Am 1.1.2014 ist es so weit. Mit Lettland bekommt neben Estland (seit 2011) der zweite der drei baltischen Musterschüler den Euro. Ein guter Grund, sich näher mit dem Land auseinanderzusetzen, das in der Berichterstattung nur selten Platz findet.

Wenn man mit dem Bus durch die Rigaer Vorstadt fährt, türmen sich links und rechts große Kaufhäuser auf. Man zeigt, dass man die ohnehin nie gewollte kommunistische Vergangenheit hinter sich gelassen hat und sich dem Westen zugewandt hat. Aber natürlich zeigen sich im Stadtbild, aber noch viel mehr in den ländlichen Gebieten deutliche Spuren der Vergangenheit.

Lange Zeit der Fremdherrschaft

Schon in der frühen Geschichte Lettlands war man immer wieder in Fremdherrschaft und somit Spielball anderer Großmächte. Dies sollte sich auch im 20. Jahrhundert nicht ändern. Zwar gab es eine kurze Zeit der Unabhängigkeit zwischen den beiden Weltkriegen, allerdings wurde man im Zuge des Hitler-Stalin Pakts 1940 von der Sowjetunion vereinnahmt. Schon ein Jahr später besetzten die deutschen Truppen Lettland und man war bis 1945 unter der Herrschaft der Deutschen. Zwar wurde im März 1945 noch formal eine unabhängige lettische Republik ins Leben gerufen, allerdings konnte sie ob des Einmarschs der Sowjetunion im Mai nie tätig werden. Seit dieser Zeit stand man wieder unter der Herrschaft der UdSSR und musste vor allem unter Stalins Regentschaft unter großen Repressalien leiden. Ein endgültiges Ende fand die Fremdherrschaft erst vor gut 20 Jahren. Nach der„Singenden Revolution“, wo die Balten 1989 mit einer Menschenkette von über 600 km gegen die Zugehörigkeit zur Einflusssphäre der Sowjetunion demonstrierten, erkannte diese die Eigenständigkeit im Jahre 1991 an.

Auf dem Weg zum baltischen Tiger

Wie in allen anderen Staaten sorgte der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft auch in Lettland zunächst für wirtschaftliche Probleme. Allerdings gelang es den Letten relativ rasch, diese Probleme zu überwinden und im Jahre 1996 setzte ein enormer Wirtschaftsaufschwung ein. So erzielte man in diesem Jahr bereits 3,3 % Wirtschaftswachstum und im folgenden Jahr sogar 8,6 %. Mit der Russlandkrise erhielt der Aufschwung einen kleinen Dämpfer, allerdings kletterten die Wachstumsraten bald wieder auf teilweise über 10 %. Dies gelang nicht zuletzt durch eine neoliberal orientierte Wirtschaftspolitik, was den baltischen Ländern in Anlehnung an die asiatischen Tigerstaaten den Spitznamen baltische Tiger einbrachte.

Tiefer Fall und rasche Erholung

Mit der Krise 2008 kam der Wirtschaftsmotor aber gehörig ins Stocken. In keinem anderen Land der EU brach die Wirtschaftsleistung in solch einem Ausmaß ein. So schrumpfte sie im ersten Krisenjahr um gut 3 %, im Jahr darauf sogar um knapp 18 %. Auch die ohnehin eher hohen Arbeitslosenzahlen stiegen enorm an. Lag die Arbeitslosenquote 2007 noch bei ca 7 %, hatte 2010 jeder fünfte Bürger Lettlands keine Arbeit.
Umso erstaunlicher ist es, wie schnell sich die Wirtschaft in Lettland wieder erholt hat. Massive Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen sowie die Verstaatlichung der zweitgrößten lettischen Geschäftsbank waren einige wirksame Maßnahmen gegen die Krise. Schon 2011 betrug das Wachstum wieder mehr als 5 %, für 2013 erwartet man in etwa 4 %. Durch die wirtschaftliche Erholung war auch der Weg in die Eurozone frei. Nachdem man alle Maastrichter Beitrittskriterien erfüllt hatte, stimmten die EU-Finanzminister für die Aufnahme.
Dass diese groben Wirtschaftsdaten etwas über die Probleme Lettlands hinwegtäuschen, sollen folgende Zahlen verdeutlichen: In der EU ist nur in Portugal das Einkommen ungleicher verteilt als in Lettland, mit 26 % armutsgefährdeten Personen weist man den höchsten Wert in der EU auf und auch die Arbeitslosenzahlen sind nach wie vor über dem EU-Durchschnitt. So verwundert es auch wenig, dass beinahe 80 % der Letten die wirtschaftliche Situation des Landes als schlecht einstufen.

Fazit

Ohne Zweifel muss man großen Respekt vor der erfolgreichen und raschen Transformation Lettlands haben. Innerhalb von nur wenigen Jahren ist es gelungen, eine funktionierende Marktwirtschaft aufzubauen und folgerichtig folgt nun der Eintritt in die Eurozone.
Dennoch zeigt sich gerade auch in Lettland, dass der Blick auf das Wirtschaftswachstum alleine nicht reicht. Denn im Detail zeigt sich, dass das Vermögen doch sehr ungleich verteilt wird und die rigide Sparpolitik auch Opfer mit sich bringt.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.