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Der Vorschlag der Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl, ein verpflichtendes Kindergarten ab dem ersten Lebensjahr einzuführen, brachte ihr viel Häme und Dementi ein. Ein (Pflicht-)Kommentar von Dominik Leitner.

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von Dominik Leitner

Selbst wenn Brandsteidl die Sache nicht mehr kommentieren möchte un die eigene Partei SPÖ bereits darauf hinwies, dass dies nicht SP-Linie sei: der Weg ist offenbar klar. Weg von der Freiwilligkeit, von der Möglichkeit, sein Kind z.B. in den Kindergarten zu geben oder in eine Gesamt- oder Ganztagsschule. Und stets mit dem Ruf nach Chancengleichheit und potentiellen Verbesserungen im Bildungssystem. Und so leer die Worthülse bereits klingt, so verstörend wirkt auch ihre Erklärung:

Die Begründung: Würde jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr in den Kindergarten gehen, könne man die Leseschwäche beheben, die laut „Wiener Lesetest“ vor allem bei Schülern aus sozial schwierigen Verhältnissen auftrete – unabhängig davon, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Es gebe kein Migrations-, sondern ein „Subproletariatsproblem“, so Brandsteidl. (Zitat: Wiener Zeitung, 11. Juni 2013)

Ich fasse es einmal für mich zusammen: Die SPÖ hat also bereits aufgegeben, dem sogenannten Subproletariat aus dem „Sub“ zu helfen? (Subproletariat im Duden: Gruppe, die in einer Gesellschaft wirtschaftlich [und kulturell] unter den schlechtesten Bedingungen lebt [und dadurch eine gesellschaftliche Randstellung einnimmt]) War es nicht früher stets das Bemühen, als Stimme der Arbeiter zu fungieren? Menschen aus ihrer Armut zu helfen? Plakatiert diese Partei nicht auch heute noch, dass sie die Partei der Arbeit sind?

Mit ihrem Ruf nach mehr und mehr Pflichten bei der Sozialisation und Schulbildung zeigt sich eines deutlich: dass die Eltern versagt haben. Ihnen kann man die Kinder nicht mehr anvertrauen, bei ihnen lernen sie nicht lesen, bei ihnen fehlen ihnen die Chancen. Statt die Eltern zu unterstützen, Auswege aus der Gruppe des „Subproletariats“ zu erreichen, entlässt man sie komplett aus der Verantwortung. Die Erziehung der Kinder wird somit mehr und mehr zur Pflicht von Pädagoginnen und Pädagogen – und eben diese müssen um ein neues Lehrerdienstrecht kämpfen, haben selten einen ausreichenden Arbeitsplatz und werden stets von Politikern (die ehemalige Landeshauptfrau Burgstaller war dafür bekannt), Medien und Stammtisch-Sitzern kritisiert.

Es fehlt an Wertschätzung: am Konstrukt Familie, an der Idee der Sozialisation durch die Eltern, für den Beruf Pädagoge. Und statt Hilfen für die einen, die sie wirklich brauchen – sei es in Form von Unterstützung durch Jugendamt, Sozialamt oder andere Institutionen – würde eine solche Kindergartenpflicht vielen Kleinkindern eben jene wichtigen Jahre mit den Eltern nehmen, die es für eine gesunde Entwicklung braucht. Das Angebot soll es natürlich geben, die Pflicht ist aber ein dummer Vorschlag.

Bildquelle: AttributionShare Alike Some rights reserved by Piratenmensch

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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  • Christian Sterzl

    Die SPÖ ist nicht die Partei der Arbeit sondern der Arbeiter, sonst würde sie nicht Arbeit verhindern wollen.
    Aber ein verpflichtendes Kindergartenjahr oder eine frühere Einschulung wäre nicht so blöd: Denn was wären die Konsequenzen daraus?

    Zunächst einmal könnte der Kindergarten nicht mehr dem Sozialbereich zugeordnet werden, sondern dem Schulbereich. Ein erheblicher Unterschied wie ich finde.
    Dann gäbe es einen Rechtsanspruch auf einen Platz und Wartezeiten von bis zu einem Jahr wären klagbar.

    In CH besteht ein Obligatorium ab dem 4. Lebensjahr. PISA-mässig stehen diese besser da als AT. Ein Mitgrund?