Eine Partei, welche sich tagtäglich auf Werte beruft, scheint der mächtigste Gegner der Gleichstellung für homosexuelle Paare in Österreich zu sein. Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Homochristlichsozialens

wortschwallDie Hüterin unserer Werte, die Österreichische Volkspartei, steckt in einem Dilemma. Einerseits möchte man die Werte der Familie aufrecht erhalten und andererseits steht man doch für Gerechtigkeit und Toleranz ein. Und irgendwie – so scheint es – erkennen sie nun selbst, dass beides nicht geht und praktizieren diese Zweigleisigkeit auch in Interviews. So wie der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer, neben Erwin Pröll einer mächtigsten Männer der Partei im Interview mit derStandard. Da spricht er davon, dass er dafür sei „Ich bin dafür, dass man niemanden ausgegrenzt und der freien Entscheidung Respekt entgegengebracht wird.“ und stellt sogleich klar, dass er „eindringlich vor Gleichstellung [warne]. Denn da wird das Grundbild abgewertet, das man anzustreben hat. Toleranz heißt nicht Gleichstellung.“ Um das noch einmal auf den Punkt zu bringen: Wir respektieren, dass sich jemand entschließt, homosexuell zu werden, wir – die ÖVP – wollen aber lieber Mutter-Vater-Kind. Wer hier gleich von Verallgemeinerung spricht, von dem Schließen von Pühringer auf die Gesamt-ÖVP, dem sei gesagt: diese hat bereits verkündet, dass sie hinter Pühringers Aussagen steht.

All das ist zum Verrücktwerden: Glaubt Josef Pühringer wirklich, dass man sich „entschließt“ homosexuell zu werden? Und auch, wenn das „traditionelle Familienbild“ für die ÖVP so wichtig ist: Welche Angst haben sie? Dass es durch eine Gleichstellung plötzlich zum Trend wird, homosexuell zu werden? Dass heterosexuelle Liebe in den kommenden zwanzig Jahren ausstirbt und in weiteren 150 Jahren ganz Österreich? Und kennt man die Zahlen, welche das Mutter-Vater-Kind-Familienbild mit sich bringt? Von den 1,45 Millionen Familien mit Kindern in Österreich zählt man 287.000 Alleinerziehende. Die Scheidungsrate liegt bei 43 Prozent, 19.451 Kinder stammen aus geschiedenen Ehen. So erfolgreich ist das Familienbild also auch nicht. Doch was würde sich mit einer Gleichstellung ändern?

Homosexuelle Paare würden nicht mehr als „eingetragene Partner“ das Standesamt verlassen, sondern als Ehepaar. (ÖVP: Angst! Das ist doch die Institution Ehe! Die ist doch für Mann und Frau! Antwort: Ja, vielleicht ist das in der Kirche so. Der Staat sollte hingegen so offen und gerecht sein, diese staatliche Institution Ehe zu öffnen.) Homosexuelle Paare könnten Kinder adoptieren. (ÖVP: Angst! Werden diese Kinder [bzw. entscheiden sich diese Kinder] ebenso wieder homosexuell [zu werden]? Antwort: Nein, diese „Gefahr“ ist nicht höher oder niedriger als bei Kindern aus heterosexuellen Beziehungen. Die einzige Gefahr besteht, hier weltoffene Menschen heranwachsen zu sehen, die mit den ewiggestrigen Ansichten der Volkspartei nichts mehr zu tun haben wollen.) Wo es noch Gleichstellung benötigt? Laut dem Rechtskomitee Lambda zählt man 55 Unterschiede. Die ÖVP reagiert erst, wenn sich wirklich einmal jemand traut, sein Recht vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einzuklagen. Ist das wirklich nötig?

SpindeleggerStandesamt
Achtung: Jeglichen Kontakt mit homosexuellen Paaren vermeiden!

Und während auf Facebook gerade ein Zitat von Michael Spindelegger aus dem Jahre 2008 aufgetaucht ist, fragt man sich, was eigentlich noch passieren muss, damit sich homosexuelle Menschen in Österreich endlich nicht mehr wie Menschen zweiter Klasse fühlen müssen.

Lange sollte sich die ÖVP nicht mehr hinter ihrem „Schutzschild“ Werte verstecken können. Österreich würde es endlich einmal in die gesellschaftliche Gegenwart katapultieren. Und was würde sich dann für heterosexuelle Paare ändern? Ganz ehrlich: Nichts. Heute, um 16.30 Uhr, findet vor der ÖVP-Zentrale (in der Lichtenfeldgasse), eine Demo namens „Erstklassige Rechte für erstklassige Eltern“ statt. Vielleicht bist ja auch du dabei.

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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