Mit feiner Klinge, aber deutlichen Worten machte Anthony Atkinson beim Stadtgespräch von Falter und Arbeiterkammer klar, was er von der Austeritätspolitik vieler EU-Staaten hält: Wenig bis nichts. Für den 18-fachen Ehrendoktor wiederholen sich beim Sparen an Sozialleistungen, Bildung und Pensionen die Fehler der 1920er-Jahre, die zum großen Crash 1929 geführt haben.

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Klare Worte findet der Ökonom, der neben verschiedenen Regierungen auch die Europäische Union berät, für den Ausweg aus der Krise: „Steuern sind der Preis, den wir für Zivilisation zahlen. Viele Politiker haben versucht, uns einzureden, es ginge auch ohne Steuern.“ Das berühmte Zitat von Oliver Wendell Holmes prangt über dem Eingang der amerikanischen Steuerbehörde. Atkinson sieht nur einen nachhaltigen Ausweg aus der Krise: Die (zumindest europaweite) Koordination von Steuersystem und Sozialleistungen. „Das ist nicht neu, die Idee galt 1975 als Grundvoraussetzung einer gemeinsamen Währung“.

Wie sehr ihn Ungleichheit menschlich in der Seele schmerzt, machte Atkinson durch zahlreiche Beispiele für völlig überzogene Spitzengehälter klar, die bis zum 400-fachen „normaler“ Löhne reichen. Diese extreme Verzerrung sei erst wieder ab den 80er oder 90er-Jahren aufgetreten, während zwischen 1929 und 1980 ausgleichende Tendenzen vorherrschten. In den letzten Jahren nehme des Ungleichgewicht dermaßen extrem zu, dass auch die reichsten 10 Prozent im Vergleich zum reichsten Prozent „wenig“ besitzen.

In einer virtuellen Parade mit je nach Reichtum in der Größe verzerrten Teilnehmern, wie der niederländische Ökonom Jan Pen sie schon 1971 skizzierte (beschrieben etwa hier im „Atlantic Magazine“), wären die Ärmsten ein paar Zentimeter hoch, erst gegen Ende der Parade würden Menschen auf Augenhöhe dazukommen, wer zum Schluss ein paar mal blinzelt, versäumt nach hunderten Meter großen Bankern jene Stars, von denen man nur noch die Schuhe sehen kann.

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Allzu düster will der etwas zurückhaltende Professor das Bild aber nicht zeichnen: „Die wachsende Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Wir können dagegen etwas tun, wenn wir wollen.“ Auch global sieht er ausgleichende Tendenzen, die er mit höheren Wachstumsraten in aufstrebenden Ländern belegt. Atkinson glaubt – auch hier ist er weit vom Mainstream rechter Ökonomen entfernt – auch an ein Comeback der Sozialpartnerschaft, die neben Mindestlöhnen auch Maximallöhne vereinbaren kann.

An der Einhebung globaler, vereinfachter Steuern via „World Tax Organisation – hoppla, die Abkürzung ist vergeben, wie wär’s mit ‚World Fiscal Organisation‘?“ führt für ihn langfristig kein Weg vorbei. Zuversichtlich stimmen Atkinson weiters die ungewohnten Worte Christine Lagardes, die als erste Währungsfonds-Chefin jemals als eines der Top-Ziele die Reduktion von Ungleichheit und ein „anderes“ (gemeint ist nachhaltiges, gerechtes) Wachstum formulierte (wie etwa auf der englischen IMF-Homepage nachzulesen ist).

Von Glück lässt er sich nicht blenden: So wichtig das persönliche Wohlbefinden auch sein, die Aufgabe von Staaten und Organisationen der EU könne nur das Herbeiführen von mehr pekuniärer Gerechtigkeit sein, meint Atkinson. Dies sei erstens Messbar und auch die Grundlage für ein besseres Dasein. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch Wilkinson-Picketts „Gleichheit ist Glück“, das (nicht nur hier bei neuwal) recht positiv rezensiert wurde – in erster Linie für die unwissenschaftliche Methode.

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Warum Atkinson weniger Menschen bekannt ist als etwa Corrado Gini (der neben dem Gini-Koeffizienten zur Messung der Ungleichverteilung von Einkommen auch die „Theorie des Faschismus“ schrieb) liegt vor allem daran, dass er auf komplexere, dafür stichhaltige und korrekte Berechnungsmodelle Wert legt und seine Erkenntnisse nicht populärwissenschaftlich aufbereitet – und aufbereiten will, wie er charmant, aber dezidiert sowohl Moderatorin Rosa Lyon, als auch dem Publikum erklärte.

Schade – aber Diskussionen wie diese sind definitiv ein Schritt in die richtige Richtung!

Der britische Ökonom Sir Anthony Barnes Atkinson (* 1944) gilt als Experte für soziale Ungleichheit, für deren Messung er einen nach ihm benannten Index geschaffen hat. Armutsstudien bewogen ihn zum Studium der Wirtschaftswissenschaften. Seine Bekanntheit nutzt der 18-fache Ehrendoktor seit Jahrzehnten für den Kampf um mehr Gerechtigkeit und faire Steuersysteme.

Wer mit dem Atikinson-Index arbeiten möchte, findet hier eine exzellente Anleitung von EASYpol, sich an Experten und Organisationen richtet. Weitere Informationen zu unterschiedlichen Möglichkeiten zur Messung von Ungleichheit findet man u.a. im „Journal of Epidemiology and Community Health“. Ein extrem spannender, aktueller Artikel von Lisa Margonelli findet sich im Asia Pacific Magazine. Danke an User „VV“ für die Hintergrund-Infos.

Die Wiener Stadtgespräche – eine Kooperation der Arbeiterkammer Wien mit der Stadtzeitung Falter – zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen finden im Bildungszentrum der Arbeiterkammer statt. Videoaufzeichnungen sind auf DVD in der AK Bibliothek erhältlich. Das Gespräch mit Sir Anthony Atkinson ist am Samstag, 23.02.2013 um 20 Uhr auf Okto TV zu sehen.

  • vv

    Schade – aber solange Artike wie diese mit „Ein britischer Sir“ anfangen, wird sich auch nichts ändern.

  • Stefan Egger

    Liebe(r) VV, falls das dein einziger inhaltlicher Kritikpunkt zum Artikel ist, finde ich ihn etwas mager… ein launiger Einstieg hat einem trockenen Thema in meiner journalistischen Erfahrung noch nie geschadet, inhaltlich geht es danach ja wohl ziemlich zur Sache. Nicht? =) Kann man aber auch anders sehen, Geschmäcker sind verschieden.

  • vv

    Lieber Stefan,

    danke fürs Schreiben.
    Ja, vielleicht geht es wohl ziemlich zur Sache, sah das Video noch nicht.

    Eventuell interessanter Link bzgl. Gini & Hintergrund

    http://www.psmag.com/magazines/january-february-2013/gini-coefficient-index-poverty-wealth-income-equality-51413/

    bzgl.

    „Warum Atkinson weniger Menschen bekannt ist als etwa Corrado Gini (der neben dem Gini-Koeffizienten zur Messung der Ungleichverteilung von Einkommen auch die “Theorie des Faschismus” schrieb) liegt vor allem daran, dass er auf komplexere, dafür stichhaltige und korrekte Berechnungsmodelle Wert legt und seine Erkenntnisse nicht populärwissenschaftlich aufbereitet – und aufbereiten will, wie er charmant, aber dezidiert sowohl Moderatorin Rosa Lyon, als auch dem Publikum erklärte.“

    Könnte z.B. auch charmant verlinkt/erklärt werden, um das Warum weniger zu machen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Atkinson-Ma%C3%9F

    kurze Beschreibung & Vergleich Income inequality measures
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2652960/

    Welfare Based Measures of Inequality – The Atkinson Index
    http://www.fao.org/docs/up/easypol/451/welfare_measures_inequa_atkinson_050en.pdf

    A measure of income inequality. Define the equally distributed equivalent income, MEDE, as the level of income that if given to all households generates the same level of social welfare as the current income distribution. If the marginal utility of income falls with income then MEDE is less than the mean level of income, μ, whenever there is income inequality. The Atkinson index, A, is then defined by . A higher value of A represents greater inequality.

    und das Schade bezog sich auf Anfang & Schluss:

    „Ein britischer Sir war beim Stadtgespräch von Falter und Arbeiterkammer zu Gast.“ als Einleitung über Ungleichheit… , ja vielleicht „launiger“ Humor.

    Und weil wir schon beim Thema Humor sind:

    „Die (zumindest europaweite) Koordination von Steuersystem und Sozialleistungen.“ nette Idee – viel Spass mit den Briten, Iren, …

    Maximallöhne – gratuliere zum Optimismus …
    btw. ist grad running joke bei WEForum in Davos
    RT @hblodget: Oh, it’s top of the agenda! RT @TheStalwart: Maybe someone at Davos has proposed a maximum wage.” Really scary!

  • Stefan Egger

    Vielen Dank fuer die zahlreichen Inputs – werde ich heute Abend einbauen. Ja, Atkinson hat einleitend (und auch mehrfach im Vortrag) gesagt, dass seine Vorschlaege als Brite natuerlich nochmal ein gutes Stueck unrealistischer sind. Eine europaweite Waehrung wurde – wie unzaehlige andere Dinge auch – jahrzehntelang fuer unmoeglich erklaert und formt sich langsam zu einem (hoffentlich) funktionierenden Modell. Finde es trotzdem gut, dass es auch Oekonomen gibt, die „out of the box“ denken, ihre Theorien unabhaengig vom Zeitgeist vorantreiben, weiter denken als einige Jahre – und sich nicht in einen herablassenden Zynismus, wie er etwa in Davos herrscht, fluechten. Das ist naemlich einfach…

  • Stefan Egger

    …bin noch am Lesen… interessante Links! Einleitung habe ich jetzt sogar gestrafft, der Schluss gefaellt mir allerdings so 😉