Robert Menasse philosophiert über ein neues Europa und das Ende der Nationalstaaten. Ein angenehm positives Plädoyer für ein anderes Europa.

Robert Menasse, (CC) Marko Lipus
Robert Menasse, (CC) Marko Lipus

Robert Menasse

wurde 1954 in Wien geboren und studierte in seiner Heimatstadt sowie in Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lebt als Romancier und Essayist zumeist in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hölderlin-, Doderer-, Breitbach-, Feuchtwanger-, Kaschnitz-, Fried-Preis, Österreichischer Kunstpreis.

Europa am Ende, der Euro am Ende, alles am Ende. So oder so ähnlich könnte man die Schlagzeilen und Kommentare der verschiedensten Medien (egal ob Boulevard oder mitunter auch Qualitätszeitung) zusammenfassen. Eine Zukunft hat dieses Europa nicht – nicht mit diesen „Pleitestaaten“, nicht mit dieser Vormachtstellung von Deutschland. Wenn man „Der Europäische Landbote“, Menasses bisher letztes Werk (im September 2012 erschienen) liest, wirkt alles plötzlich vollkommen anders. Eindeutig pro-europäisch, nicht kritiklos, aber zumindest zuversichtlich und beinahe schon euphorisch über den Ausgang dieser selbsterzeugten „Krisen“.

Europa ist in Wahrheit ein Europa der Regionen. Die Aufgabe europäischer Politik wäre es, Europa politisch zu dem zu machen, was es faktisch ist.

Robert Menasse hat selbst Vorurteile gegenüber der EU. Keine massiven, aber doch jene, die möglicherweise selbst jene haben, die täglich Medien konsumieren und Dinge auch gerne mal kritisch hinterfragen. Aber er hat sich auf den Weg gemacht, nach „Brüssel“, dem Schreckgespenst, dem Schuldigen für viele nationale Politiker, der Bürokratiehochburg – und ist positiv überrascht worden und kann die großen Probleme benennen:

Die Angst vor dem Verlust der nationalen Eigenständigkeit ist berechtigt; und es ist die einzige Möglichkeit für ein neues Europa, wenn nach den Grenzen, den Währungs- und den Handelsbarrieren schließlich auch die Nationen aufgegeben werden. Die verlorene Souveranität in vielen Dingen könnte die verschiedenen Mitglieder der EU sogar vorantreiben: viel zu sehr gilt in den verschiedenen Nationen die Angst vor der nächsten Wahl – nur kurzfristige Lösungen können so umgesetzt werden.

Das Problem ist also der Europäische Rat. Er ist die vorgeblich demokratisch legitimierte gemeinschaftliche Institution – die allerdings nicht die Demokratie, sondern den Nationalismus auf eine neue Ebene gehoben hat […]

Laut Menasse würden die Europäische Kommission sowie das Europäische Parlament (jene Politiker, die wir bei der EU-Wahl wählen) gute Arbeit leisten. Sie würden über gemeinsame Spielregeln nachdenken, würden aktiv an einer Zukunft arbeiten. Zerstört würde all das durch den Europäischen Rat (die Versammlung der Regierungs- und Staatsoberhäupter). Die Zuspitzung der Finanzkrise wäre zu verhindern gewesen, die Pläne dazu hat die Europäische Kommission dem Rat vorgelegt. Die Kosten damals wären zwar auch immens, aber doch nur ein Bruchteil der aktuellen Kosten gewesen; um „zuhause“ das Gesicht zu wahren, hat man im Rat dagegen gestimmt und eine andere – im Nachhinein viel teurere – Lösung gewählt. Und auch die während der Entstehung des Buches aktive Symbiose Merkozy hob er kritisch hervor.

Ebenso erklärt auch Menasse, dass gerade die von Deutschland auferlegte Austeritätspolitik (vereinfacht laut Wikipedia: staatliche Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt über den Konjunkturzyklus ohne Neuverschuldung anstrebt) und die von Deutschlands Medien und ihrer Gesellschaft so heißgeliebten Angriffe gegen die „faulen und korrupten Griechen“ so makaber sind. Hätten die Geldgeber Deutschlands nach dem Ende des 2. Weltkrieges ähnlich agiert, also jene Länder, welche mitunter vom Dritten Reich zerstört und ihre Bevölkerung getötet wurden, wäre das deutsche Wirtschaftswunder unmöglich. An vorderer Stelle bei der Finanzierung Nachkriegdeutschlands? Griechenland. (Abseits des Buches: Focus schreibt, dass die deutsche Kriegsschuld bei den Griechen 162 Mrd. Euro betragen würde – damit könnte das Defizit voll und ganz beglichen werden.)

Was ihm bei seinen Gesprächen und Erfahrungen in Brüssel immer wieder auffällt, ist der Widerspruch, in den sich die Nationalstaaten verketten. So vollführen sie durch Privatisierungen, Sozialabbau usw. einen systematischen Staatsabbau, in der Europäischen Gemeinschaft, wo die Nationalstaaten „vernünftigerweise“ zurückgebaut werden sollte, spielen sie jedoch „starker Staat“.

„Weniger Staat“ müsste mehr Europa bedeuten und nicht die Zerstörung von beidem: von Staat und Europa.

Man kann Robert Menasse vorwerfen, sich eine schöne Utopie ausgedacht zu haben: Ein Europa ohne Nationalstaaten. Für Pro-Europäer sicherlich eine interessante Vorstellung, für andere jedoch der Teufel im Gewand der EU-Bürokratie. Auch hier hat er mit Erklärungen dagegen gesteuert und aufgezeigt, dass die Bürokratie in Wahrheit überraschend schlank sei. Menasse lobt das Friedensprojekt EU, doch will sich nicht die ewigen Krisenfloskeln anhören. Er denkt weiter. Auf überraschend unterhaltsame, spannende und auch durchdachte Art und Weise.

Auf falter.at gibt es übrigens das komplette 7. Kapitel als Leseprobe!

Der Europäische LandboteRobert MenasseDer Europäische Landbote
Die Wut der Bürger und der Friede Europas

Zsolnay

Seiten: 108
ISBN: 978-3-552-05616-9

Preis: [amazon_link id=“3552056165″ target=“_blank“ ]12,90 Euro[/amazon_link] (Taschenbuch), [amazon_link id=“B009A7YQD6″ target=“_blank“ ]9,99 Euro[/amazon_link] (Kindle-Edition) [Partnerlinks]

 

Bildquelle: Some rights reserved by Marko Lipus

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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  • Dieses Buch habe ich zur Hälfte gelesen – denn dann hat mein Frust gesiegt über meinen Willen.

    Der Europäische Landbote ist schon im Titel vor allem eines: Nicht interessant und innovativ. Menasse reist in diesem Buch nach Brüssel, wohnt dort eine Zeit, quatscht mit Europarlamentariern und stellt rasch und wiederkehrend fest: Die arbeiten ja wirklich! Die haben Gesichter und Identitäten! Und die EU ist ja gar kein Bürokratie-Ungetüm!

    Mehr sagt die erste Hälfte des Buches nicht aus. Da er sich ständig dieser Erkenntnisse erfreut, folglich auch niederschreibt, konnte ich einfach nicht mehr weiter lesen.

    Der Autor hätte Folgendes tun sollen, bevor er Unmengen an Zeit & Energie für dieses Schriftstück aufwendete: europa.eu im Browser (Internet) eintippen und lesen. Oder den Standard. Oder BBC World News schauen. Oder Bücher über die EU (Recht, Wirtschaft, Politik).

    Denn alle seine Ideen und Erkenntnisse, die er in diesem Buch nieder geschrieben hat, überraschen einen weltoffenen und gebildeten Bürger in keinster Weise, denn niemand außer den Stammtischjodlern hat tatsächlich geglaubt, in den Institutionen der EU passiert nichts, tobe die Bürokratie oder eine spätrömische Dekadenz.

    Somit: Next!

    Hier der Link zu meinem Kommentar auf Goodreads.com:
    http://www.goodreads.com/book/show/16107131-der-europ-ische-landbote

  • Danke für deinen Kommentar! Für mich war die Quintessenz des Buches die Kritik am Europäischen Rat und die Erklärung, warum die Stärkung eben dieses sehr kontraproduktiv war, habe ich zuvor nicht so gesehen. Seine Idee der Aufgabe der Nationen ist zwar bekannt, wird aber selten von nationalen Politikern in den Mund genommen. Er denkt weiter, erklärt, warum es dazu kommen muss. Vielleicht, Almedin, wäre die zweite Hälfte empfehlenswert. 😉 (Aber ich kann deinen Einwand zu einem gewissen Teil natürlich auch verstehen. Aber besser gegen den Populismus ankämpfen, selbst wenn weltoffene und gebildete Bürger dies eh schon wissen.)

    • Hallo! Danke für deine Antwort!

      Die Sache ist nur die, dass die Interessierten vollkommen unterfordert sind bei diesem Buch und die Uninteressierten sich nie und nimmer durch dieses Buch überzeugen lassen.
      Aber bezugnehmend zur Quintessenz: Der Europarat ist auch in meinen Augen viel zu stark, ist aber das Rückgrat jeglicher Argumentation, die die Nationalstaaten als nach wie vor entscheidungsstark erklären will. Es gibt und gab sehr viele alternative Modelle für die EU. Und es wird sich noch einiges tun. Vor allem das Parlament zeigt in letzter Zeit Zähne.
      Aber ich kann die Meinung, das Buch sei unlesbar, nicht abwerfen. Weil, und das ist meine Kernaussage: Die Europäische Union ist ein ungemein komplexes, sich aus Recht, Politik, Wirtschaft, Internationalen Beziehungen, Sympathien/Antipathien etc. zusammen setzendes Gebilde. Und der Herr Menasse ist in keinem dieser Felder tätig, weswegen seine Meinung und seine Ansichten zur EU höchstens als Fußnote wahrgenommen werden dürfen.

      Ähnlich übrigens Josef Winkler im Doppel-Interview mit Josef Bucher im Standard (Link unten). Auf die Bitte der Einschätzung Haiders Aktionen rund um die Hypo sagte dieser folgendes: „Von der Hypo habe ich, der ich schon an einer Division scheitere, wenig Ahnung. Doch im Kleinen wie im Großen zeigt sich, dass in Kärnten unglaublich viel Geld verschwendet wurde.“

      Er gibt im Grunde zu, keine Ahnung von der Materie zu haben, jedoch seine laienhafte Meinung nicht für sich behalten zu können. Gleiches hier bei Menasse. Denn nur Experten können eine Expertise abgeben, nur Involvierte oder Beteiligte profunde Aussagen artikulieren.

      http://bit.ly/11C4b99

  • Sarah

    Danke für die interessante Rezension! Es bleibt bei mir aber die Frage zurück, ob die EU – auch wenn ihre Institutionen gut arbeiten – funktionieren kann, wenn ihre Bürger nicht dahinter stehen und sich enttäuscht von diesem Friedensprojekt abwenden. Vor allem junge Menschen haben das Gefühl nicht gehört zu werden – siehe Griechenland, Spanien etc. Und auch aktive Bemühungen Jugendliche für europäische Politik zu begeistern tun sich schwer (auch für Interrail Tickets finden sich wenige Interessierte https://www.facebook.com/eurotourseu) Was schreibt Menasse dazu?

  • Andreas_M

    Ich kann all diese positiven Kritiken zu diesem Buch nicht verstehen. Es ist ja durchaus gut gemeint, aber in Wirklichkeit schlecht geschrieben und es geht mir wie meinem Vorposter: Menasses Erkenntnisse sind für Interessierte nur langweilig.

    Auch Menasses Vorliebe für ein Europa der Regionen halte ich für falsch. Glaubt er wirklich, dass Pröll, Häupl etc. es besser machen könnten? Vergisst er, dass auch „Landeskaiser“ wie Dörfler oder Politiker der oberitalienische Lega Nord (vielleicht auch mal welche von der Front National) dann Europa führen würden?

    Wirklich interessant ist was meist verschwiegen wird. Dieses Buch wurde mit Sponsoring von Wettanbieter Novomatic geschrieben! Der „Admiral Charity Fond“ hat die Reise und die Zeit in Brüssel mitfinanziert. Verdient Robert Menasse mit seinen Büchern, Kommentaren so schlecht? Im Vergleich: Praktikant_innen im EP müssen mit (wenn überhaupt) 1.200 € /Monat auskommen. Und warum wird Menasse gefeiert, Gusenbauer aber kritisiert, wenn sie im Sold von Novomatic stehen?

    Da halte ich es lieber mit diesem herrlichen Buchverriss und schließe mich an: Nicht lesen! Nicht kaufen!

    http://www.shabka.org/2013/04/17/der-europaische-landbote-die-wut-der-burger-und-der-friede-europas/