Margaret Thatcher ist tot. Besiegerin des Kommunismus, Abschafferin des Sozialstaates, Privatisiererin der Wirtschhaft, eiserne Lady – kaum eine Politikerin des 20. Jahrhunderts war so kontrovers, wurde so hoch gelobt und tief gehasst. Was macht die Faszination Thatcher aus? Was unterscheidet sie von den anderen kontroversen Politikern?

Margaret Thatcher verkörperte ein stereotypes Bild einer Frau aus der englischen oberen Mittelschicht: Chemie-Studium in Oxford (kurioserweise war Thatcher an der Erfindung des Soft-Eises beteiligt), Heirat mit einem wohlhabenden Unternehmer, Studium der Rechtswissenschaften und ein Job als Anwältin für Steuerrecht. Es folgte ein Aufstieg durch die Reihen der Tories, bis Thatcher 1975 an die Parteispitze gewählt wurde und bei der Wahl 1979 schließlich die Labour-Partei besiegte. Die Queen ernannte sie zur ersten Premierministerin des Vereinigten Königreichs. Es folgten zwei weitere erfolgreiche Wahlen und eine sehr kontroverse Zeit als Regierungschefin.

„Defeat? I do not recognise the meaning of the word!“

Was wird in Erinnerung bleiben? Vieles. Margaret Thatchers Außempolitik hat beispielsweise große Spuren hinterlassen. Nach dem Überraschungsangriff Argentiniens auf die britischen Falkland-Inseln 1982 wurde klar, dass eine diplomatische Lösung nicht möglich war – und Thatcher schickte die Marine, mit der sie ihr Leben lang ein besonderes Verhältnis pflegte, zur Rückeroberung des Territoriums in den Südatlantik. 649 argentinische Tote (davon circa die Hälfte auf dem versunkenen Kriegsschiff General Belgrano) später erklärte sie den Krieg für beendet, die Falkland-Inseln blieben erneut in britischer Hand. In weiterer Folge führte der Falkland-Krieg auch zum Sturz der argentinischen Militärjunta.

Diese Diktatur war nicht die einzige, die durch Thatchers Politik zu Fall gebracht wurde: Auch am Ende der Sowjetunion war die „Eiserne Lady“ – diesen von ihr heiß geliebten Spitznamen hatte Radio Moskau erfunden – nicht unbeteiligt. Als wichtigste Partnerin von Ronald Reagan ermöglichte sie neue US-Stützpunkte in Europa und half bei der strategischen Erpressung von Leonid Breshniev. Am Ende von Thatchers dritter Amtszeit war die Sowietunion am Ende, der Kalte Krieg vorbei – der Westen, angeführt von den USA und Großbritannien – hatte gesiegt.

„My job is to stop Britain going red.“

Nicht nur in der Außenpolitik verfolgten Thatcher und Reagan ähnliche Ziele. Die Begriffe “Thatcherismus” und “Reaganomics” sind nach wie vor eng verwandt und weisen in vielen Bereichen Gemeinsamkeiten auf. Margaret Thatcher setzt zur Inflationsbekämpfung auf Monetarismus und Deregulierung, jedoch ohne dabei Steuern wesentlich zu senken (allerdings senkte sie direkte Steuern, während indirekte Steuern hingegen angehoben wurden) oder Staatsausgaben zu erhöhen (wie Reagan es tat). In ihrer zweiten Periode als Premierministerin legte sie ihr Hauptaugenmerk auf die Reduzierung der Staatsquote und des Einflusses von Staat und Gewerkschaften auf die Wirtschaft. Thatcher privatisierte unter anderem die British Telecom, British Petroleum (BP), British Airways sowie die Trinkwasser- und Elektrizitätsversorgung – dadurch konnten über 29 Milliarden Pfund gewonnen werden. Weitere 18 Milliarden Pfund nahm der Staat durch den Verkauf von Gemeindebauten ein. Interessanterweise wehrte sich Thatcher stets gegen die Privatisierung der Eisenbahnen und stimmte diesem Plan erst kurz vor ihrem Rücktritt zu.

1984 folgte der einjährige Streik der britischen Bergarbeiter. Als Reaktion auf die angekündigten Schließungen und Privatisierungen in der Kohlebranche rief die Gewerkschaft zum Streik auf. Thatcher blieb hart, die Rücklagen der Gewerkschaft waren bald aufgebraucht und viele Bergarbeiter mussten sich verschulden. Der Streik wurde schließlich beendet – ein großer Sieg für Thatcher, der die Macht der Gewerkschaften dauerhaft zurückdrängte. Bald wurde auch die Zwangsmitgliedschaft in vielen Gewerkschaften abgeschafft.

„I want my money back!“

Margaret Thatchers Beziehung zur Europäischen Gemeinschaft war stets geprägt von Ablehnung und Misstrauen. Die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EG wurde zwar von Thatcher und ihrer Partei befürwortet, allerdings lehnte Thatcher den europäischen Föderalismus und zentralisierte Entscheidungen in Brüssel ab. Sie wollte die EG lediglich als Garantie für den freien Handel und den freien Wettbewerb etablieren. 1984 handelte sie den bis heute existierenden „Britenrabatt“ aus, der nach wie vor für Diskussionen in der EU sorgt. Auch der deutschen Wiedervereinigung stand sie kritisch gegenüber. 1993, zu dem Zeitpunkt bereits zurückgetreten, erklärte sie, den Maastricht-Vertrag hätte sie niemals unterschreiben können. Auf das Thatcher’sche Credo – „Gemeinsames Europa: ja, aber nur für den Handel“ – berufen sich noch heute viele Tories und euroskeptische Briten.

„There is no such thing as society.“

Die ideologische Einordnung von Thatchers Politik ist schwierig, der Thatcherismus befindet sich irgendwo zwischen Konservativismus, klassischem Liberalismus und Neoliberalismus. Ihre Wirtschaftspolitik war ein integraler Bestandteil der weltweiten neoliberalen Bewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren, Thatcher selbst bezeichnete sich als Begründerin einer libertären Bewegung, auch wenn ihr Libertarismus einer war, der von einem autoritären Staat durchgesetzt wurde. Sie sah sich nicht in der Tradition des „Toryismus“, andere bezeichneten sie eher als klassische Liberale des 19. Jahrhunderts. Eines ist jedoch klar: In gesellschaftlichen und moralischen Fragen vertrat die Eiserne Lady eindeutig konservative Standpunkte. Obwohl Thatcher Jahre zuvor für die Legalisierung von Homosexualität und Abtreibungen gestimmt hatte, führte sie ein Gesetz – Section 28 – ein, welches Gemeinden und öffentlichen Schulen verbot, Homosexualität sowie Homosexualität als Grundlage für eine Familie zu fördern. Thatcher nahm soziale Ungleichheiten hin, und sah den Wohlfahrtsstaat als reines Sicherheitsnetz. Sie begründete ihre Liebe für den Kapitalismus mit Bibelstellen und deutete auch das Schlagwort „Choice“, dass in ihren Reformen oft eine Rolle spielte, als christlich. Patriotismus stand an der Tagesordnung, und trotz des oft frostigen Verhältnisses zwischen Thatcher und der Queen war die Premierministerin eine Verfechterin der Monarchie.

„The lady’s not for turning.“

1990 regte sich Widerstand gegen die von Margaret Thatcher eingeführte Kopfsteuer zur Finanzierung von Verwaltung auf Gemeindeebene, es kam sogar zu teils gewalttätigen Demonstrationen. Viele Tories erkannten einerseits, dass diese unbeliebte Steuer der Labour-Partei in die Finger spielen würde, andererseits, dass Thatcher die Steuer keinesfalls zurücknehmen würde. Auch ihr umstrittenes Nein zu einer gemeinsamen europäischen Währungspolitik war einer der Gründe, weshalb sie als Parteiführerin der Tories von Michael Heseltine herausgefordert wurde. Sie erreichte in der internen Abstimmung zwar eine Mehrheit, jedoch nicht die notwendige Anzahl an Stimmen, um sie als Parteiführerin zu bestätigen. Einige Tage später trat Margaret Thatcher von der Spitze der Konservativen Partei zurück und gab das Amt des Premierministers ab, beide Positionen gingen an John Major.

Überraschenderweise gewannen die Tories 1992 erneut die Unterhauswahlen, erst 1997 konnte Tony Blair seine Labor-Partei an die Macht führen, nachdem er sie ideologisch umgebaut hatte – unter dem Schlagwort „New Labor“ wurden viele ursprünglich thatcheristischen Ideen vertreten. Dies ist nur einer von vielen Gründen für die anhaltende Präsenz von Margaret Thatcher und ihrer Politik in Großbritannien, Europa und der Welt. Alles über Thatcher zu sagen, was gesagt werden muss, würde jeden Rahmen sprengen. Die Tage nach ihrem Tod haben gezeigt, wie kontrovers Thatcher war und bleibt – doch unumstritten ist, dass Margaret Thatcher eine der größten politischen Akteure des 20. Jahrhunderts war.

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Stefan Hechl

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