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„Genug gelogen!“ und „Ihr raubt uns die Zukunft!“ – Ein junger Mann klagt an, und das gleich im Namen einer ganzen („verlorenen“) Generation.

BernhardWinklerBernhard Winkler
Geboren 1989, war nach der Matura von 2008 bis 2010 Journalist bei den Oberösterreichischen Nachrichten, seit 2010 ist er PR-Mitarbeiter eines großen österreichischen Sportartikel-Unternehmens. Ab Herbst 2013 studiert er Jus in Linz.

Der Autor des Buches und der Autor dieser Rezension sind beinahe gleich alt, entstammen also beide eben dieser anklagenden Generation, welche hier anklagen will. Das machte die Lektüre doppelt spannend – noch dazu, wenn bereits der sehr polemische, aufschreckende Titel des Buches ein literarisches Unheil anzukündigen versucht.

Für Bürger, die gern unbestechliche, nicht in die eigene Tasche wirtschaftende Politiker wählen, ist das Angebot an Parteien dürftig. Wenn wir auch in jedem anderen Lebensbereich im Überfluss leben – in der Politik ist inhaltliche Enthaltsamkeit das Gebot der Zeit.

Bernhard Winkler wagt es und versucht sich an einem „Empört euch!“ für das junge Österreich: Ein Aufschrei der Vernunft, ein Vor-Augen-Führen des Versagens und der Möglichkeiten. Zwanzig Anklagepunkte auf rund 150 Seiten zeugen davon, dass er sich mit der Materie eingehend beschäftigt hat und zudem – als bereits jahrelang politisch interessierte Mensch sich über die Probleme und Herausforderungen auch wirklich tiefgreifende Gedanken gemacht hat.

Eines vorweg: Winkler ist kein junger Hessel. Die Art seiner Erzählweise, diese Mischung aus politischer Sozialisationsbiografie und Streitschrift mutet zumindest am Anfang etwas hilflos, aufgesetzt und mitunter auch ein kleines bisschen peinlich an. Doch entgegen der Hessel’schen grundsätzlichen Empörungswut greift Winkler einige wichtige Themen auf: so beschäftigt er sich z.B. mit dem Bildungssystem, der direkten Demokratie, der Europäischen Union und der fehlenden Jugendlobby. Dass (beim Beispiel Bildung) politischer Kuhhandel betrieben wurde bzw. wird, erklärt er recht eingängig, dass man einerseits mit Nicken, andererseits mit Kopfschütteln vom Buch aufblickt.

Der Autor kennt die Schuldigen: es sind die Politiker, und das fast 20 Anklagepunkte hindurch. Schuld sei, wie Politiker heutzutage agieren und wie wir sie bereits jahrelang agieren lassen. Statt dem (vor allem von linken Gruppierungen heißgeliebte) Revolutionsruf fordert er viel eher dazu auf, mehr einzufordern. Mehr Transparenz und Fakten, mehr Ehrlichkeit und Mut und eindeutig weniger Floskeln. Genau das Gegenteil der genannten Eigenschaften wirft er der aktuellen Riege an Politikern fast durchgehend im gesamten Buch vor.

Fassen wir zusammen: Aus zwei Schultypen (Hauptschule, Gymnasium) in der Unterstufe werden – nach jahrelanger Verhandlung – drei (Hauptschule, Gymnasium, Neue Mittelschule), obwohl für die Schüler ein Schultyp (Gesamtschlue) am besten wäre. Jahre später werden aus drei Schultypen wieder zwei (Neue Mittelschule, Gymnasium), was der Idealform, also einem gemeinsamen Schultyp, ja immerhin näher kommt.

Sehr oft agiert Winkler auch als Botschafter oder gar Prediger, wenn er (manchmal auch sehr belehrend) die Pflichten eines jungen Bürgers einfordert: Man müsse sich erheben, man dürfe sich nicht alles gefallen lassen, man sollte auch mal selbst nachdenken. Doch so emotionsgeladen er sein Buch auch geschrieben hat: Als Lösung schlägt er in erster Linie Pragmatismus vor. Neben manch halbherzigen Ratschlägen ist dieses Buch kein Ratgeber der Veränderung geworden: Vielmehr deutet er darauf hin, dass wir vieles heutzutage bereits wissen, das große Problem ist aber, dass wir die Notwendigkeit der Umsetzung noch nicht verstanden haben.

Vorbei sollen die Zeiten des alten Aktionismus sein. Weg mit Wahlplakaten, die Politiker in erhabener Pose neben einem mehrfach durchgekauten Slogan zeigen! Das Volk hat begriffen, dass praktisch jeder in der Politik „mehr Wohlstand“ und „mehr Gerechtigkeit“ will oder glaubt, es zu wollen.

Wir brauchen einen neuen Schlag Politiker, brauchen Menschen, die bereit sind, repräsentativ massive Verantwortung zu übernehmen. Und wie so oft zeigt auch diese Streit- oder Anklageschrift die Fehler auf, fährt mit dreckigem Finger in die offene Wunde; einzig die optimistische Sicht des Autors lässt den Leser hoffnungsvoller zurück.

Hat er es sich überhaupt verdient, als Sprachrohr einer Generation zu agieren? Man muss ehrlich zugeben: Winkler hat es verstanden, gute und interessante Themen aus dem Politikkosmos herauszufiltern, die Menschen in unserem Alter interessieren. Und hat man sich erst einmal an die Erzählweise gewöhnt, überzeugt der Autor mit gekonntem Sprachwitz und lockeren Worten in seiner Lektüre. Dass ihm beim Versuch, für „alle“ zu sprechen so manch fragwürdige Verallgemeinerung passiert ist, gehört zumindest gesagt: Das Leben der „verlorenen Generation“ kann komplett verschieden laufen – einmal mit Matura, anschließendem Journalismusjob und späterem Studium (wie das Leben des Autors) und andererseits mit dem Pflichtschulabschluss, einer Lehre und dem viel früheren Kennenlernen der „erwachsenen Verantwortungspflicht“. In dieser Hinsicht ist ihm der Spagat oftmals nicht wirklich gelungen.

Was man ihm wirklich vorwerfen darf und muss, ist die fehlende Tiefe. Bei dutzenden Themen streift er an, wirft vor, nennt (nur wenige) Quellen – doch um sie genauer zu untersuchen, um nachzubohren und zu hinterfragen, warum Politiker in manchen Situationen so, in anderen so agiert haben, fehlt einerseits der Platz im Buch und offenbar auch die Lust des Autors. So wirkt so mancher Anklagepunkt etwas zu populistisch.

Winkler ist somit kein Sachbuch im eigentlichen Sinne gelungen, sondern eine nette, kleine Anklage, viele Themen werden aufgegriffen, wenige tiefergehend ergründet. Seine Erzählungen lassen einen nicht voller Tatendrang, voller Wut zurück, sondern eher mit der Erkenntnis, dass wir offenbar wirklich verloren sind, solange wir uns nicht selbst aus der Misere helfen.

So nichtCoverBernhard Winkler

So nicht! Anklage einer verlorenen Generation

Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-00868-6

Preis: [amazon_link id=“3218008689″ target=“_blank“ ]17,90 (Taschenbuch)[/amazon_link] und [amazon_link id=“B00CLCLOL4″ target=“_blank“ ]9,99 (Kindle-Edition)[/amazon_link] (Partnerlinks)

Information: Wir bedanken uns beim Verlag Kremayr & Scheriau für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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  • Michael

    Gute Rezession 🙂

    Tja ein in alle Punkte vertiefendes Sachbuch ist halt auch oft viel zu trocken.

    Genaue Detailkenntnisse sind für einen „Laien“ (= hier Nichtpolitiker) oft nicht nötig oder nicht einmal nützlich, aber naja von einem Journalisten (der mit derartigen Informationen seinen Verdienst bestreitet) könnten diese Kenntnisse durchaus erwartet werden.

  • Christian

    Fühl mich nicht als verloren. Und dass zB ein Schultyp am besten ist, ich nehme an, dass er hierzu keine Fakten nennt, ist ein Punkt, bei dem ihm viele dieser verlorenen Generation wohl widersprechen werden. Er ist somit sicher kein Sprachrohr einer ganzen Generation und spricht auch nicht für alle. Sich das anzumassen, allein diese Gedanken dahinter, muten seltsam an, wenn man Individuen immer nur als homogene Gruppe sieht.