Auf meinen letzten Wissensbeitrag über das österreichische Volksgruppenrecht wurde ein Kommentar geschrieben, der das Entstehen von neuen autochthonen Volksgruppen im heutigen von Nationalstaaten geprägten Europa als realitätsferne Idee hinstellte. Ein Grund sich mit dem Entstehen neuer Volksgruppen gedanklich zu beschäftigen.

Das Entstehen der Volksgruppen in Österreich

Über Jahrhunderte war es egal, welchem Volk man angehörte. Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes oder in Südkärnten gab es nebeneinander kroatische, slowenische oder deutsche Dörfer. Die Mobilität war nicht so stark ausgeprägt. So blieben viele ihr Leben lang innerhalb ihrer Gruppe und mussten die andere Sprache gar nicht lernen. Das Habsburgerreich war nicht nach nationalen Merkmalen geschaffen, sondern als Vielvölkerstaat. Die integrative Figur war der Herrscher selbst. Mit dem Aufkommen des Nationalismus in Europa und schließlich mit der Bildung der Nationalstaaten nach dem Ersten Weltkrieg, gewann die Zugehörigkeit zu einem gewissen Volk an Bedeutung. Die Republik Österreich sollte eigentlich die deutschsprachigen Gebiete der Monarchie umfassen. Doch das wurde nicht konsequent umgesetzt, beziehungsweise konnte das auch nicht umgesetzt werden. So kamen deutschsprachige Gebiete zu den Nachbarstaaten (z.B. das Sudetenland und Südtirol). Und so blieben slowenisch-, kroatisch- und ungarischsprachige Gebiet bei Österreich (z.B. Teile des Burgenlandes und Südkärnten). Daneben waren, bedingt durch die Monarchie, viele TschechInnen und SlowakInnen in Wien.

Der Wandel der österreichischen Volksgruppen

Die Bildung der österreichischen Volksgruppen beziehungsweise ihre Festschreibung im österreichischen Volksgruppengesetz von 1976 bildeten eine Momentaufnahme der Entstehung der ersten Republik wider. Seit damals haben sich die anerkannten österreichischen Volksgruppen stark gewandelt. Vor allem die TschechInnen und SlowakInnen in Wien sind in ihrer Größe stark geschrumpft. Das hat weniger mit einer geringen Geburtsrate zu tun, als mit der Tatsache, dass für viele die Pflege der Sprache und Kultur nicht wichtig war. Sie haben sich assimiliert. In Kärnten haben sich wiederum 90 Jahre Kampf (Abwehrkampf, Partisanenkampf im zweiten Weltkrieg) und Streit (u.a. Ortstafelstreit) zwischen den Volksgruppen bemerkbar gemacht. Und so sind in den knapp 100 Jahren seit der Gründung der Ersten Republik die österreichischen Volksgruppen stark geschrumpft.

Das Entstehen neuer sprachliche Gruppen in Österreich

Anfang der 1960er Jahre setzte in Österreich ein Wirtschaftsboom ein, durch den viele Arbeitskräfte benötigt wurden, die es in Österreich nicht gab. Aus diesem Grund kamen die ersten Gastarbeiter nach Österreich. Da durch das damalige niedrige Lohnniveau nicht viele Gastarbeiter aus den Wunschländern Italien oder Spanien kamen, wurden Personen aus der Türkei und Jugoslawien angeworben. Und so entstanden auch neue sprachliche Gruppen in Österreich. Das bedeutet nicht, dass man jetzt schon diesen Zuwanderergruppen besondere Rechte geben muss. Aber es ist doch eine Tatsache, dass sich diese Gruppen gebildet haben. Und sollten sich diese nicht assimilieren, so wird sich die Politik nach ca. 100 Jahren die Frage stellen müssen, ob man ihnen besondere Rechte, so wie den anderen anerkannten Volksgruppen, zugesteht. Und durch die Zuwanderung ist es natürlich auch eine Tatsache, dass teilweise die Sprachen von Zuwanderern in einer größeren Sprecherzahl vorkommen, als die der anerkannten Volksgruppensprachen.

Das Entstehen neuer sprachlichen Gruppen in der EU

Durch die EU bzw. Schengen gibt es auch ein neues interessantes Phänomen zu beobachten: Grenzgebiete vermischen sich wieder verstärkt. Waren es anfänglich vor allem ÖsterreicherInnen, die im „billigen Osten“ den Traum vom billigen Eigenheim verwirklicht haben, so passiert das heute auch umgekehrt. Ein Beispiel dafür ist Kittsee im Burgenland an der Grenze zu Bratislava. Ursprünglich gehörte die Gemeinde zum Burgenland-Kroatischen Siedlungsgebiet. Von den Burgenland-KroatInnen sind heute nur noch wenige übrig. Viele Jahrzehnte hindurch sank die Bevölkerungszahl auch insgesamt. Seit einigen Jahren hat sich das gewandelt und Kittsee wächst wieder. Dieser Umstand ist aber vor allem dem Zuzug junger slowakischer Familien zu verdanken, die in Kittsee viel billigere Immobilienpreise vorfinden als in bzw. um Bratislava in der Slowakei. Besondere Rechte (bspw. zweisprachiger Unterricht) genießen sie in Kittsee nicht, da sie ja keine autochthone Volksgruppe sind. Dennoch muss sich die Gemeinde und ihre Einwohner auf diese Entwicklung einstellen.

Zusammenfassung und Ausblick

Die anerkannten Volksgruppen in Österreich werden weiterhin einem Wandel unterzogen sein bzw. vielleicht auch in ein, zwei Generationen praktisch nicht mehr vorhanden sein. Zu einem großen Teil durch Assimilation. Gleichzeitig werden aber neue Volksgruppen entstehen. Beginnend natürlich  mit all jenen Menschen, die mit der ersten Welle der Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind. Und dann natürlich mit all jenen ehemaligen Flüchtlingen, die im Zuge des Jugoslawienkrieges nach Österreich zugewandert sind. Wie die Politik bzw. die Gesellschaft damit umgehen werden, wird sich zeigen. Offene Grenzen bedingen natürlich auch wieder mehr Vermischung, so wie es sie über Jahrhunderte gegeben hat. Und so wie es für ÖsterreicherInnen legitim ist, sich im grenznahen Ausland Wohnsitze zu kaufen, so muss es auch für die BürgerInnen der benachbarten Staaten legitim sein, sich in Österreich Wohnsitze zu kaufen, beziehungsweise einfach zuzuziehen. Volksgruppenrecht ist aber immer noch nationalstaatliches Recht. Das heißt: wie mit diesen Gruppen umgegangen wird, entscheiden alle EU-Staaten für sich alleine. Eines kann aber ganz sicher gesagt werden: die Bildung von Volksgruppen in anderen Nationalstaaten ist heute sicher nicht obsolet, sondern eine Tatsache.

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Martin Zinkner wurde 1981 in Judenburg in der Steiermark geboren. Er absolvierte das Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Sein Studienschwerpunkt war österreichische und internationale Politik mit Fokus Süd- und Osteuropa. Ein einjähriges Forschungspraktikum brachte ihn an den Balkan nach Kosovo und Belgrad. Das Thema seiner Diplomarbeit lautete "Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes". Das Studium setzte er im Mai 2009 mit Blickrichtung Doktorat fort. Im Internetbereich ist er für Konzept- und Redaktionstätigkeiten bei www.studieren.at und www.auslaender.at aktiv. Für neuwal schreibt Martin Zinkner eine mehrteilige Serie über die Kärntner Orstafelthematik: Mit Hintergründen, Informationen, Geschichte und Ausblicke über den andauernden Ortstafelstreit.