Transkript zum Interview von Lou Lorenz-Dittlbacher mit NEOS-Spitzenkandidaten Matthias Strolz in der ZIB 2 am 2. August 2013.

Interview
Freitag, 2. August 2013, 22.10 Uhr
Zeit im Bild 2, ORF2
Quelle: http://tvthek.orf.at/
Transkript durch: Thomas Knapp und Dominik Leitner
Statistik

Interviewdauer 559 Sekunden (09:19)
Lou Lorenz-Dittelbacher Matthias Strolz Gesamt
Wörter 540 31.8 % 1.156 68.2 % 1.696
Zeichen 2.937 32.5 % 6.096 67.5 % 9.033
Zeichen inkl. Leerzeichen 3.472 32.5 % 7.221 67.5 % 10.693
31.8 % 67.5 %

WordleStrolzDittlbacher
Abb. 1: Tagcloud mit 50 Wörtern

Lou Lorenz-Dittlbacher: Im Rahmen unser Nationalratswahl-Berichterstattung laden wir die Chefs der nicht im Parlament vertretenen Parteien in einer Miniserie zu uns ins ZIB 2 – Studio ein. Den Anfang macht eben der Spitzenkandidat der NEOS, Matthias Strolz. Guten Abend!

Matthias Strolz: Guten Abend!

Lou Lorenz-Dittlbacher: Herr Strolz, jetzt habe ich doch Parteichef gesagt, obwohl Sie mit dem Ausdruck Partei nicht so viel anfangen können. Was ist so schlimm daran, eine Partei zu sein?

Matthias Strolz: Wir sind auch Partei. Also, wir haben uns gegründet, auf dem Boden des Parteiengesetzes. Insofern sind wir auch Partei, aber was es besser trifft, ist einfach eine Bürgerbewegung. Weil wir sind mittlerweile 6.000 Leute. 6.000 Menschen, die ihre Zuschauerplätze verlassen haben und sagen: “Ich will anpacken!” Politik ist wichtig und es geht besser. Wir wollen es besser machen.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Wir haben Meinungsforscher Peter Hajek jetzt gerade gehört. Der sagt, sie befinden sich irgendwo zwischen ÖVP und Liberalem Forum. Man kann sie schwer einordnen. Jetzt versuchen wir einmal…-

Matthias Strolz: Mhm.

Lou Lorenz-Dittlbacher: …- sie einzuordnen. Wir haben schon gehört, sie verstehen sich selbst als bürgerlich, sie verstehen sich als liberal, auch als konservativ?

Matthias Strolz: Ich ha … konser … Ich hab mit den ganzen Etiketten aus dem 20. Jahrhundert nicht sehr viel am Hut. Ich weiß schon, dass es eine Sehnsucht gibt, links, rechts, wo seids? Wir sind, wenn man es politologisch betrachtet, sind wir eine Zentrumsbewegung. Wir kommen aus der Mitte des Volkes, zum zweiten Mal in der Zweiten Republik. In den 80er Jahren die Grün-Bewegung und jetzt kommt eine zweite Bewegung aus der Mitte der Bevölkerung und – wie sie berichtet haben, wir kommen aus sämtlichen Richtungen und was uns alle verbindet ist, uns ist zum Beispiel Eigenverantwortung sehr wichtig. Deswegen können wir auch mit dem LIF sehr gut. Es geht darum, dass wir davon überzeugt sind, dass wir als Menschen das Leben selbst in die Hand nehmen können. Z.B. auch in der Bildung. Deswegen wollen wir autonome Schulen. Parteibücher raus aus den Schulen. Und wir sagen: Machen wir doch die Direktoren, Direktorinnen zu Verantwortlichen in den Schulen. Geben wir ihnen die Chance, dass sie Lehrer einstellen können, aber auch Lehrer verabschieden können, wenn sie nicht zu brauchen sind. Es gibt ganz viel beherzte Lehrer, geben wir denen die Freiheiten. Geben wir der Montessori-Schule um die Ecke die gleichen Chancen wie der staatlichen Schule.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Bildung nimmt tatsächlich einen großen Raum in diesem, ihrem Parteiprogramm ein, aber auch z.B. das Thema Wirtschaft. Auch das Thema Europa. Wirtschaft und Europa, hat auch die ÖVP als Kernthemen, auch die ÖVP sieht sich als Partei der Mitte, wo sehen Sie da eine Abgrenzung?

Matthias Strolz: Naja, zur ÖVP ganz klar: z.B. im Bildungsbereich. Also wir wollen “Bildungspower statt Neugebauer”. Ich mein, das ist ja nicht zum Aushalten, dass die Elisabeth Gehrer im August 2001, das ist fast unglaublich, im August 2001 hat Elisabeth Gehrer angekündigt: “Wir werden jetzt ein zeitgemäßes Lehrerdienstrecht auf den Weg bringen.” Vor drei Wochen sagt Fritz Neugebauer “Ich habe alle Zeit der Welt. Wir können noch drei Jahre verhandeln.” Und da krieg ich solche Kabeln. Warum? Er hat vielleicht Zeit, aber was er übersieht ist, dass er das auf dem Rücken der Schülerinnen und Schülern macht. Wir haben derzeit bei 15jährigen 27%, ein Viertel, die nicht gescheit lesen können. Wir haben 20%, ein Fünftel, die nicht gescheit rechnen können, bei den 15jährigen. Und wir haben seit 30 Jahren Stillstand.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber das will die ÖVP ja auch nicht. Die Frage war ja … wo die Abgrenzung … zur ÖVP stattfindet.

Matthias Strolz: Naja, aber die ÖVP ist nicht zu gebrauchen im Bildungsbereich. Die ÖVP ist da ein Betonschädel, eine Ansammlung von Betonschädeln im bildungspolitischen Bereich.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Sie müssen es wissen, weil Sie kommen ja ursprünglich aus der ÖVP, haben für die ÖVP gearbeitet.

Matthias Strolz: War nie Mitglied, habe aber viel … kenne sie gut, die Partei, ja. Und habe viel für den Wirtschaftsbund gemacht. Und da gibt es auch gute Sachen in der ÖVP. Ich denk, dass der Sebastian Kurz einige gute Ansätze geliefert hat in den letzten Jahren. Nur die Partei insgesamt hat ein Problem.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Also, das heißt, Sie würden sagen: Spindelegger ist auch nicht wirklich für eine Bildungsreform?

Matthias Strolz: (lacht) Der bringt ja nix zusammen. Der ist ja, er wird ja überall zurückgerufen. Entweder vom Herrn Neugebauer, oder jetzt von Herrn Kohl, oder von der Frau Mikl-Leitner. Z.B. beim Pensionsthema: Natürlich sollten das Frauenpensionsalter erhöhen, das ist doch nur fair.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Zu den Pensionen kommen wir noch.

Matthias Strolz: Kommen wir noch. Aber, der wird immer zurückgepfiffen, der ist offensichtlich irgendwo an den Fäden angebunden von Leuten, die ihn führen.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Gut, Sie sind enttäuscht offensichtlich von der Partei, aus der sie ursprünglich kommen, auch viele Wähler sind enttäuscht von den Parteien, die sie schon kennen. Von allen fünf eigentlich, die bisher im Parlament gesessen sind. Wir nehmen jetzt das Team Stronach mal aus, die sind relativ neu. Das ist auch ein ganz signifikantes Merkmal dieser Wahlbewegung jetzt, dass viele Wähler frustriert und enttäuscht sind. Und auch diese Negativsachen eigentlich nicht mehr hören wollen, daher frage ich Sie jetzt ganz positiv: Sehen Sie einen Politiker derzeit in Österreich, der ihnen persönlich gefällt?

Matthias Strolz: Ja, ich hab kein Vorbilder in dem Sinn. Aber es gibt natürlich Politiker. Mir haben die Ansätze von Christoph Chorherr gut gefallen. Dass er einen unternehmerischen Zugang verbindet mit einem gewissen Lifestyle, urbane Themen verbindet mit dem Radl umadumcheckt in Wien, das find ich gut. Ich habe den Sebastian Kurz schon gelobt. Wir NEOS, wir wollen ja auch die Wertschätzung, das Positive zurückbringen in die Politik. Wir wollen die Leichtigkeit in die Politik bringen, auch die Lust an der Politik. Die Politik ist ein depressiver Ort geworden in Österreich.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Verändern wollen Sie, das haben Sie ganz klar gesagt, und das ist doch sehr überraschend weil das eine große Wählergruppe betrifft, das österreichische Pensionssystem.

Matthias Strolz: Mhm.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Wenn wir uns jetzt die durchschnittlichen Pensionen anschauen, die ASVG-Pensionen, dann liegt die bei Männern bei 1.236 Euro, für Frauen bei 811.

Matthias Strolz: Und die wollen wir erhöhen!

Lou Lorenz-Dittlbacher: (zeitgleich) Denen wollen sie noch was wegnehmen?

Matthias Strolz: Nein, die wollen wir unbedingt erhöhen. Uns geht es um etwas anders. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Frau Lorenz-Dittlbacher. Ich bin ja ein „Bergbauernbua“ aus Vorarlberg und ich liebe den Wald und war jetzt im Wienerwald mit den Kindern spazieren. Und die sammeln diese Zapfen. Förenzapfen. (legt Zapfen auf den Studiotisch). Und der Wienerwald hätte im 19. Jahrhundert gerodet werden sollen. Da gab es eine Diskussion „Schlagen wir den Wald ab“. Und das hätte natürlich einigen Profit gebracht. Aber andere hätten einen großen Preis gezahlt. Nämlich die folgenden Generationen. Wir könnten dann heute dort nicht Energie tanken. Und das passiert gerade. Rot/Schwarz holzen in den Chancenwald der nächsten Generation hinein. Und was passiert? Was fällt runter dabei? Die Chancen der jungen Menschen. Die fallen runter. Und das interessiert sie nicht, die machen zynische Politik im Pensionsbereich. Wir haben hunderttausende Pensionen über 2.500 Euro und darüber sollte man reden. Natürlich wollen wir die kleinen Pensionen weiter erhöhen. Aber es gibt Pensionen, der Herr Blecha zum Beispiel hat 200.000 Euro Pension pro Jahr. Mit vollen Hosen ist leicht stinken.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber wo genau wollen Sie reinschneiden?

Matthias Strolz: Wir sagen: Kleine Pensionen unbedingt weiter erhöhen!

Lou Lorenz-Dittlbacher: Was sind kleine Pensionen?

Matthias Strolz: Unter 2.500. Würden wir weiter erhöhen.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Erhöhen heißt jetzt inflationsanpassen oder wirklich erhöhen?

Matthias Strolz: Inflationsangleichen. Über 2.500 würden wir einfrieren und über 5.000 Euro würden wir bitten um einen Solidaritätsbeitrag. Warum? Wir geben heute für Pensionszuzahlungen über 18 Milliarden aus, für die Beamtenpensionen und die Zuzahlungen aus dem Steuertopf. Das ist mehr als doppelt so viel Geld wie wir für 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler ausgeben. Das ist absurd.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber was heißt bitten? Was heißt das konkret?

Matthias Strolz: 15 Prozent.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Sie bitten und wenn nichts kommt, kommt nichts?

Matthias Strolz: Nein, 15 % ist unser Vorschlag, mit einer Einschleifregelung.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Also Sie wollen streichen, heißt das?

Matthias Strolz: Ja. Wir wollen hineinschneiden über 5.000 Euro. Das halten wir für gerechtfertigt. Warum? Weil wir jedes Jahr mehr aus dem Steuertopf für die hohen Pensionen brauchen. Und dann kommt noch dazu dass wir natürlich diese junge Generation doppelt belasten. Wir haben einen Schuldenberg der ist immens. 8 Milliarden zahlen wir nur für Zinsen pro Jahr. 8 Milliarden! Das ist doppelt so viel wie für 125.000 Lehrlinge und 300.000 Studierende.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Ok, wir haben jetzt verstanden von wo sie wohin verlagern möchten. Wir sind leider schon über unserer Zeit aber ich möchte trotzdem noch was ansprechen, nämlich die Frage Wahlziel? Sie haben gesagt 5 % plus. Wenn Sie jetzt den Einzug in den Nationalrat schaffen wollen Sie dann in die Regierung, oder wollen Sie sozusagen auf der Oppositionsbank Platz nehmen und weiter kritisieren.

Matthias Strolz: Wir sind Anpacker und Umsetzer. Das heißt natürlich, die Königsdisziplin ist regieren. Wir wollen in die Regierung, aber nicht um jeden Preis. Wenn, dann muss eines klar sein: Parteienförderung muss runter, das Pensionssystem müssen wir in Ordnung bringen, im Bildungsbereich muss sich was bewegen für die nächste Generation. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind: wunderbar. Dann werden wir gerne Mediator für dieses kraftlose Paar.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Gelobt haben Sie jetzt zum Beispiel Kurz und Chorherr. Das wird sich wahrscheinlich, also sehr wahrscheinlich nicht ausgehen, so eine Dreierkoalition. Wären Sie auch so ein kleines Anhängsel für Schwarz/Rot Rot/Schwarz?

Matthias Strolz: Naja, kleine Anhängsel sind wir gar nicht, dafür sind wir viel zu …

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber mit 5 %?

Matthias Strolz: Wenn, dann sind wir ein Stachel im Fleisch. Und wir legen jetzt gerade los.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber wären Sie das? Mehrheitsbeschaffer für eine schwarz/rote rot/schwarze Zusammenarbeit?

Matthias Strolz: Wenn die richtigen Themen umgesetzt werden, dann gehen wir natürlich hinein in so eine Koalition.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Schließen Sie irgendjemanden aus?

Matthias Strolz: Ja, wir werden uns schwer tun mit der FPÖ, das ist eine andere Haltung von Politik, da ist zu viel negative Emotion.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Aber Team Stronach ja?

Matthias Strolz: Also, das kommt darauf an wen er hier präsentiert. Dass er selber hier an die Spitze geht… Herr Stronach ist ein Hype ohne Zukunft. Und da muss man einfach schauen, mit welchen Personen füllt sich diese Bewegung? Wenn sie den überlebt. Also meine Prognose wäre dass das zerplatzt wie eine Seifenblase. In absehbarer Zeit.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Herr Strolz, vielen Dank für das Gespräch. Über die Zapfen die sie da runtergeworfen haben, können wir nachher reden (lacht).

Matthias Strolz: Ich hätte noch einen Wasserballon für Sie. Aber ich nehm die Zapfen wieder mit. Dankeschön.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Dankeschön.

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„Die Politik ist ein depressiver Ort geworden in Österreich“ – Interview-Transkript zu Matthias Strolz und Lou Lorenz-Dittlbacher