In unserem Format blogwald bitten wir österreichische BloggerInnen um Kommentare zum Nationalratswahlkampf 2013. Dieses Mal: Mario Lackner von GrenzlandDemokratie.

MarioLacknerMag. Mario R. Lackner
Er studierte Rechtswissenschaften an der JKU Linz, Geschichte an der FernUni Hagen und schloss 2010 nach Ausbildungsblöcken in Rotterdam, Utrecht und Wien das transdisziplinäre Diplomstudium Internationale Entwicklung ab (Schwerpunkte Mittel-/Osteuropa, Genderforschung, Migration und Globalisierung). Er ist ausgebildet in Lebens-/Sozialberatung und seit seiner heurigen parteibuch-freien NÖ-Landtagskandidatur auf der Liste „Frank” politischer Blogger auf GrenzlandDemokratie (mit Außenposten aufFacebook und Twitter), wo er bis zur Nationalratswahl wöchentlich die Entwicklung der Parteien und ihrer Spitzenkandidat*innen auf Facebook mitverfolgt und analysiert.

Es war vor gut zehn Monaten, da platzte die Bombe. Frank Stronach (geb. Franz Strohsack), einer der erfolgreichsten Unternehmer Europas und Nordamerikas, gründete (nachdem seine Kooperationsangebote vom BZÖ und den Neos abgelehnt worden waren) im Alter von 80 Jahren eine neue politische Bewegung: das Team Stronach (TS). Sein erklärtes Ziel: Der Jugend eine gute Zukunft zu ermöglichen, bessere Strukturen in Österreich, das Leben der Werte Wahrheit, Transparenz und Fairness, das Gesundheits- und Pensionssystem zu sichern, sowie mehr Wohlstand und das Schaffen neuer Arbeitsplätze via Wirtschaftswachstum.

Es folgten ein turbulenter Jahreswechsel und spannungsgeladener Frühling, die internen Machtverhältnisse wurden abgesteckt, die sich in den jetzigen Kandidatenlisten für die kommende Nationalratswahl widerspiegeln. Langjährige Vertraute aus Frank Stronachs engstem Kreis, BZÖ/FPÖ-Überläufer*innen und Promis bestimmen die Szenerie. Ausnahmen wie Gerhard Köfer in Kärnten bestätigen die Regel oder sind (wie etwa General Manager Stefan Wehinger, Kampagnenleiter Rudi Fußi oder die Landesobleute Tirols und OÖs) schon wieder Geschichte. Das eigene Freunderl-Netzwerk ist (um an eine einflussreiche Position in Franks Team zu gelangen) wesentlich hilfreicher als die persönliche Qualifikation und der beherzte Einsatz für Stronachs neue politische Bewegung.

Das unterscheidet das Team Stronach nicht sonderlich vom politischen Feld der Alpenrepublik (vgl. Presse-Artikel), auch nicht sein Wettern gegen die Kammern- und Parteibuchwirtschaft, das wir seit Jörg Haiders Zeiten schon aus Richtung FPÖ/BZÖ gewöhnt sind. Neu ist nur das gebetsmühlenartige Beschwören „neuer Werte” (wer lebt diese auf TS-Managementebene vor?) und die konsequente Positionierung als Anti-Politiker. TS-Parlamentsklubchef Robert Lugar bezeichnet sich z.B. auf seiner Facebook-Seite als „unpolitisch”, das parteipolitische Grundsatzprogramm (von TS-Mastermind Kathrin Nachbaur gar gezielt unverbindlich formuliert?) ignoriert viele Ergebnisse der externen Expert*innen, mit denen man anecken und potenzielle Wähler*innen vergraulen könnte, und kritische/ehemalige Teammitglieder mit Visionen und Rückgrat werden von gewissen Leuten mit „einigermaßen Charakter“ (Frank Stronach, Pressestunde 30.6.2013) ausgebremst oder gar mit Klagen durch den TS-Anwalt und ehemaligen Justizminister Michael Krüger eingedeckt, dessen Lebensgefährtin Renate Heiser-Fischer als HR-Beauftragte der Stronach Group bestimmt, wer wo mit wem im Team eine Rolle spielen darf …und wer nicht.

Augenscheinlich ist die TS-Gründungsphase mehr (ganz dem kapitalistischen Ideal des Homo œconomicus folgend) vom Durchsetzen egozentrischer Ziele (fiesen Fouls inklusive) geprägt als von Fairplay und professionellem Teambuilding, durch die tatsächlich die altruistischen Werbebotschaften angepackt werden könnten, die Frank Stronach im obigen Video formuliert hat. Verpackung und Inhalt, Worte und tatsächliche Taten trennen bis dato Weltenmeere in der Größenordnung der Entfernung zwischen Österreich und Kanada. Wie weit ist dies Mr Stronach samt seinem Bundesparteivorstand bewusst? Werden aus den 4 Landtagswahlergebnissen und gravierenden Managementfehlern (z.B. im Umgang mit Ehrenamtlern) heilsame Konsequenzen gezogen? Oder macht man weiter wie bisher, teils haarsträubendes business as usual?

Foto: news.atWeil er weiß, wie es nicht geht: Schaut man also etwas genauer hin, nicht verwunderlich, dass das Team Stronach von anfänglich 15 bis 16 % in den Umfragen konstant unter 10 % gerutscht ist und einige Enttäuschte zur kiefernzapfenschmeißenden Newcomer-Konkurrenz Neoshinübergewechselt sind, wo beispielsweise die Listenerstellung für die Nationalratswahl auf transparente und basisdemokratische Weise erfolgte, wie wir es in Österreich noch nie zuvor gesehen hatten. Diesem bescheidenen Status quo von Stronach & Co. kann auch deren millionenschwere, hochprofessionelle PR-Linie samt top agierendem Social Media-Team nichts trendumkehrendes entgegensetzen (vgl. aktuelles Facebook-Ranking),denn eine Partei funktioniert nun einmal ein „bisschen“ anders als ein börsennotierendes Unternehmen. Ein Staat übrigens auch. Und wie!

Stronach_online_fae9032144Es kränkt im Hause Fränk – eigentlich schade, denn grundsätzlich wäre ein Wahlerfolg seines Teams eine kleine, weltoffenere Evolution gegenüber der angespannten Heimatpartie rund um H.C. Strache. Außerdem eröffnete ein starkes Abschneiden des Team Stronach am 29.9.2013 die historische Chance, dass SPÖ und ÖVP ihre gemeinsame Mehrheit im Nationalrat verlören, was unsere Demokratie auf eine Weise aktivieren und vitalisieren würde, wie wir es alle in Österreich noch nicht erlebt haben! Das sollte auch den Grünen gefallen, die auf Bundesebene eine Koalition mit Stronach kategorisch ausschließen, solange sich gewisse Strukturen und Praktiken in seiner Partei nicht ändern, die aus meinem systemischen Blickwinkel als organisatorischer Prozessbegleiter betrachtet maßgeblicher Teil des derzeitigen (Ego-)Team Stronach-Problemfelds darstellen…

So oder so, der Countdown läuft. In weniger als zwei Monaten wählt Österreich, rechtzeitig zum 1. Geburtstag Fränks Wahlplattform, und wir werden sehen, wie groß/mittelprächtig/mikrig das Geburtstagsgeschenk für Österreichs „unpolitischen” und außergewöhnlichsten Neo-Politiker ausfallen wird! Alles jenseits des BZÖ-Resultats von 2008 wird unter den derzeitigen Umständen nicht möglich sein, aber vielleicht üben sich Frank Stronach, Kathrin Nachbaur & Co. neuerdings in Bescheidenheit und wollen gar nicht die Mehrheit von SPÖ & ÖVP brechen, sondern nur ein wenig Unruhe stiften? In ihrer eigenen Partei ist es ihnen jedenfalls unbeabsichtigterweise bereits gelungen. Viel Glück zum Nichtgeburtstagheute wünscht jedenfalls Mag. Mario R. Lackner


LacknerGrenzlandDemokratieWordleGrenzlandDemokratie

Der 18. Jänner ist der Geburtstag des politischen Blogs GrenzlandDemokratie von Mario Lackner. Darin beschäftigt er sich anfangs mit politischen Themen für seine parteibuch-lose Kandidatur für die Liste „Frank“ (Team Stronach) zur Landtagswahl in Niederösterreich. Im Anschluss beobachtet Lackner nun den Nationalratswahlkampf und schaut sich dabei auch an, welche Fan-Zuwächse die politischen Parteien auf Facebook erreichen können.

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