Mit Zehn Thesen gegen den Hass will Jürgen Todenhöfer zu mehr Respekt und Gerechtigkeit gegenüber dem Islam aufrufen. Und verläuft sich zum Teil in ähnlichen Stereotypisierungen, die er in seinem Buch zu kritisieren versucht.

Jürgen TodenhöferJürgen Todenhöfer (* 12. November1940 in Offenburg) ist ein Autor und Publizist. Der promovierte Jurist war von 1972 bis 1990 Bundestagsabgeordneter der CDU und danach bis 2008 Vorstandsmitglied des Burda-Medienkonzerns. In den 1980er Jahren zählte Todenhöfer zur so genannten „Stahlhelmfraktion“ des rechten Flügelsder CDU. Er war einer der bekanntesten deutschen Unterstützer der von den USA gefördertenMudschahidin und deren Guerillakrieg gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans. Mehrfach reiste er in Kampfzonen zu afghanischen Mudschahidingruppen. Ab etwa 2001 profilierte sich Todenhöfer als Kritiker der US-amerikanischenInterventionen in Afghanistan und dem Irak, über die er mehrere Bücher schrieb. Diese Kriegsgebiete bereiste er ebenso wie die des arabischen Frühlings. 1

Weitere Werke: u.a. Warum tötest du, Zaid (2008), Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror (2003)

Todenhöfer versucht auf rund 60 Seiten mit vielen Vorurteilen aufzuräumen: Er erklärt, dass der internationale Terrorismus in Wahrheit bereits am Boden war, und erst durch die großen „Anti-Terrorkriege“ wieder einen Aufschwung erlebte. Und außerdem, so These 3: „Terrorismus ist kein typisch muslimisches, sondern ein weltweites Problem.“ Laut Europol gab es 2010 in den Ländern der EU 249 Terroranschläge, 3 davon gingen auf „islamistische“ Attentäter zurück. Auch 2009 gab es 294 Anschläge, 1 davon mit „islamistischen Hintergrund.“. Da das Buch 2011 erschienen ist, fehlen die Zahlen für ebendieses Jahr, die wir hier gerne nachreichen: Im Jahr 2011 zählte man 174 Terroranschläge, 0 (in Worten: null) mit „islamistischen Hintergrund“. 2

Was ist der Grund für diese fast schon grotesk falsche Darstellung des internationalen Terrorismus? Braucht der Westen derartige Übertreibungen und Verzerrungen zur Begründung seiner aggressiven Machtpolitik im Mittleren Osten […]

Im Weiteren geht der Autor auf die Rolle des Westens im Zeitalter der Kolonialisierung ein: diese Versuche, „westliche Werte“ zu vermitteln habe viel mehr Opfer gefordert als jeglicher „muslimischer Terrorismus“. Und versucht mittels These 4 zu erklären, warum sowohl „islamisch getarnte Terroristen“, als auch „christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege“ als Mörder zu bezeichnen sind. Die Rolle der USA und „des Westens“ unterscheide sich nur wenig von der brutal-imperalistischen Welt vergangener Zeit. Jegliche „Befreiung“ mit dem Tod unzähliger Zivilisten (sogenanntem „Kollateralschaden“) zu rechtfertigen, scheint rein zur Besänftigung des eigenen Gewissens zu dienen – einem Zuspruch der „zu befreienden“ Bevölkerung sichere man sich damit nicht.

Sarrazins Thesen zur Deutschlands Abschaffung vergleicht Todenhöfer mit „dunklen Zeiten der deutschen Vergangenheit“. Und es überrascht wenig, dass eine Erklärung von Dr. Wilhelm Frick (deutscher Reichsminister des Innern) erklärt, dass die Minderwertigkeit der Unterschichten zum Untergang Deutschlands führe, und Sarrazin ähnliche resümierte, dass „die Minderwertigkeit der (muslimischen) Unterschichten“ ebenso zu Deutschlands Untergang führe. Der Islam habe sich zum neuen Feindbild entwickelt; eine ausgewogene Diskussion darüber ist heutzutage kaum mehr möglich.

Staatskunst statt Kriegskunst, wachsames, geduldiges und zähes Verhandeln – das ist wie im Ost-West-Konflikt die richtige Strategie gegenüber der muslimischen Welt. Nur in einer gerechten Weltordnung finden Terroristen aller Richtungen keinen Nährboden

Was Todenhöfers Plädoyer für mehr Respekt und weniger Hass in Bezug auf den Islam etwas platt wirken lässt, ist ein Fehler, vor dem er immer warnt. Stereotypisierung, die zu diesem „Feindbild Islam“ geführt haben, vollzieht auch er, in dem er stets verallgemeinernd vom Westen schreibt. Der Westen, der diese Menschenrechtsverletzungen zum eigenen Vorteil in Kauf nimmt; der immer noch darauf bedacht ist, seine „westlichen Werte“ zu säen. Das lässt den Westen (der ja mit USA und EU eine riesige, mehrsprachige, inhomogene Masse darstellt) als die großen Barbaren dastehen. Und damit der gesamte Westen, also auch jene, die schon in den Nullerjahren gegen den Kreuzzug W. Bushs mobil machten, den Einzug der Nato in Libyen verurteilten usw.

In vielen Punkten muss man Jürgen Todenhöfer natürlich rechtgeben: Vieles, was man dem Islam vorwirft, beruht auf Unwissenheit. Vieles, was man als religiösen Wahn bezeichnet, bezieht sich in Wahrheit auf die dortige radikale Politik. Doch so gemäßigt der Islam in vielen Bereichen ist, so gemäßigt ist auch ein nicht geringer Teil des Westens.

Cover-FeindbildIslamJürgen Todenhöfer

Feindbild Islam
Zehn Thesen gegen den Hass

63 Seiten
Verlag C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10135-3

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Quellen und Fußnoten:

  1. Beitrag zu Jürgen Todenhöfer auf Wikipedia, Abrufdatum: 11. Februar 2013
  2. Europol (2012): TE-SAT 2012 – EU Terrorism Situation and Trend Report, Seite 8 und 15, Link zum Dokument