Manchmal fragt man sich, ob ehemalige oder aktive Sozialdemokraten eigentlich jemals selbst an ihrer eigenen Integrität gezweifelt haben. Ein Kommentar von Dominik Leitner.

GusenbauerNovomatic

wortschwallAlfred Gusenbauer, der vom Koalitionspartner und sogar der eigenen Partei ungeliebte ehemalige Bundeskanzler, hat zumindest heutzutage kein Problem mehr Freunde zu finden. Denn offenbar ziemt es sich für österreichische Unternehmen, den Expolitiker und nunmehrigen Lobbyisten in ihren Aufsichtsrat zu bestellen. Bei der STRABAG SE hat er es sogar zum Vorsitzenden geschafft – nachdem er bekanntlich nur wenige Monate den Aufsichtsrat des zweitgrößten Baukonzerns Alpine verlassen hat. Und nun – so ganz nebenbei – hört man, dass er auch einen Sessel im Aufsichtsrat von Löwen Entertainment, der deutschen Tochter des österreichischen Glücksspielkonzerns Novomatic ergattern konnte.

Man erinnere sich an die Novellierungen des Glücksspielgesetzes 2008 und 2010. An das „Lex Novomatic“, welches das kleine Glücksspiel weiter – und zugunsten des niederösterreichischen Konzerns – öffnete. Und man erinnere sich daran, dass auch schon der heutige EU-Kommissar Johannes Hahn von 1997 bis 2003 Mitglied des Vorstands und später Vorstandsvorsitzender bei Novomatic war. Oder der heutige Purkersdorfer Bürgermeister Karl Schlögl (ehemals: Innenminister unter Klima I), der von 2004 bis 2011 ebenso im Aufsichtsrat saß. Novomatic ist also das, was Magna für die FPÖ zu sein schien.

Alfred Gusenbauer, (ehemaliger?) Sozialdemokrat, verdient in hohem Maße am Glückspiel in seiner Rolle als Aufsichtsrat. Das ist beinahe so, als würde sich (Parteihopper) Rudi Fußi monatelang bei der Gruppierung „SPÖ Linke“ engagieren, um dann bei dem Hedgefonds Superfund unter zu kommen. Oder eine rote Landeshauptfrau beim Mitgröhlen der bundesweiten Anti-Spekulationsslogans ganz darauf vergessen, dass man da noch ein paar Milliönchen Leichen im Keller hat. Und so sehr er es auch versucht, nunmehr als Pro-Europäer aufzutreten: den Brief an die Krone wird Faymann wohl auf ewig nachhängen.

Die SPÖ hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: Man kann natürlich einwerfen, dass sich Gusenbauer ja aus der Politik zurückgezogen hat um in die Privatwirtschaft zu wechseln – Hahn und Schlögl hingegen noch in politischen Ämtern saßen, als sie bei Novomativ mitverdienten. Und doch sollte es gewisse Felder geben, in denen sich ein ehemaliger Politiker nicht hineinwagen sollte. Dass man bei Sozialdemokraten noch einmal genauer hinschaut, ist auch klar. Dass man als amtierender Politiker darauf Acht geben muss, ist natürlich klar (aber auch nicht selbstverständlich) – aber zumindest von Alfred Gusenbauer hätte man sich etwas mehr Feingefühl erwartet.

The following two tabs change content below.
freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

Neueste Artikel von Dominik Leitner (alle ansehen)