In einer „patriotischen Rede“ zeigt Navid Kermani auf, welche Folgen übertriebener Patriotismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit haben kann. Und erklärt, dass die großen deutschen Künstler in Wahrheit Deutschlands größte Kritiker waren.

NavidKermaniNavid Kermani, geboren 1967, lebt als Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Für sein akademisches und literarisches Werk ist er vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Hannah-Arendt-Preis 2011 und dem Kölner Kulturpreis 2012. Im Oktober 2012 erhielt er den Cicero-Redner-Preis. Aufsehen erregte 2011 sein monumentaler Roman Dein Name.

Website: navidkermani.de

Seine Rede stammt vom 22. Jänner 2012, als Kermani sie  im Thalia-Theater in Hamburg hielt, die Rede im Deutschlandfunk übertragen und Tags darauf auch in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt wurde. Und beschäftigt sich von Anfang bis zum Ende mit den Taten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, jener Gruppierung, die mehr als zehn Jahre Anschläge und Morde in ganz Deutschland zu verantworten haben. Erst der Freitod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hat die Mordserie beendet, während die Polizei, die Medien, der Verfassungsschutz uns die Politik kläglich versagten. Die offenbar unscheinbar wirkenden Personen habe im Namen Deutschlands gemordet, sahen sich als große Patrioten, als Befreier der Nation. Ähnlich wie Mohammed Atta, jener der Hamburger Terrorzelle, welcher eines der Flugzeuge am 11. September in einen der WTC-Türme flog.

Es ist ebenso leicht wie unverfänglich, junge Männer wie Mohammed Atta oder Uwe Mundlos als Bestien, als Irre, als Killer-Nazis zu bezeichnen, wie es in der Berichterstattung etwa der Bild_Zeitung auch deshalb ständig geschieht, um die Täter möglichst weit von der Gesellschaft, vor allem aber von der Hetze der eigenen Meinungsartikel und Kampagnen fortzurücken, sie als pathologische Fälle abzutun.

Der Autor versucht in seinem dünnen Büchlein die Taten der „Zwickauer Terrorzelle“ zu untersuchen: wer waren diese Menschen, die durch Deutschland reisten, Morde verübten, vom Verfassungsschutz offenbar zwar überwacht aber nicht daran gehindert wurden? Was sagt es über Medien aus, welche aus der Mordserie die sogenannten „Döner-Morde“ machten? Somit die Morde zu einem Einzelproblem, zu einer Volksgruppenthematik verkommen zu lassen? Was muss in einem Menschen vorgehen, um beim Kampf „für Deutschland“ über Leichen zu gehen?

Immer und immer wieder zitiert Kermani ein Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing: Philotas. („Nicht sehr bekannt und selten aufgeführt, in dem sich ein junger Mann fürs Vaterland aufopfert.“) Lessing, so Kermani, war einer der ersten Menschen, der sich als Kosmopolit sah, und er war auch einer jener großen Meister der deutschen Sprache, die mit Kritik an Deutschland nicht haderten. Jene, die heute als „große Deutsche“ gefeiert werden, waren früher jene, die Deutschland als großes Übel sahen. Im 20. Jahrhundert dachten die größten Denker Deutschlands sogar darüber nach, ob eine Vernichtung der Nation nicht das Klügste wäre. Jene Nation, die Thilo Sarrazin dem Untergang geweiht sieht.

Thilo Sarrazin, die Bertelsmann AG (der Verlag, welcher „Deutschland schafft sich ab“ herausbrachte), die Axel-Springer-AG (welche Sarrazins Thesen auf die Titelseiten brachte) – sie alle haben keine Schuld an den Morden der rechtsextremen Terroristen. Was sie hingegen ermöglicht haben, ist eine Radikalisierung, einen krankhaften Patriotismus, einen patriotischen Enthusiasmus der deutschen Gesellschaft zu fördern, das Fremde (z.B. Sozial Schwache, Ausländer, Moslems, Griechen, etc.) immer weiter aus dieser Gesellschaft, aus dem Gedanken einer Gemeinschaft auszuschließen. Auch wenn man sie nicht für die Morde verantwortlich machen kann, so haben sie doch eine Entwicklung gefördert, welche ein Spaltung Deutschlands, eine Spaltung der gesamten Gesellschaft nach sich zieht bzw. ziehen könnte.

Man kann beinah beliebig jene Bestseller der letzten Jahre zum Thema Europa, jede Talkshow zum Thema Migration, jede Schlagzeile der Bild-Zeitung zum Thema Hartz IV nehmen, fundiert oder niveaulos, wohlmeinend oder reißerisch, es geht nicht um das Urteil, es geht um die Struktur des Diskurses: Das Wir, das darin auftritt ist stets das Bedrohte.

Navid Kermani beschäftigt sich in seiner Rede mit interessanten Themen: Wer waren die Terroristen? Wie wurden sie, was sie waren? Was zeigt die Literaturgeschichte? Was machten die Medien? Auch wenn das Buch als ullstein Streitschrift nur 48 Seiten Umfang hat (die Rede dann trotz allem noch um ein paar Seiten kürzer ist), schafft er einen raschen, spannenden und eindrucksvollen Überblick über die Sinnhaftigkeit, Irrsinnigkeit und (auch die) Notwendigkeit des Patriotismus. In einer Welt, in der man sich als Weltbürger sehen kann.

VergesstDeutschlandCoverNavid Kermani

Vergesst Deutschland!
Eine patriotische Rede 

48 Seiten
Ullstein Verlag
ISBN: 978-3-5500-8021-0

Preis: [amazon_link id=“3550080212″ target=“_blank“ ]4,20[/amazon_link](Taschenbuch) und [amazon_link id=“B00902KMT8″ target=“_blank“ ]3,99[/amazon_link] (Kindle-Edition) (Partnerlinks)

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