Hannah Arendt, die große politische Theoretikerin, warnte zu Lebzeiten davor, dass die Medien, die Public Relations und ein riesiges Lügengebilde die aktuell bekannte Regierungsform stürzen könnte. Patrizia Nanz ermöglicht mit ihrem Buch Jahrzehnte danach einen Überblick, wo Arendt wohl recht gehabt hat.

PatriziaNanzPatrizia Nanz, 1965 geboren, hat Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft in München, Frankfurt, Mainz und Montréal sowie Politikwissenschaft am European University Institute in Florenz studiert. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin und Journalistin. Seit 2002 ist sie Professorin der Politikwissenschaft an der Universität Bremen.

Gravierender aber sei das „organisierte, Massen erfassende Lügen“ der modernen Politik, denn eine manipulierte ‚Wirklichkeit‘ zerstöre die Grundlagen des politischen Gemeinwesens selbst: die Urteils- und Handlungsfähigkeit seiner Bürger.

Bei der Rede zur Feier des zweihundertjährigen Jubiläums der amerikanischen Revolution – nur wenige Monate vor Arendts Tod – wagte sie einen dunklen Blick in die Kristallkugel: durch die Kriegsführung in Vietnam, zusammen mit dem Watergate-Skandal sei „eine neue Art von Lüge in die Welt getreten“. Sie wirft der Politik vor, ganz genau zu wissen, was das Volk wissen soll. Nanz legt dies auf den – vom heutigen Zeitpunkt aus – nur wenige Jahre zurückliegenden Irakkrieg um, bei dem das Mär der Massenvernichtungswaffen einerseits von der Politik (George W. Bush und Tony Blair werden damit in die Geschichte eingehen), aber andererseits auch von den Medien mitgetragen wurde. Nur wenige Einzelstimmen hinterfragten die Sinnhaftigkeit des Krieges bzw. den Wahrheitsgehalt der Meldungen. Der Krieg wurde zu einem medialen Ereignis, das Kritische immer weiter zurückgedrängt. Informationen kommen – wie so oft – erst Jahre danach an die Öffentlichkeit. Wenn die Taten bereits geschehen, und die Auswirkungen an die Oberfläche treten.

Da es ein fundamentales Prinzip der Demokratie ist, dass sich die Bürger einer Gesellschaft ihre Meinung aufgrund zutreffender Informationen bilden können, sieht Arendt durch diese ‚organisierte politische Lüge‘ nichts weniger als die ‚Existenz der Republik‘ und deren ‚verfassungsmäßige Garantien‘ gefährdet.

Als weiteres Beispiel nennt Nunz das politische Italien unter Silvio Berlusconi. Durch sein Medienimperium, durch seinen Einfluss auf den Staatssender RAI, durch sein Auftreten, durch seine Lügen (die er, offenbar als wahr empfand) hat er das politische System in Italien geschwächt. Den Wählern eine heile Welt in der Mattscheibe vorgespielt, um von den Skandalen, den wirtschaftlichen Problemen und alledem abzulenken.

Images und Sachzwänge werden ‚wahr‘ dadurch, dass sie „in den Kreislauf der öffentlichen Kommunikation gepumpt werden, fortan Bestandteil des Diskurses sind und irgendwann als ‚Fakten‘ selbst zu ihren Urhebern zurückfließen.

Ebenfalls kritisiert wird der Einfluss der Public Relations auf die Politik. Gewiss, dieses Phänomen war auch schon zur Zeit des Vietnamkrieges von großer Bedeutung, hat aber seither noch viel stärke Aus- bzw. Einwirkungen auf bzw. in die Politik. Heute nennt man sie „Spin-Doktoren“: „Politische Public Relations schafft perfekt inszenierte und kameragerechte Ereignisse. Komplexe Sachfragen werden mit griffigen Schlagworten besetzt, politische Themen auf Namen und Gesichter reduziert.“

Die Wählergruppe derer, die wenig lesen, wenig wissen und ein geringes Interesse für Politik haben, ist äußerst anfällig für Demagogen, die eine populäre Rhetorik der ‚Anti-Politik‘ beherrschen (wie sie zum Beispiel Berlusconi betrieben hat).

Patrizia Nanzs „Anmerkungen zu Hannah Arendt“ zeigen eine zutiefst empfundene Zustimmung zu dem Bild, welches Arendt herannahen sah. Das, was damals in Wahrheit ihren Ursprung nahm, hat sich heutzutage in unser politisches Denken eingenistet. Eigentlich ein schreckliches Buch, würde es nicht mit einem Aufruf enden: Wir müssen an der politischen Verantwortung teilhaben, statt uns ins Private zurückzuziehen. Nur so können wir noch Schlimmeres abwenden.

Wahrheit und Politik in der MediengesellschaftPatrizia Nanz

Wahrheit und Politik in der Mediengesellschaft
Anmerkungen zu Hannah Arendt

Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 3-8031-4131-1
Seiten (Print): 28 Seiten

Preis: 2,99 Euro (nur als eBook/[amazon_link id=“B00BASZQKA“ target=“_blank“ ]Kindle[/amazon_link]-Version erhältlich) [Partnerlink]