Wer dachte, die Volksbefragung über Wehrpflicht oder Berufsheer könnte an Skurrilität nicht mehr gewinnen, hat sich gewaltig getäuscht. Man muss sich schon ganz fest zwicken, um sicherzustellen, dass man diese Geschichte nicht träumt. Ein Kommentar von Stefan Egger.

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Nachdem ein dahinbröckelnder roter Bürgermeister auf der verzweifelten Suche nach einem Wahlkampfthema die Volksabstimmung über ein Berufsheer fordert, wittert sein kongenialer Konkurrent im Nachbar-Bundesland seine Chance.

Um die Kuh zum Fliegen zu bringen, müssen beide nun ihre Parteien um 180 Grad drehen. Fließt die „in Stein gemeißelte“ Wehrpflicht bis 2012 im roten Blut der Putsch-traumatisierten Sozialdemokraten, entflammt plötzlich eine Liebe für Söldner.

Die Volkspartei hingegen will von ihrem jahrzehntelang gehegten feuchten Bubentraum des Berufsheeres plötzlich nichts mehr wissen und entdeckt die gedemütigten und verschmähten Zivildiener als unabkömmliche Helden der Nation.

Die Bevölkerung bekommt zu guter Letzt von einem Zivildiener, der den Verteidigungsminister spielt, eine Kampagne für die Abschaffung jener Einrichtung serviert, die das Propagandamaterial im eigenen Haus produzieren muss.

Beim lang ersehnten Schritt an die Urnen stimmt sodann eine breite Mehrheit nun für die Beibehaltung der Wehrpflicht – um den Zivildienst zu retten, wie viele Befragte unumwunden zugeben. Das verkorkste Ergebnis passt perfekt zur Geschichte dieser Volksbefragung.

Sozialdemokraten und Volkspartei versprechen nun, mit denselben handelnden Personen, die sich erst nach Monaten auf zwei Fragen am Wahlzettel einigen konnten und sich weit unterhalb der Gürtellinie begegnen, das bestehende Heer „über den Sommer“ zu reformieren.

Der Vorhang senkt sich, zum Glück war alles nur eine Maschek-Vorstellung. Oder nicht? Wer kennt schon noch den Unterschied…

  • Lukas

    Gut geschrieben aber bitte Soldaten nicht mit Söldnern gleich setzten, das habens wirklich nicht verdient…

  • Stefan Egger

    Danke fuer dein Feedback, Lukas! Freue mich, dass dir der Text gefaellt, den Ausdruck Soeldner habe ich bewusst und ueberspitzt eingesetzt, Soldaten (auch Berufssoldaten) sind natuerlich nicht mit Soeldnern gleichzusetzen, da hast du recht.

  • ad Stefan und Lukas: Mit der Einschränkung („Söldner“ gilt wohl nur für die Fremdenlegion, die wir G’tt sei Dank nicht haben) gehört der Text stilistisch zu dem Besten, dass ich seit Langem gelesen hat. Mir ist der Humor vergangen, allerdings bin ich froh, dass zumindest Stefan diesen behalten hat.

    Dem Vernehmen nach soll jetzt das Ergebnis der Zilk-Reformkommission aus dem Jahr 2004 umgesetzt werden. Ist ja auch weniger als ein Jahrzehnt alt.

    Allerdings gibt hier ein ernsthaftes Problem: Es verursacht Mehrkosten. Die will aber Finanzministerin Fekter nicht gewähren. Das Konzept sieht nämlich unter anderem vor, die Systemerhalter in die Ausbildung mit einzubeziehen und deren Tätigkeit, jedenfalls zum Teil, auszulagern. Das kostet. Außerdem sollten verstärkt Freiwillige geworben und bessere Bezahlung und Leistungsprämien gewährt werden. Die Unterkünfte in den Kasernen sollten auf einen zeitgemäßen Standard gebracht werden. Auch das geht nicht zum Null-Tarif.

    Wird jetzt Frau BM Fekter ausgetauscht, um das Konzept umsetzen zu können? Und hat uns da nicht jemand gesagt, dass eine Berufsarmee mehr Geld kosten würde?

  • Stefan Egger

    Vielen Dank, lieber Ronald Pohoryles. Freue mich sehr, dass der Kommentar (abgesehen von S-Wort) so gut gefaellt. Zum Thema Mehrkosten gab es ja „interessante“ Aussagen von Herrn Spindelegger, der einige Millionen wohl nicht als relevante Ausgabe ansieht…