Mittelalter geduldet, von dort an änderte sich (auch durch den Einfluss der calvinistischen Kirchen) die öffentliche Meinung zum Thema Prostitution häufig, bis das Land unter napoleonischer Besetzung 1810 erstmal Prostitution regulierte, Prostituierte einem Gesundheitscheck unterzog und ihnen eine Art Arbeitsgenehmigung erteilte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde auch in diesem Bereich der typisch holländische Ansatz der Tolerierung von eigentlich illegalen Aktivitäten angewendet. 2000 konnten Bordelle schließlich legale und offizielle Unternehmen werden, Prostituierte können einer Gewerkschaft beitreten und werden auch von großen Teilen der Gesellschaft als normale Arbeiterinnen gesehen.

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Homosexualität wurde in den Niederlanden bereits 1811 entkriminalisiert (zum Vergleich: in Österreich erst 1971), die Ehe wurde 2000 für Homosexuelle geöffnet, die seit 2001 auch Kinder adoptieren können. Homosexualität wird gesetzlich und gesellschaftlich völlig akzeptiert, es existieren sogar Gesetze gegen die Diskriminierung homosexueller Personen.

Schwangerschaftsabbrüche, ein weiterer Gradmesser für die Liberalität eines Landes, sind in den Niederlanden seit 1984 gesetzlich möglich, die Handhabung war aber bereits in den 1970er-Jahren recht liberal. Nach einem Gespräch mit einem Arzt und einer 5-tägigen Bedenkzeit darf eine Mutter bis zur 22. Schwangerschaftswoche beschließen, abzutreiben.

Schlussendlich gibt es noch das Thema Sterbehilfe. Die Niederlanden sind eines der einzigen Länder europa- und weltweit, wo Sterbehilfe sogar aktiv möglich ist – 2001 wurde ein entsprechendes Gesetz eingeführt. Auch wenn Sterbehilfe zwar nach wie vor nicht erlaubt ist, ermöglicht dieses Gesetz speziellen Schutz für Ärzte, die Patienten unter strengen Auflagen einen würdevollen Tod ermöglichen. In den meisten Fällen (ca. 90%) entscheiden sich Patienten für einen Tod zuhause, daher wird das Prozedere auch häufig vom Hausarzt durchgeführt. 2008 gab es beispielsweise 2.331 Fälle von Sterbehilfe. Seit 2013 ist Sterbehilfe auch bei todkranken Neugeborenen erlaubt.

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Niederlande in vielen Bereichen dieselbe Politik verfolgt: Keine vollständige Legalisierung, dafür Toleranz und Entkriminalisierung. Weite Teile der Bevölkerung unterstützen diese Politik, wenngleich die Umsetzung durch die EU-Mitgliedschaft der Niederlande teilweise schwierig geworden ist. Unter anderem deshalb werden manche Themen zurzeit heftig diskutiert, haben aber noch zu keinem Ergebnis geführt.

„Some tourists think Amsterdam is a city of sin, but in truth it is a city of freedom. And in freedom, most people find sin.“ – John Green, The Fault In Our Stars

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Fotos: Stefan Hechl (Titelbild), 1. hereistom (flickr), 2. 88943939@N00 (flickr), 3. smoel (flickr), 4. taniazza (flickr)

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Stefan Hechl

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