In der Handelsakademie und Handelsschule Steyr wurde eine Art „Probe-Wahl“ unter den Schüler_Innen aus den 2., 3. und 4. Klassen durchgeführt, schreiben die Oberösterreichischen Nachrichten am 2. Juli 2013. Schon Anfang Juni 2013 startete die HAK Steyr im Rahmen des Projekts „Politik aus der Nähe“ eine Informationsveranstaltung mit Nationalratspräsidentin Prammer im Museum Arbeitswelt. Nun wurde ein Versuch gestartet, bei dem die Schüler_Innen in zwei unterschiedlichen Wahlgängen ihre Stimme zur „Sonntagsfrage“ abgeben konnten. Zwischen den beiden Wahlgängen lagen nicht nur einige Tage Zeit sondern auch eine Informationsveranstaltung, bei der Politiker von neun Parteien dem Publikum Rede und Antwort standen. Jeweils vorher und nachher wurden die Schüler zur Urne gebeten. Ziel war es zu zeigen, wie Information oder der direkte Kontakt zwischen Schülern und Politik das Ergebnis beeinflussen kann. Gleich vorweg: Das ist keine Wahlumfrage oder Prognose. Sondern ein Projekt im Rahmen „Politischer Bildung“ einer Schule. neuwal.com greift das Thema auf und fragt nach.

Auffallend sei aber gewesen, dass Parteien, die mit mehreren Funktionären zur Veranstaltung gekommen sind, auch bei der Probewahl mehr Stimmen einheimsen konnten. „Hier hat es ganz einfach mehr direkte Kontakte zwischen Schülern und Politikern gegeben.“
„Schülerinnen und Schüler sind sehr an Politik interessiert“ – Interview mit den Organisatoren des Projekts

neuwal: Wie ist das Projekt zu Stande gekommen? Ist es ein Projekt von der Handelsakademie oder gibt es einen externen Veranstalter?

Prof. Andreas Spanring: Das Projekt haben wir gemeinsam an der Handelsakademie Steyr in der ARGE Geschichte entwickelt. Unsere Frau Direktor ist im Bereich „Politischer Bildung“ sehr engagiert.

Wir möchten unseren Schülerinnen und Schülern hinsichtlich der Nationalratswahl im September 2013 Kontakt zu PolitikerInnen ermöglichen. Daher haben wir versucht, alle Parteien nach Steyr einzuladen und die Jahrgänge der zweiten bis vierten Klasse mit den Politiker und Politikerinnen zusammen zu bringen.

neuwal: Wie kann ich mir das vorstellen. Wie hat dieses Projekt funktioniert und wie war es aufgabaut?

Wir haben Schülerinnen und Schüler zweimal die Sonntagsfrage gestellt: “Wenn am nächsten Sonntag Nationalratswahl wäre, welche der folgenden Parteien würden Sie dann wählen?”. Und zwar einmal vor (Montag, 24. Juni 2013) unserer Informationsveranstaltung mit Politikerinnen und Politikern und einnmal danach (Freitag, 28. Juni 2013). Zwischen den beiden Sonntagsfragen wurde das Thema bis auf die Informationsveranstlatung im Schulunterreich nicht behandelt.

Bei der Informationsveranstaltung am Freitag haben wir zwei Gruppen gebildet und den zweiten Jahrgang vom dritten und vierten getrennt. Wir haben Leitfragen erarbeitet, die den Zugang zu Politikern bei Kontaktschwierigkeiten erleichtern sollen: Wieviele Parteien sind im Raum? Wie heißt die Person, die anwesend ist. Welche Berufsausbildung hat sie, welche Funktion übt sie in der Partei aus. Wofür steht die Partei? Was macht die Partei in Bezug auf Bildung, Jugend, etc. Also ganz allgemeine Fragen um den Kontakt aufzubauen.

neuwal: Wie funktionierte die Sonntagsfrage?

Am Stimmzettel standen die Parteien, zusätzlich „Keine dieser Parteien“ und die Möglichkeit, in einem eigenen Textfeld, die Wahlentscheidung zu kommentieren. Dazu gab es keine Verpflichtung.

Bei der Sonntagsfrage selbst haben einige Schüler einen leeren Stimmzettel abgegeben. Sie hatten Bedenken, dass wir nachverfolgen können, wer welche Partei wählt. Das nächste Mal werden wir es mit einer Art „Wahlkabine“ machen, damit es einen ganz offiziellen Charakter hat.

neuwal: Eine Frage ist bei unseren Diskussionen auf Facebook aufgetreten. Im ersten Wahlgang gab es 420 abgegebene Stimmen und am Freitag weniger. Was waren die Gründe dafür?

Das war so: Am Montag war die Abstimmung in den Klassenräumen. Am Freitag waren wir im Turnsaal, was von der Struktur her anders war. Wir haben die Klassen nicht mehr zusammengefasst oder durchgezählt. Es kann sein, dass der eine oder andere Schüler keinen Stimmzettel abgegeben hat. Es war der Freitag nach dem Konferenztag und das heißt, dass weniger SchülerInnen anwesend waren. Von unserer Erfahrung her würden wir die Veranstaltung nicht mehr so knapp ans Schulende legen, damit wirklich alle Schülerinnen und Schüler da sind.

neuwal: Wie war das Feedback von den Parteien und von Politikern zu so einer Veranstaltung eingeladen zu werden?

Die Parteien waren alle sehr froh, dass wir das gemacht haben und dass nicht nur die etablierten Parteien, sondern auch neue Bewegungen, dabei waren. Alle haben gesagt, es wäre gut, wenn mehrere Schulen in Österreich solche Projekte durchführen würden.

neuwal: Wie waren die Reaktionen von den Schülerinnen und Schülern?

Zu Beginn waren viele Schülerinnen und Schüler noch sehr unentschlossen, da sie wenig Informationen hatten. Die Schüler finden es sehr gut und fühlen sich letztlich zu den Positionen der Parteien auch gut informiert.

neuwal: Wieviele VertreterInnen von Parteien waren answesend. Gab es dabei Unterschiede?

Wir haben an die Parteien ein E-Mail mit einer Einladung geschickt. Und bieten an, im Turnsaal mit Schülerinnen und Schülern zusammen zu kommen und sich zu präsentieren. Manche Parteien haben drei oder vier VertreterInnen geschickt, manche nur einen. Wir haben gesagt, wenn wir das so anbieten, dann wird sich jede Partei sicher darauf einstellen und das passende Material zur Verfügung stellen und die passenden Personen schicken.

neuwal: Was ist das große Learning für Sie aus diesem Bereich?

Für mich ist das Spannende, dass die Schülerinnen und Schüler sehr wohl an Politik interessiert sind. Auch an Politikern interessiert sind. Wenn man Schüler mit Politikerinnen und Politikern, dass sie auf sie zugehen, kritisch Fragen stellen, dass sie keine Berührungsängste mit verschiedensten Parteien haben. Dass sie Informationen sammeln und sich Informationen holen und dass man mit ihnen später noch reden muss, um aufkommende Fragen zu reflektieren. Schülerinnen und Schüler in dem Alterssegment sind sehr an Politik interessiert sind und sagen, sie gehen zu einer Wahl und nehmen an einer Wahl teil.

neuwal: Gibt es Ideen, dieses Projekt noch einmal zu machen?

Wir werden sicherlich irgendwelche Ideen in dieser Hinsicht weiterverfolgen. Nachdem unsere Frau Direktor an Politischer Bildung sehr interessiert ist und das einfach als Ausbildungspunkt an unserer Schule dazugehört, werden wir ähnliche Veranstaltungen wieder planen, dass wir Politikerinnen und Politiker einladen und die Möglichkeit zum Dialog geben. Ganz bestimmt.

neuwal: Wie gelingt es, andere Schulen zu Projekten wie diesen zu motivieren?

Es gehört zum Auftrag der Schule, dass man mündige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ausbildet. Man muss das als Teil wahrnehmen und den Schülern diese Möglichkeit bieten, sich zu informieren. Es war von der Organisation nicht der große Aufwand: Einladungs-Mail schreiben und eine Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

neuwal: Eine weitere Frage aus Facebook kommt von Immanuel R.: “kinder sind beeinflußbar, dies hängt alles stark davon ab, wer die veranstalter waren…”

Kinder sind sicherlich beeinflußbar. Das ist klar. Wir haben auf alle Fälle den Zugang gewählt, dass wir niemanden in eine Parteipolitische Richtung beeinflussen wollen. Die Beeinflussung soll dahin gehen, dass man sagt: Wenn ihr die Schule verlässt, seid ihr erwachsene Menschen. Ihr sollte zu Themen eine Meinung haben. Wie diese Meinung aussieht ist jedem Schüler und jeder Schülerin selbst überlassen. Es soll nicht so sein, dass ihr zu politischen Themen keine Meinung habt. In Hinblick auf die Entwicklung einer eigenen politischen Meinung wollen wir sie beeinflussen, allerdings nicht, wie diese Meinung aussieht.

Das letztliche Ergebnis ist interessant: Zunächst sei hervorzuheben, dass die abgegebenen Stimmen im zweiten Wahlgang stark vom ersten differenzieren: Gaben vor der Veranstaltung 401 SchülerInnen ihre Stimme ab, so waren es im zweiten Durchgang nur mehr 180. Grund dafür ist, so eine der zuständigen Lehrer in Steyr, dass ein Großteil der SchülerInnen nicht mehr anwesend war oder den Stimmzettel nicht ausgefüllt hat.

Die größten Unterschiede zum ersten Wahlgang im positiven Sinne zeigen NEOS und das BZÖ. Zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang liegen knapp +14 Prozentpunkte bei den NEOS und knapp +8 Prozentpunkte beim BZÖ. Ebenso leicht punkten konnten ÖVP (+2.5) und das Team Stronach (+3.6). Auf knapp -10 Prozentpunkten Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang kommt die SPÖ. Ebenso verzeichnen die Grünen nach der Informationsveranstaltung ein Minus von knapp 9 Prozentpunkten. Die Piratenpartei kommt von 9.58 % auf 4.76 %, die FPÖ verliert -3 Prozentpunkte und die KPÖ liegt im zweiten Wahlgang sogar bei 0 %.

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Bei der Interpretation der Daten sind folgende Parameter zu berücksichtigen:

1. Wahlgang (vor der Informationsveranstaltung)

Abgegebene Stimmen 401
unentschlossen 140

2. Wahlgang (nach der Informationsveranstaltung)

Abgegebene Stimmen 180
unentschlossen 12

Differenz beider Wahlgänge

Abgegebene Stimmen -221 (im Vgl. zum ersten Wahlgang)
unentschlossen -128 (im Vgl. zum ersten Wahlgang)


Abb. 1: 1. Wahl. Wahlergebnis vor der Informationsveranstaltung (n=401, unentschlossen=140)


Abb. 2: 2. Wahl. Wahlergebnis nach der Informationsveranstaltung (n=180, unentschlossen=12)


Abb. 3: Differenz aus Wahlgang 1 und 2

Quelle: Oberösterreichische Nachrichten, 2. Juli 2013

Feedback

Immanuel Rohringer posted a photo to Pirate-club’s timeline.
gutes beispiel wie umfragen manipulativ verwendet werden! nicht representative umfragen werden als solche dargestellt. ich bezweifle mal stark die neutralität und ein dickes „shame on you“ neuwal. sowas sollte man nicht veröffentlichen.

Danke für’s indirekte Feedback. Ich habe bei der Handelsakademie nachtelefoniert um mich zu vergewissern, wie das Projekt und die Werte an sich zu Stande gekommen sind. Habe mich bei den Lehrern der Handelsakademie in Steyr informiert, mit ihnen telefoniert, die das Projekt umgesetzt haben. Die Auskunft war sehr positiv, offen und ehrlich: Die Idee der Veranstaltung wurde in der Schule geboren und die jeweiligen Parteivertreter_Innen auch von den Personen eingeladen. Das spannende bei diesem Projekt ist, dass es sich um ein Projekt im Rahmen „Politischer Bildung“ handelt. Es hat mit einer klassischen Wahlumfrage doch gar nichts zu tun.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.