Am 9. Mai begeht die Europäische Union jedes Jahr den „Europatag der Europäischen Union“. Die Chancen stehen gut, dass ein Großteil aller EU-Bürger noch nie davon gehört haben. Was steckt also dahinter?

Der 9. Mai ist im Grunde der Jahrestag der sogenannten Schuhman-Erklärung. An diesem Tag schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer Rede in Paris vor, eine „europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ zu Gründen. Hintergrund war die Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland, die durch gemeinsame Verwaltung der Rohstoffe im Grenzgebiet der beiden Länder verringert werden sollte. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer stimmte sofort zu, und so entstand knapp ein Jahr danach die EGKS. Ihre Gründungsmitglieder waren neben Deutschland und Frankreich auch Italien sowie Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Die EGKS war die erste in einer Reihe von supranationalen europäischen Institutionen – es folgten beispielsweise EURATOM und EWG – die schließlich 1992 in der Gründung der EU gipfelten.

RobertSchuhmanRobert Schuhman (1886 – 1963) war ein prototypischer Europäer: Seine Muttersprache war Luxemburgisch, den Ersten Weltkrieg verbrachte er auf der deutschen Seite, den zweiten auf Seiten des französischen Widerstandes. Nach Kriegsende wurde er Außenminister Frankreichs und machte sich für eine Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland stark. Er war auch Präsident des Europaparlaments und gilt neben Jean Monnet und Alcide de Gasperi als einer der Gründerväter der europäischen Gemeinschaft. In seiner berühmten Ansprache in Paris am 9. Mai 1950 meinte er „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“

Im EU-Verfassungsvertrag aus dem Jahr 2004 wurden mehrere „Symbole der Europäischen Union“ definiert: Neben dem Europatag am 9. Mai zählen dazu auch die Europaflagge, die Europahymne (eine Instrumentalversion des letzten Satzes von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie) sowie das Europamotto – „In Vielfalt geeint“ – in allen Amtssprachen der EU. Der Verfassungsvertrag wurde zwar unterschrieben, trat aber nie in Kraft. Im Vertrag von Lissabon sind die Symbole der EU offiziell nicht mehr enthalten, sie werden aber nach wie vor verwendet.

Europaflagge

In Brüssel und Straßburg wird der Europatag mit zahlreichen Festakten begangen, es gibt auch einen Tag der offenen Tür bei vielen Institutionen der EU. Leider geht dieser überaus wichtige Feiertag an vielen Bürgern spurlos vorbei, nur im Kosovo ist er ein gesetzlicher Feiertag. Dies ist beispielhaft für das größte Problem der EU: fehlende Bürgernähe. Vergleichbar mit einer Mutter, die zu ihrem Kind meint „Du weißt ja gar nicht, wie gut es dir eigentlich geht!“, wenn es das Gemüse nicht essen will – auch die meisten EU-Bürger wissen es scheinbar nicht zu schätzen, dass sie seit Jahrzehnten auf einem friedlichen Kontinent leben. Leider hört man nur selten Eltern sagen „Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie auf einem friedlichen Kontinent mit freiem Personen-, Dienstleistungs-, Waren- und Kapitalverkehr leben könnten!“.

Es mag ein Zufall sein, dass am 8. Mai, dem Tag vor dem Europatag, (zumindest in Österreich) der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht wird. Es wäre jedoch ein wichtiges Zeichen, und genau das, was die EU in der momentanen Krise braucht, wenn der 8. und 9. Mai in Zukunft sozusagen ein Doppelfeiertag wären. Ohne Befreiung vom Nationalsozialismus gäbe es die EU nämlich nicht, und ohne das darauffolgende europäische Zusammenwachsen wäre die Befreiung auch etwas weniger Wert gewesen. Doch auch wenn heute (offiziell) ein ganz normaler Arbeitstag ist: Das Wichtigste ist, dass wir heute alle innehalten und überlegen, wie gut es uns in der Europäischen Union geht.

Robert Schuhman erlebte die Gründung der EU nicht mehr – doch er wäre vom Fortschritt der europäischen Integration im Jahr 2013, trotz aller Probleme, hellauf begeistert gewesen. Schönen Europatag!

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Stefan Hechl

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