Immobilienkrise, Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise – beinahe könnte man glauben, eine Krise würde automatisch eine Kettenreaktion unzähliger weiterer Krisen hervorrufen. Tomasz Konicz hat sich mit dieser Krisenfalle beschäftigt und sieht den Kapitalismus am Scheideweg.

Dr. Tomasz Konicz
Konicz, geb. 1973 in Olsztyn/Polen, studierte Geschichte, Soziologie, Philosophie in Hannover sowie Wirtschaftsgeschichte in Poznan. Er ist freier Autor und Publizist mit den thematischen Schwerpunkten Krisenanalyse und Osteuropa tätig. Über den Entwicklungsgang der gegenwärtigen Systemkrise, dem er schon Hunderte von Texten widmete, berichtet Konicz bereits seit dem Sommer 2006.
Quelle: Blog)

Wir haben alles schon gehabt: Eine linke „Flugschrift„, die eindeutig die Landebahn verfehlt hat, „Kapitalismus als Spektakel„, die Idee eines New Deals für Europa, eine Systemkritik von Heiner Geißler, eine Aufklärung über die Mythen der Krise, eine Analyse des Systems oder der Wunsch, das Euro-Desaster zu stoppen. Krisenliteratur hat gerade Hochkonjunktur – und so kommt auch „Politik in der Krisenfalle – Kapitalismus am Scheideweg“ von Tomasz Konicz nicht die Worte Kapitalismuskrise, Systemkrise, Eurokrise und Katastrophe aus. Wie schon der Subtitel des Buches ankündigt, sieht Konicz in den aktuellen Zuständen den Beginn des Untergangs des Kapitalismus.

Der unerträgliche Zustand unserer im Chaos versinkenden Welt resultiert also nicht daraus, dass gegen die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus verstoßen wurde, sondern daraus, dass dessen Gesetze unbarmherzig exekutiert wurden.

Konicz stellt sich eine Frage, die sowohl an Stammtischen als auch in der Politik oft mit viel Energie und Überzeugung geführt wird: Wer hat denn nun Schuld an dieser Krise? Die Banken? Die Politik? Der „Neoliberalismus“? Die nebeligen und kalten Winter, wie Sarrazin meint? Oder wir alle, da wir „über unseren Verhältnissen gelebt“ haben?

Die Antwort überrascht etwas: Niemand habe Schuld an dieser Krise. Der außer Kontrolle geratene Kapitalismus sei der einzig Schuldige. Nicht einzelne Individuen haben die „reibungslose Funktionsweise des Kapitalismus“ gestört, sondern alle haben perfekt ihre „ökonomischen Funktionen in der Marktwirtschaft“ erfüllt.

Es gibt also tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den „schmerzhaften Arbeitsmarktreformen“ in Deutschland und der Schuldenkrise in Südeuropa – es ist ein kausaler Zusammenhang.

Einen Schuldigen stellt Konicz trotzdem fest: ebenso wie Flassbeck stellt der Autor fest, dass Deutschland von den Gründen, die zu dieser Krise geführt haben, unglaublich stark profitiert hat. Und dass die deutsche Exportwirtschaft auch nach Ausbruch der Krise bzw. im Laufe der „Rettungen“ Gewinn daraus schlagen konnte. Seit 2001 (also mit der Einführung des Euros) konnte Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss erzielen, der jährlich wuchs, bis zur Pleite der Lehman Brothers – und selbst danach blieb der Überschuss auf einem bemerkenswerten Niveau. Was man dafür auch verstehen muss ist, dass ein Überschuss des einen Landes einen Verlust für andere Länder zur Folge hat. Eben vor allem jene Länder, um welche sich Deutschland nun „erbarmt“ und ihnen ebensolche Reformen auferlegt, die Deutschland zum großen Kapitalismusgewinner machen konnte: die Arbeitsmarktreform Hartz IV zum Beispiel.

Der frühe Kapitalismus drang vermittels der Lohnarbeit in die Häuser der Menschen ein, bevor er sie in die Fabriken trieb. Der Spätkapitalismus wird den künftigen Internet-Tagelöhner erneut in die eigenen vier Wände abliefern.

Zum Abschluss greift Tomasz Konicz auch die aktuellen Entwicklungen in der Berufswelt auf: Crowdsourcing bzw. Cloudworking sieht er als webbasierende Prekarisierung. Für die großen Unternehmen, welche statt fest Angestellten plötzlich Freiberufler ihre Projekte umsetzen lassen, sie in einen Wettbewerb setzt und dann schließlich nur einen auswählt, ist es von Vorteil. Für jene, die auf diese Aufträge angewiesen sind, für jene, welche durch die „Liquid“-Konzernführung ihre Jobs verloren haben jedoch ist es nur eine weitere Verstärkung der Angst auf diesem Arbeitsmarkt.

Konicz beschreibt sehr ausführlich und aufschlussreich die verschiedenen Probleme des Kapitalismus. Also nur eines von unzähligen Anti-Kapitalismusbüchern, wie man sie bereits in und auswändig kennt? Der Autor bohrt tief nach, erklärt, wie es zu dieser „Systemkrise“ kommen konnte und reduziert seine Erkenntnisse glücklicherweise nicht nur auf billiges Kapitalismusbashing. Eine Sache stört mich jedoch: Während Konicz Kapitel für Kapitel über das kommende Ende des Kapitalismus schreibt und abschließend schon davon spricht, dass man bereits im Spätkapitalismus angekommen sei, würde mich als Leser natürlich interessieren, was danach kommen könnte. Das kann mir Konicz, wo sie viele andere Autoren davor, leider auch nicht sagen.

WoEuropaEndetTomasz Konicz
Politik in der Krisenfalle
Kapitalismus am Scheideweg

Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co KG
ISBN: 978-3.936931-82-2
Seiten (Print): 101 Seiten

Preis: 3,99 Euro (nur als eBook/[amazon_link id=“B0097DM2XY“ target=“_blank“ ]Kindle[/amazon_link]-Version erhältlich) [Partnerlink]

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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