„Wie wird mit Kleinparteien in Wahlumfragen umgegangen?“ – Wir haben bei Christina Matzka von meinungsraum.at und Wolfgang Bachmayer von OGM nachgefragt und ein klein wenig mehr über Wahlumfragen, Rohdaten und den generellen Prozess hinter Sonntagsfragen erfahren.

wbWolfgang Bachmayer (OGM)
OGM wurde 1976 von Wolfgang Bachmayer in Wien gegründet. Neben klassischer Markt- und Meinungsforschung gibt es Politische Beratung, Sozial- und Wahlforschung im Portfolio.
cmChristina Matzka (meinungsraum.at)
Christina Matzka ist Projektleiterin von meinungsraum.at. Der Meinungsraum ist ein Full-Service-Marktforschungs-Dienstleister mit Schwerpunkt in der Online Markt- und Meinungsforschung.
neuwal.com (Dieter Zirnig): In aktuell publizierten Wahlumfragen wird – bis auf das Team Stronach – eigentlich regelmäßig nur nach bestehenden Parteien gefragt. Was ich mich frage: Wie wird in Wahlumfragen mit neuen Bewegungen und Parteien umgegangen. Wird nach Ihnen explizit nachgefragt? Oder werden diese unter “Sonstige” zusammengefasst? Was sind Kriterien, damit eine Partei in eine Wahlumfrage aufgenommen wird oder nicht?

Wolfgang Bachmayer (OGM): Bei der Publikation von Sonntagsfragen als Wahlprognosen im Vorfeld von Wahlen – womit OGM ja sparsam umgeht – agieren wir folgendermaßen: alle im Parlament oder Landtag verteten Parteien werden unter Vorgabe der Listenbezeichnung und des/der Spitzenkandidaten/in abgefragt. Plus allfällige neu kandidierende Parteien, sofern wir einen Rohdatenwert von zumindest 2 Prozent erwarten (wie z.B Stronach in Kärnten und Niederösterreich oder die KP in Graz). Zusätzlich wird die Frage „oder werden Sie eine andere Partei wählen“ gestellt.

Ohne dann weiter nach KP, Neos, Piraten, Christen etc. nachzufragen. Diese werden dann unter „Sonstige“ zusammengefasst.

Christina Matzka (meinungsraum.at): Zuerst muss man unterscheiden, ob die Sonntagsfrage am Telefon gestellt wird (also spontan: wen werden Sie wählen?) oder ob online und die Befragten sehen eine Auflistung von Parteien. Wir haben festgestellt, dass Kleinstparteien, wenn sie aufgelistet sind, von den Befragten zu häufig angeklickt werden – durch die Auflistung bringt man die Befragten erst auf die Idee, diese Partei anzugeben.

Daher sind Kleinstparteien in Umfragen oft überbewertet.

In der Wahlzelle – hier sind sie natürlich auch aufgelistet – überlegt man dann doch genauer, ob man sie auch wirklich wählen will. Normalerweise werden die im Parlament/Landtag vertretenen Parteien aufgelistet (oder wenn sie eine gewissen Bedeutung erwarten lassen, wie das beim Team Stronach vor Erhalt des Klubstatus der Fall war).

Wenn neue Gruppierungen unter „Sonstige“ zusammengefasst werden, können sie absolute Umfragewerte für bspw. Piratenpartei oder NEOS auf Bundesebene herausfiltern? Wo stehen diese Parteien heute und wie bewerten Sie ihre Chancen?

Wolfgang Bachmayer (OGM): Nein, können wir nur bei konkreter Einzelabfrage. Chancen der Piraten: höher als derzeit in Umfragen oder Medien (Piraten in beiden kaum sichtbar), weil ich im Zuge der deutschen Bundestagswahlen viel Overflow an Piraten-Berichten erwarte, womit die Piraten in Österreich zum richtigen Zeitpunkt ein Thema werden.

Christina Matzka (meinungsraum.at): Die Chancen sind im Moment wirklich nicht abzuschätzen, das hängt noch von so vielen Faktoren ab (Medienpräsenz, Wahlkampf, die eine oder andere bekannte Persönlichkeit etc.); aber: in unseren internen Daten wissen wir natürlich, wer wie oft genannt wurde.

Wie gehen Sie bei Ihren Wahlumfragen vor? Bei n=400, wieviele Personen geben tatsächlich Auskunft, wen Sie wählen? Wie läuft das im Hintergrund ab?

Wolfgang Bachmayer (OGM): Die im Bericht angegebene Stichprobe ist immer die Anzahl der erreichten Interviews, nicht die Ausgangsstichprobe, die je nach Situation unterschiedlich recht groß ausfällt (in Kärnten zuletzt extrem geringe Interviewbereitschaft, aber auch andere Faktoren wie Wetter, TV-Programm spielen ein Rolle).

Christina Matzka (meinungsraum.at): Grundsätzlich machen wir auf Länderebene keine Umfrage unter n=500, bei NRW keine unter n=800, meist sogar n=1000. Das Deklarationsniveau ist sehr unterschiedlich und hängt stark von der politischen Stimmung in Österreich ab: wir haben z.B. festgestellt, dass seit der Wehrpflicht-Volksbefragung und den LTW in Ktn und NÖ die „Wahlstimmung“ in Österreich wieder besser geworden ist à das Deklarationsniveau ist gestiegen und liegt derzeit bei rund 70% aller Wahlberechtigten (d.h.: 30% können oder wollen nicht sagen, wen sie wählen werden).

Die „Kunst“ der Sonntagsfragen-Hochschätzung ist es nun, diese 30% Nicht-Deklarierten zuzurechnen – und das erfolgt nicht unbedingt linear, da es von der Deklarationsbereitschaft zu einzelnen Gruppierungen abhängt.

Z.B.: in den 90er-Jahren war die Deklarationsbereitschaft für die FPÖ schlecht, man musste der FPÖ einen höheren Anteil der Nicht-Deklarierten zurechnen, umgekehrt bei den Grünen: die Deklarationsbereitschaft war hoch, viele Leute gaben an, die Grünen zu wählen (und taten es dann doch nicht) – daher wurde den Grünen nur ein kleinerer Anteil der Nicht-Deklarierten zugerechnet. Heute ist das aber anders – und die Kunst des Meinungsforschers ist es, diese Bereitschaften richtig einzuschätzen.

Wie funktioniert eine Wahlumfrage eigentlich: Wie werden die einzelnen Antworten bewertet?

Wolfgang Bachmayer (OGM): So, wie sie kommen. Keine „offenen“ Fragen.

Christina Matzka (meinungsraum.at): Wir wenden eine genaue Quotenstichprobe an mit Quoten auf die wichtigsten demografischen Merkmale.

Nach welchem Schema gehen Sie dabei vor? Und wie wählen Sie die Befraten aus?

Wolfgang Bachmayer (OGM): Es gibt ein klassisches Zufallsauswahlverfahren auf Basis des öffentl. Telefonverzeichnis: Eine telefonische Befragung. Vor allem aber KEINE online-Befragung für eine publizierte Wahlprognose mit Anspruch auf Treffsicherheit, weil bei online die älteren und weniger Gebildeten schlecht erreichbar und trotz Zellengewichtung deutlich unterrepräsentiert sind. Online-Umfragen sind für andere Themen (auch Polit-Themen) geeignet, nicht aber für eine seriöse Wahlprognose. Die Realität ist leider eine andere.

Medien zahlen kaum bis nichts für Umfragen, daher meist nur Lieferung von billigen Online-Umfragen, was in der Regel im Bericht nicht klar ausgewiesen ist.

Zunehmend werden auch wegen der Serie von Landtagswahl-„Prognosen“ mit absolut ungeeigneten Stichproben von 200 Interviews groß veröffentlicht.

Bei Wahlumfragen wird oft von Rohdaten gesprochen. Was sind diese Rohdaten? Was verbindet Rohdaten und die letztliche Wahlprognose: Welcher Prozess steht dahinter und wie werden die Rohdaten aussagekräftig bewertet?

Wolfgang Bachmayer (OGM): Rohdaten sind z.B. die Prozentergebnisse der Parteiangaben bei der Sonntagsfrage, also jener Personen, die eine Partei nennen. Liegt in Summe meist zwischen 60 und 70 Prozent, die restlichen Befragten bezeichnen sich trotz Nachfragen als Unentschlossen, Nicht/Weißwähler oder machen keine Angabe. Die Wahlprognose ergibt sich aus der Hochrechnung der Deklarierten, die auf Summe aller Deklarierten = 100 prozentuiert werden. Dazu kommen aus den Vergleichen von Umfragen und Wahlergebnissen abgeleitete Aufwertungs- und Abwertungskoeffizienten auf Grund unterdurchschnittlicher oder übertriebener Bekennerbereitschaft zu einer Partei (kurz gesagt: Grüne werden meist abgewertet und FPÖ aufgewertet).

Zwischen Wahlergebnissen und Wahlumfragen gibt es oft Unterschiede: Mal treffsicher, mal daneben. Was sind ihre „Learnings“ aus den Wahlumfragen in Kärnten, bei denen die Prognosen für SPÖ und FPK – auch wenn sie innerhalb der großen Schwankungsbreite gelegen sind – daneben gelegen sind?

Wolfgang Bachmayer (OGM): In Kärnten lag OGM 2009 ziemlich exakt (43% BZÖ und 29% SPÖ vorher publiziert), alle anderen Institute publizierten damals Kopf an Kopf oder sogar einen SP-Sieg. Dieses Trauma hat vielleicht die Hochrechnung für die LTW vom 3.März beeinflusst. OGM hat bewusst nicht publiziert, weil die Interviewbereitschaft der frustrierten Kärntner so groß war wie noch nie vorher erlebt. Wie mit einer solchen Stichprobenqualität umgehen? Veröffentlichung besser bleiben lassen und ich bin offen gestanden sehr froh darüber, weil dieses Ergebnis wäre kaum zu erfassen gewesen.
Ansonsten bin ich ziemlich zuversichtlich, dass mit telefonischer Befragung, einer ordentlichen Stichprobe und einem völlig neutral aufgebautem Fragenprogramm (z.B Fragen zu Sozialthemen beeinflussen zugunsten der SP, zu Umwelt/Atomkraft pro Grüne, etc.) recht zutreffende Wahlprognosen machbar sind. OGM hat ja alle bisher publzierten unter www.ogm.at aufgelistet.

Christina Matzka (meinungsraum.at): Gute Frage – die Learning bleiben aber hausintern.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.