Inmitten der Alpen, im Herzen Europas, da liegt das Land Tirol. Seit einiger Zeit besteht es aus drei Teilen – warum? Was soll eine Europaregion ändern?

Es war einmal, vor langer, langer Zeit: Da bestand Tirol aus den drei Teilen Nord-, Süd- und Welschtirol (das Trentino). Während Nord- und Südtirol großteils deutschsprachige Gebiete waren, sprach die Bevölkerung des Trentino italienisch. Trotzdem gehörte ganz Tirol zum Habsburgerreich – bis zum Ersten Weltkrieg. Am Ende des Krieges, als der Waffenstillstand schon fast in Kraft getreten war, besetzten die Italiener quasi ohne österreichische Gegenwehr Südtirol. Im Vertrag von St. Germain wurde als Grenze zwischen Italien und der Republik Deutschösterreich schließlich die Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, die entlang des Alpenhauptkammes und über den Brennerpass verläuft, festgelegt. Das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung von US-Präsident Wilson wurde bei der Grenzziehung ebenso missachtet wie die Tatsache, dass Südtirol zu 89% von Deutschen bewohnt war. (Die zahlreichen „Südtiroler Plätze“ im deutschsprachigen Raum entstanden übrigens aus Solidarität gegenüber den deutschsprachigen Südtirolern.)

Tirol-Suedtirol-Trentino

In der Zwischenkriegszeit litten beide Hälften Tirols unter dem Faschismus bzw. Nationalsozialismus, in Südtirol wurde außerdem eine strenge Italienisierung durchgeführt: Orts-, Flur- und Familiennamen wurden italienisiert, die Verwendung des Namens „Tirol“ verboten. Ziel war das Aussterben der deutschen Sprache in Südtirol. Italiener wurden nach Bozen umgesiedelt, italienische Firmen bei der Errichtung von Niederlassungen in Südtirol großzügig unterstützt. In einem Abkommen zwischen Hitler und Mussolini wurde die „Option für Südtirol“ vereinbart: Die deutschsprachigen Südtiroler konnten entweder ins Deutsche Reich auswandern, oder in Südtirol bleiben und ihre Kultur und Sprache aufgeben. Etwa 85% entschieden sich für die deutsche Option, davon wanderte bis zum Sturz Mussolinis aber nur ein Teil tatsächlich aus.

Schutzmacht Österreich?

Es folgte die Nachkriegszeit, die Gründung der zweiten Republik und mehrere Verträge und Abkommen: das Gruber-Degasperi-Abkommen zwischen dem österreichischen und italienischen Innenminister, eine UN-Resolution, die Verankerung Österreichs als „Schutzmacht“ Südtirols, zwei Autonomiestatute und ein „Südtirol-Paket“. Schlussendlich war der Status Quo erreicht: Südtirol ist eine autonome Provinz. Der Weg dorthin war allerdings steinig und manchmal auch blutig: Es kam zu mehreren Bombenanschlägen durch den BAS (Befreiungsausschuss Südtirol), insgesamt 21 Menschen kamen ums Leben, auch die italienischen Behörden trugen ihren Teil dazu bei. Vor allem durch das Verhandlungsgeschick des damaligen Außenministers Kreisky und die Mobilisierung der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols durch die Südtiroler Volkspartei (SVP) und ihrem Obmann Silvius Magnago konnten Erfolge erzielt werden.

1998 wurde schließlich die Europaregion Tirol, Südtirol & Trentino gegründet, seit einigen Jahren ist sie eine eigenen Rechtspersönlichkeit, betreibt verschiedene Büros und Institutionen und ist seit kurzem auch ein EVTZ – ein „europäischer Verbund zur territorialen Zusammenarbeit“.

Was ist eine Europaregion?

Was ist eigentlich eine Europaregion? Es ist eine grenzüberschreitende Region, in der die Zusammenarbeit verschiedener Länder in Bereichen wie Wirtschaft, Kultur und Sprache zusammenarbeiten. Ein Hintergedanke der EU ist dabei die Stärkung der schwächeren Randregionen in den verschiedenen Mitgliedsländern, wobei dies in der Europaregion Tirol nicht der Fall ist – Westösterreich und Norditalien liegen beispielsweise im europäischen Spitzenfeld, was die Wirtschaft betrifft. Weitere starke Europaregionen gibt es zum Beispiel im deutsch-belgisch-französischen Grenzgebiet, aber auch in anderen Regionen Österreichs, beispielsweise die Europaregion Bodensee oder die Euregio Adria-Alpe-Pannonia.

Die Europaregion ist ein Musterbeispiel, auch aufgrund der gemeinsamen Geschichte der Landesteile, die in der schwierigen Teilung endete. Die Tatsache, dass in der Europaregion drei Sprach- und Kulturgruppen leben (Deutsche, Italiener, Ladiner) trägt ebenfalls zur Herausforderung in dieser Europaregion bei. Auch wenn seit dem EU-Beitritt Österreichs und dem Schengen-Abkommen Grenzkontrollen am Brenner quasi non-existent geworden sind, ist in vielen Köpfen noch die Trennung Tirols verankert. Neben der Europaregion ist euch die gemeinsame Währung ein Weg, diese Trennung zu überwinden.

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Die Landeshauptleute der drei Teile des historischen Tirol führen in regelmäßigen Abständen den Vorsitz beim sogenannten „Dreierlandtag“, der alle 2 Jahre stattfindet. Zwar werden dort viele Beschlüsse gefasst, auf deren Umsetzung warten die Bürger aber oft vergeblich. Apropos Bürger: Die wissen oft gar nicht, dass die Europaregion Tirol überhaupt existiert. Ein Problem, dem man auch mit der Gründung der„Jungen Europaregion Tirol“ entgegenwirken will. Ihr gehören die Jugendorganisationen der jeweiligen Regierungsparteien ÖVP, SVP und PATT an.

Was sagt die Politik?

Was sagt die Politik dazu? In Südtirol gibt es einige Parteien, die sich explizit für eine Loslösung Südtirols von Italien aussprechen: die BürgerUnion (die mithilfe der Europaregion eine Wiedervereinigung Südtirols mit Nordtirol erreichen will), die Freiheitlichen (die einen unabhängigen Freistaat Südtirol fordern) und die Süd-Tiroler Freiheit (die mit einer Volksabstimmung von Italien loskommen wollen). Die Südtiroler Volkspartei setzt sich für die volle Autonomie ein. In Nordtirol & Österreich entfacht stets die FPÖ die Diskussion, Martin Graf fordere kürzlich eine Volksabstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Auch die Idee der Doppelstaatsbürgerschaft für Südtiroler wird immer wieder ins Spiel gebracht. Die ÖVP agiert ähnlich wie die SVP. SPÖ und Grüne sehen die EU & Europa als Lösung für die Teilung Tirols, während die Liste Fritz die fehlenden Kompetenzen der Europaregion kritisiert.

Leider spielt die Europaregion Tirol im immer noch andauernden Südtirol-„Konflikt“ nur eine untergeordnete Rolle. Während die Provinz Südtirol weitgehende Autonomie genießt, sind Teile der Bevölkerung dennoch nicht zufrieden mit der Teilung Tirols. Viele Bürger sind nicht ausreichend über die Europaregion informiert, und ihre Kompetenzen lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Es bleibt zu hoffen, dass die Europäische Union das Potential dieser (nicht nur dieser) Europaregion erkennt und weiter nützt und ausbaut. Die Europaregion Tirol wäre sicherlich eine Möglichkeit, diese Problematik zu lösen und das Europa der Regionen über das Europa der Nationen zu stellen.

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Stefan Hechl

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