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„Frauen der westlichen Welt haben alles erreicht: Gleichberechtigung und Chancengleicheit sind in nahezu jedem Lebensbereich umgesetzt – doch das ist offensichtlich nicht genug.“ heißt es zu Beginn des Klapptext von Christine Bauer-Jelineks „Der Falsche Feind. Schuld sind nicht die Männer“. Und tatsächlich ist das Buch in dieser Tonart verfasst. Starker Tobak. Doch der Titel weist auf einen oft übersehen Aspekt des Buchs hin – den richtigen Feind.

Christine Bauer-JelinekChristine Bauer-Jelinek, Jhg. 1952, ist Pädagogin und Psychotherapeutin, seit 1987 selbstständige Unternehmerin im Bereich Managementtraining und Coaching ua. für internationale Konzerne, Medienunternehmen, Startups und Familienbetriebe, NGOs, Frauennetzwerke, Universitäten und Fachhochschulen. Seit Oktober 2010 ist sie Geschäftsführerin von cbj Coaching. Sie hat zwei erwachsene Söhne, lebt und arbeitet in Wien.

„Denn wenn Frauen und Männer sich nicht wieder zusammenschließen, um gemeinsam für ihre politischen Ziele zu kämpfen, ist es fraglich, ob wir die kommenden Zerreißproben überstehen können.“ Dieses Fazit zieht Bauer-Jelinek nachdem sie auf knapp 160 Seiten ihre Kritik am von ihr sogenannten „Allmachtsfeminismus“ dargelegt hat. Damit meint sie die dritte Welle der Frauenbewegung und fasst explizit widersprüchliche Strömungen wie Gleichheits– und Differenzfeminismus zusammen. Es scheint damit einfach jede mögliche Form von heute existierendem Feminismus gemeint zu sein. Das ist der Gegenstand ihrer Kritik.

Der falsche Feind. Schuld sind nicht die MännerBauer-Jelinek geht davon aus, dass „nicht das Geschlecht […] über das Verhalten der Individuen [bestimmt], sondern die Ziele und Werte einer Gesellschaft[…]“. Dem gegenüber steht der „Allmachtsfeminismus“ der Frauen als das „bessere Geschlecht“ sehe und zum Kampf gegen die Männer, die an allem schuld seien, aufrufe. Das kritisiert sie scharf. Bei Bauer-Jelinek macht der „Allmachtsfeminismus“ die Frauen zu Täterinnen die sich alles nehmen, und die Männer zu Opfern die sich alles gefallen lassen. Dass sie damit einfach die simple, von ihr dem „Allmachtsfeminismus“ zugeschriebene Propaganda spiegelt, scheint ihr nicht aufgefallen zu sein.

Überhaupt ist es manchmal alles sehr einfach, denn wie sonst könnte man, wie Christine Bauer-Jelinek es immer wieder macht, von „Männern“ und „Frauen“ als homogene Gesamtgruppe sprechen? Aber vielleicht liegt das einfach an einer bewussten Simplifizierung. Das Buch steigt nämlich, ich nehme an bewusst, nicht in einen wissenschaftlichen Diskurs ein. Mehr noch, es nimmt diesen gar nicht zur Kenntnis. Es wird über massenmediale und politische Diskurse gesprochen.

Gender Pay Gap
Und da hat Bauer-Jelinek durchaus interessante Punkte. Etwa dass es bei Diskussionen um den sogenannten „Gender Pay Gap“ nicht um gleichen Lohn für gleiche Arbeit geht. Ob es sich um gleiche Arbeit handelt, wird von den Lohnstatistiken nämlich überhaupt nicht erfasst, denn Faktoren wie „gleiche Ausbildung, gleiche Zusatzqualifikationen, gleiche Vordienstzeiten, gleiche Verfügbarkeit, gleiches Alter, gleiche Branche, gleiche Firmengröße, gleiche Arbeitszeit und gleicher Aufgabenbereich“ werden nicht berücksichtigt, wenn Berufe mit gleicher Bezeichnung verglichen werden. Meist werden aber überhaupt nur große Gruppierungen wie „Einzelhandel“ ausgewertet.

Auch kulturelle Phänomene, wie, dass Männer in der Werbung immer mehr „die Rolle des Dümmlings spielen“ oder dass Bücher wie „Shades of Grey“ massiver Sexismuskritik ausgesetzt wären, wenn sie von einem Mann kämen, spricht Bauer-Jelinek an, ohne sie allerdings weiter zu analysieren oder valide Erklärungen, die über „Allmachtsfeminismus“ hinausgehen anbieten zu können.

Der „Allmachtsfeminismus“
Wie erwähnt fasst Bauer-Jelinek unter „Allmachtsfeminismus“ teils widersprüchliche Strömungen zusammen. Das ist ihr bewusst, und sie verwendet den Begriff in Ermangelung eines besseren. Denn das was sie so nennt, habe bisher offiziell keinen Namen erhalten. Doch diese Ideologie dominiere den Diskurs zur Geschlechterfrage. Sie sei eine mächtige, fundamentalistische Doktrin, die jegliches Weiterdenken und offene Debatten verhindere. Wie der „Allmachtsfeminismus“ das macht? Laut Bauer-Jelinek bediene er sich dreier Hauptthemen, die bei Bedarf eingesetzt würden:

„Erstens, Halbe-Halbe ist Pflicht […]“

„Zweitens, die Männer sind schuld […]“

„Drittens, Frauen müssen die Welt retten […]“

Was in den vorangegangen Absätzen auffällt – dem „Allmachtsfeminismus“ wird fast schon ein Bewußtsein, jedenfalls die Fähigkeit Handlungen zu setzten, zugeschrieben. Eine Ideologie ohne Gesicht die nach der totalen Kontrolle greift. Das klingt gruselig, aber auch nebulös und eigentlich inhaltsleer. Dass das Ziel der Kritik im Buch nie wirklich klar definiert oder zumindest abgegrenzt wird, ist eine große Schwäche.

Der richtige Feind
„Die Männer“ sind also der falsche Feind. Wer ist dann der richtige Feind der Frauen/FeministInnen? Derselbe wie der Männer – der finanzgetriebene Neoliberalismus. Und das scheint so falsch nicht zu sein. Bei der Forderung, Frauen und Männer sollen grundsätzlich Vollzeit arbeiten, können sich FeministInnen aus der ArbeiterInnenbewegung und ein gefräßiger Kapitalismus der ständig neue Arbeitskräfte und KonsumentInnen braucht die Hand schütteln. Und dass „divide et impera“ neoliberale Strategie ist um Menschen in Gruppen zu beschäftigen und gesellschaftliche Solidarität zu verhindern (z.B. Alte vs. Junge in Fragen der Pension, ein völlig willkürlich geschaffener Konflikt) ist nicht neu. Diesen wichtigen Punkt führt Christine Bauer-Jelinik aber leider nicht über ihr eingangs zitiertes Fazit hinaus aus. Eine ausführlichere Beschäftigung mit dem richtigen Feind hätte dem Buch aber sicher gut getan.

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Der falsche Feind BuchcoverBauer-Jelinek, Christine
Der falsche Feind
Schuld sind nicht die Männer
ecowin Verlag, 176 Seiten
Format 15 x 21,5 gebunden mit Schutzumschlag
Preis EUR 19,95 (A/D), CHF 28,50
Preis (e-pub) EUR 12,99 (A/D), CHF 21,00
ISBN 978-3-7110-0029-3
ISBN (e-pub) 978-3-7110-5082-3

Bilder: ecowin Verlag

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.