neuwal wurde eingeladen, mit der Militär- und Sport-Legende Peter Lichtner-Hoyer (unlängst im WebStandard porträtiert) ein Hintergrundgespräch im Vorfeld der Wehrpflicht-Volksbefragung zu führen. Gemeinsam mit dem ehemaligen KFOR-Presseoffizier Axel-Bernd Jandesek fuhren wir ins malerische Kreuttal nahe Wien, wo Lichtner-Hoyer in einem 800 Jahre alten Vierkanthof residiert. Bei Kaffee und Kuchen entspann sich ein Gespräch, wie man es wohl nur mit wenigen Menschen in Österreich führen kann – von den Anfängen des Bundesheers als „B-Gendarmarie“ über die Gefahren des Juli-Putsches im Jahr 1934 bis zu Österreichs Rolle in europäischen Verteidigungsmodellen. Ein „gefährliches Interview“, spannend von der ersten bis zur letzten Minute!

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Peter Lichtner-Hoyer: Ein guter Freund stößt vielleicht dann dazu, der aktive General Wendy. Ich habe gesagt: Komm eventuell rüber und hilf mir bei einem gefährlichen Interview! (lacht)

Neuwal: Gefährlich ist weniger das Interview als die Volksbefragung aus meiner Sicht, weil man nicht genau weiß, was die Modelle genau sind, die da zur Abstimmung vorgelegt werden!

Lichtner-Hoyer: Ich bin seit 1978, das sind über 34 Jahre, in Pension und habe mein militärisches Leben damals abgeschlossen. Gott sei Dank weiß ich nicht genau, wie die armen Teufel sich oft wehren müssen. Ich bin ein geborener Militarist, mein Vater war ein Marineoffizier in der österreichischen Kriegsmarine, mein Stiefvater ein hoher Generalstabsoffizier. Ich selber war der jüngste Leutnant im Reiterregiment in Russland mit 17 Jahren und bin 1945 in die Kriegsgefangenschaft geraten – Gott sei Dank von den Engländern, sonst wäre ich nicht mehr da.

Ich habe das Bundesheer von 1951 an – von der B-Gendarmerie – bis über alle Höhepunkte immer begleitet. Als sportlicher Repräsentant meines Landes war ich der Erste, der in Uniform Österreich wieder publik gemacht hat. Ich war dann später, nach meiner Ära als internationaler Trainer tätig. Mein etwas buntes Leben war immer wieder gezeichnet von zum Teil schwersten Verletzungen. Ich habe mich mit dem Sport angefreundet, um wieder gesund zu werden, er ist heute noch mein roter Faden im Leben.

Darauf bin ich eigentlich stolz und damit habe ich ein bisschen was beigetragen, glaube ich, die österreichische Uniform und damit dem Bundesheer und letzten Endes auch meinem Land eine Repräsentanz zu geben, die verstanden wird. Ich wurde dann, wie die Amerikaner feststellten, der „vielseitigste Sportsmann der Welt“, habe 4-5000 Wettkämpfe für Österreich absolviert in neun verschiedenen Sportarten. In Rom haben sie mir das Pferd vorenthalten, und der damalige Außenminister, ein gewisser Kreisky, hat versucht, es mir zurückzuholen – er hat sich kalte Füße geholt!

Neuwal: Da möchte ich kurz einhaken – Kreisky, das waren noch andere Zeiten, da gab es eine aktive Außenpolitik. Von den sieben letzten Kanzlern war nur Franz Vranitzky beim Heer. Verteidigungsminister Darabos selbst war Zivildiener. Es scheint mir auch, dass sich das Bild der Bevölkerung vom Militär sehr stark gewandelt hat. Heute spricht jeder von Lawinen, Katastrophenschutz, Hochwasser, aber nicht mehr von den eigentlichen Kernaufgaben.

Lichtner-Hoyer: Dazu kann ich nur eines sagen: Ich habe festgestellt, dass dieses arme Bundesheer dauernd entblättert, verkürzt und auf sechs Monate heruntergekürzt wurde, wo andere Länder oft noch bis zu zwei Jahre Dienst gehabt haben. Wir haben das einmalige Glück in Österreich, dass wir politisch gesehen keinen Krieg (klopft auf Holz) erlebt haben. Auch politisch sind wir konsolidiert, daher sagen einige Politiker, wir brauchen kein Bundesheer mehr. Haben diese armen Leute eine Idee, wie schnell sich die Welt verändern kann?

Das Berufsheer hat natürlich auch seine Vorteile, aber ein Milizsystem ist die Chance für den jungen Österreicher, diese lächerlichen sechs Monate seinem Land zu schenken. Es ist die Möglichkeit, eine Gemeinschaft kennenzulernen mit allen Nachteilen und Vorteilen. Vielleicht ein Gefühl, das sich auch erst später entwickeln kann, für seine Nation zu finden – dass er Österreicher ist!

Neuwal: Wie sehen Sie denn da vielleicht beide den Zivildienst, der eigentlich als Alternative geschaffen wurde und jetzt oft als Argument herhalten muss, dass man die Wehrpflicht nicht abschaffen kann?

Lichtner-Hoyer: Meine Lebenserfahrung ist die: Wenn Sie in einem Land wohnen, in dem man kein Heer hat und keine militärische Repräsentanz, fühlen sich viele Länder rundherum bemüßigt, dieses Land auch zu schützen und hineinzumarschieren. Aber es nicht nur zu schützen, sondern auch zu annektieren. Das allein ist ein Grund, und wenn nur drei Mann dort stehen!

Ich vergesse nie das Jahr 1956/57, wie der Ungarn-Aufstand losgegangen ist. Ich bin mit einem österreichischen Panzerspähwagen aus dem Jahr 1930 mit einem schnell montierten MG an der Grenze entlanggefahren. Drüben die Stalin 3, die großen Panzer, und haben das Rohr herübergeschwenkt, und ich hatte keinen Schuss Munition drinnen gehabt – aber wir haben repräsentiert. Gott sei Dank sind die politischen Verhältnisse so gekommen damals, dass alles gut ausgegangen ist. Die hätten uns natürlich überrollt, wenn nicht. Aber wir haben repräsentiert, dass wir bereit sind, unser Land zu schützen.

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Axel-Bernd Jandesek: Ich möchte dieses Argument aufnehmen. Weil wir jetzt so gehört haben, diese sechs Monate als „Geschenk“ der männlichen Bevölkerung an den eigenen Staat. Als der Staat Österreich wiederauferstanden ist, da waren die Österreicherinnen und Österreicher stolz darauf, dass sie wieder ihre Souveränität hatten, ein sichtbares Zeichen!

Lichtner-Hoyer: Ich bin einmarschiert – sehen Sie hier vorne (zeigt auf ein Foto) – und da waren Hunderttausende begeisterte Wiener, die uns zugejubelt haben, ein lächerliches armes Bataillon ist da vorbeimarschiert, mit 800 Mann insgesamt. Wir haben aber repräsentiert, dass wir wieder bereit sind, Österreich zu sein. Darum bin ich heute noch so stolz, dass ich damals mit dabei sein durfte und es erlebt habe, die Parade vorm Parlament. Mir ist heute noch jeder Schritt bewusst.

Die Volksmeinung hat sich hie und da gewandelt, nicht zuletzt durch die Medien. Wir haben vielleicht auch wenig Gelegenheit gehabt, uns dem österreichischen Land repräsentativ besonders vorzustellen. Aber wir haben etwas gefunden, was sehr wesentlich ist, das ist die Hilfestellung bei Notfällen – von Lawinen bis Hochwasser. Da wurde das Heer ja doch eine großartige Hilfe.

Natürlich kann ein Berufsheer in gewissem Sinne auch so eingesetzt werden, aber Verbindung des jungen Mannes über das Heer zur Nation doch eine ganz andere ist als wenn ein reines Berufsheer dortsteht.. Beim Putsch im 34er-Jahr war ich ein kleiner Bub, aber ich erinnere mich heute noch, wie ich heruntergeschaut habe vom Ruckerlberg in Graz und unten die Blitze gesehen habe von den Abschüssen der Kanonen.

Neuwal: Sehen Sie das auch so, Herr Jandesek?

Jandesek: Das Ganze hat mit dem Begriff der Solidargemeinschaft zu tun, dass der Staat seinen Bürgern viel bietet und solidarisch dafür auch etwas abverlangt. Was mir abgeht in der ganzen Diskussion ist der strategische Ansatz: Was will denn der Staat von seinen Bürgern, was will der Staat im Rahmen einer Verteidigung? Das hat sich natürlich radikal verändert, Sie haben ja selber erzählt 1978, als Sie in Pension gegangen sind, da gab es den klassischen Ost-West-Konflikt,

Wir erinnern uns in der Landesverteidigung an die sogenannte Spannocchi-Doktrin: Wir sind eine kleine Armee, wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir in Österreich können, große Verankerung zwischen Bevölkerung auf der einen Seite, Militär/Bundesheer auf der anderen Seite. Genau das ist etwas, was immer mehr verloren gegangen ist, auch durch diverse Umgliederungen und so weiter – die Identifikation zwischen der Bevölkerung und einem Bundesheer.

Ich gehe absolut d’accord mit Ihnen: Was ist schon ein halbes Jahr oder Jahr? Es wird immer von gestohlener Zeit oder Sklaventum gesprochen, von Zwangsarbeit. Damit wird versucht, Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Das ist etwas, das mich doch sehr beunruhigt, weil wir aufgerufen sind als demokratietreue Staatsbürger über etwas zu entscheiden, wo uns nachher die Politiker sagen werden, es ist eh egal, wie ihr entschieden habt, es wird sowieso anders gemacht oder es gibt kein Geld dafür…

Neuwal: Es geht ja soweit, dass es keine zwei Modelle gibt, über die man abstimmen könnte. Es gibt von der SPÖ eine sehr dürren Vorschlag, wie so ein Berufsheer mit einem freiwilligen Sozialjahrkombiniert aussehen könnte. Die ÖVP verschanzt sich hinter der Position, dass sie ihr Wehrpapier erst nach dieser Befragung überhaupt ausarbeiten wird.

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Lichtner-Hoyer: Ich persönlich war eigentlich immer stolz, in Uniform mein Land zu vertreten und es hat auch damals schon immer wieder Bestrebungen gegeben, durch die Presse zum Teil, das Bundesheer mehr oder minder zu verunglimpfen und die Uniform zu beschmutzen. Es soll doch dem jungen Österreicher die Chance geben, sich bewusst zu werden, für was er eine Uniform anziehen soll und dass es keine Schande ist und keine Belastung und kein Sklavendienst.

Ich wünsche nur meinem Land und damit auch vor allem den Jungen, unserer Jugend, dass sie weiter so eine positive Friedenszeit erleben und nicht diese schlimmen Möglichkeiten, die ich in meiner Jugend erleben musste, aber dadurch auch erkennen konnte, dass das Heer eine gewisse Aufgabe und eine Kraft hat.

Neuwal: Es hat sich, wie Sie selbst sagen, dass Bedrohungsszenario sehr stark verändert.

Lichtner-Hoyer: Innerhalb von zwei Jahren kann sich das alles furchtbar drehen. Es wäre immer notwendig, innen und außen eine Kraft zu besitzen, auf die der Staat sich lehnen kann und auch die Bürger, der Nicht-Militarist.

Neuwal: Das heißt, von einer Initiative wie jener der KPÖ, überhaupt das Heer abzuschaffen, ersatzlos – halten Sie beide vermutlich nichts?

Jandesek: Das ist eine Utopie…

Lichtner-Hoyer: Das ist eine Sabotage an unserem nationalen Denken! Aber ich habe eine gewisse Toleranz, ich bin sehr viel in der Welt herumgekommen, habe sehr viele Nationen erlebt mit und ohne Armeen, war in Arabien, in Pakistan, die Preußen unter den Militaristen, und habe ein Monat lang dort die Offiziere unterrichte im Reiten, nicht im Schießen. In Ägypten und in den Vereinigten Arabischen Emiraten habe ich Scheich-Söhne unterrichtet.

Ich habe die Unterschiede kennengelernt, auch in der Schweiz und Deutschland, das ist alles Tag und Nacht. Trotzdem habe ich überall feststellen können, dass der Mann in Uniform, wenn er positiv auftritt, ein Garant und eine Sicherheit für seinen Staat bedeutet. Wir Österreicher haben eine gewisse militärische Tradition, natürlich können wir uns nicht an die alleine anlehnen, aber jeden Tag dran denken wäre notwendig.

Neuwal: Weil Sie die Schweiz erwähnt haben, auch dort wird wohl noch heuer ein Referendum stattfinden zur Abschaffung der Wehrpflicht…

Lichtner-Hoyer: Es gibt kaum einen Militär, der die Schweiz so gut kennt wie ich. Die Schweizer haben eine ganz eigene Auffassung. Natürlich gibt es auch dort Bestrebungen, sonst würden sie so ein Referendum ja nicht machen, aber ich glaube, von meiner Warte aus gesehen, dass das absolut danebengehen wird. Es wurde oft versucht, uns zu erklären, in der Schweiz und Deutschland ist das so – wir sind Österreicher, wir haben eine gewisse Eigenverantwortung und eine eigene Mentalität.

Jandesek: Das wäre das dritte Mal dann, es gab ja schon zwei derartige Referenden zur Abschaffung der Schweizer Armee. Ich glaube, das Ergebnis ist voraussehbar.

Neuwal: Und doch gibt es einen europäischen Trend zum Berufsheer, die Wehrpflicht ist nur noch in der Schweiz, in Österreich, in Norwegen, Finnland, Dänemark und Estland aufrecht, nur noch sechs von 27 Mitgliedsstaaten. Warum ist das so?

Jandesek: Beim Vergleich der Wehrsysteme ist es ja ganz interessant, dass es in der derzeitigen Situation nur so vordergründig andere Wehrsysteme plakativ dargestellt werden. Aber wir sollten uns schon auch Gedanken darüber machen, wie die Länder dazu gekommen sind. Schauen wir uns zum Beispiel Deutschland an, Dänemark, Estland… die sind NATO-Bündnis-Partner. Wir sind es nicht, wir haben ein Naheverhältnis innerhalb der Partnerschaft für den Frieden.

Diese Länder hatten aufgrund des Ost-West-Konfliktes viel größere Armeen, etwa Deutschland nach der Wiedervereinigung. Dort ist man auf ähnliche Probleme gestoßen wie in anderen Ländern: Sinkende Verteidigungsbudgets, eine Veränderung im Aufgabenspektrum und generell in der Sicherheitspolitik, was in Deutschland ja auch zu Ereignissen und Entscheidungen geführt hat, die wir in Österreich vielleicht nicht so ganz wollen – Stichwort „Wehrungerechtigkeit“.

Es gibt da und dort überall Problemfelder, zum Beispiel in Spanien, wo um die Jahrtausendwende umgestellt wurde. Die mussten plötzlich ihre Aufnahmekriterien in die Armee drastisch absenken, weil sie kein Personal mehr bekommen haben. Italien wiederum ist ganz stark in internationale Einsätze involviert und hat ein anderes System in der Armee, weil die Carabinieri eine militärische Einheit sind. Somit gibt es viele Dinge, die sich nicht 1:1 vergleichen lassen. Ich behaupte jetzt, in einer reinen Berufsarmee müssten die Menschen noch viel mobiler sein, das kostet alles etwas, darüber wird nicht gesprochen.

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Neuwal: Im Gegenteil wurden noch vor zwei Jahren 600 Millionen Einsparungspotenzial bis 2016 beziffert.

Jandesek: Genau. Da muss man dazusagen, was haben die anderen Länder für ein Wehrbudget? Wir haben derzeit 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das sind uns das Bundesheer und die gesamte Verteidigungspolitik wert!

Lichtner-Hoyer: Das ist ein Witz!

Jandesek: Jede Firma, jedes Unternehmen muss sich von Zeit zu Zeit die Frage stellen: Kann ich mit meiner Infrastruktur, mit meinen Produktionsmaschinen, kann ich da noch zeitgemäß arbeiten und anpassen. Das betrifft jedes Militär. Das ist etwas, was wir in den letzten 15 Jahren bemerkt haben, dass zeitgemäße Gerüstetsein für die aktuelle Lage, das ist immer schwieriger geworden. Da stellt sich aus meiner Sicht natürlich die Frage: Was soll ein Bundesheer der Zukunft können?

Wir werden diese Planungen noch viel stärker bemerken in Europa. Staaten tun sich zusammen und bilden eine Art Einkaufs- und Entwicklungsgemeinschaft. Wir sind da oftmals gar nicht dabei, aber wir könnten uns anschließen, das macht die Sache günstiger. Der Eurofighter ist ein Symbol dafür, da ist so etwas gelungen, aber wir haben auch gesehen, dass sich die europäische Rüstungsindustrie nicht einig ist. Da sind die Politiker gefragt, welchen Beitrag wir als innerhalb der Europäischen Union im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik einbringen können.

Lichtner-Hoyer: Wir sind ja seit Jahrzehnten dabei, etwa auf den Golan-Höhen, im Kosovo und so weiter!

Jandesek: Im Laufe der vergangen 15 Jahre hat sich das Bild komplett gewandelt, weg von diesen klassischen Friedensmissionen, die gefüllt waren bis 70 oder 80 Prozent mit Milizsoldaten – da waren nicht viele Berufssoldaten dabei! Heute ist es notwendig, dass wir von österreichischer Seite aus, auch mit einem Berufsheer, in multinational geführten Einsätzen einen Beitrag leisten. Österreich wird aus dieser Verantwortung nicht herauskommen (wollen), dafür sind wir international sehr bekannt und werden gelobt auf politischer und militärischer Ebene.

Neuwal: Da möchte ich ganz kurz einhaken mit einem Begriff, der heute noch nicht gefallen ist: die Neutralität Österreichs. Wir sind von Friedenseinsätzen hingekommen zu Einsätzen im Rahmen der Europäischen Verteidigungsinstitutionen.

Jandesek: Der Begriff fällt ja nicht mehr. Wenn wir uns die Neutralität anschauen, gehen wir zurück ins Jahr 1994. Da hatten wir eine Volksabstimmung über den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. Eines war damals klar, als der Entscheid positiv ausfiel: Innerhalb der Europäischen Union wird es Notwendigkeiten geben, mitzumachen als Österreicher. Damals ist die Neutralität staatspolitisch gefallen. Die Neutralität, wie sie ursprünglich geplant und konzipiert war im Jahr 1955 nach Schweizer Vorbild, sah vor, dass wir mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Neutralität verteidigen und aufrecht erhalten wollen – das konnten wir sowieso nie!

Neuwal: Zur Zeit haben wir im Jahresschnitt 10.500 Rekruten, 15.800 Berufssoldaten und 26.000 Milizsoldaten, die regelmäßig einberufen werden.

Jandesek: Da sind wir sicherlich einer Meinung, das war eine gute Sache, da sind wir sehr froh, da ist ein neues Europa entstanden, eine neue Weltordnung. Daher brauchen wir auch diese Mengen nicht mehr. Das ist etwas, wo ich ein bisschen lachen muss, wenn ich dieses Wort vom „Massenheer“ höre, gerade von Berufsheerbefürwortern. Wenn wir die Mitglieder Freiwilligen Feuerwehr zusammenzählen, werden wir auch auf solche Zahlen kommen – keiner würde auf die Idee kommen, zu sagen, wir hätten eine „Massenfeuerwehr“!

Neuwal: Es sind ja auch über 6.000 Personen untauglich pro Jahr. Wie kann denn das sein in einem Land mit hohem Ausbildungs- und Gesundheitsniveau?

Lichtner-Hoyer: Weil ich die Möglichkeit habe, die Untauglichkeit mit allen möglichen Mitteln zu demonstrieren.

Jandesek: Die Tauglichkeitsuntersuchungen haben einen ganz extremen Vorteil: Etwas, was der Staat von sich aus den jungen Menschen schenkt, nämlich eine Durchuntersuchung im Alter von 18 Jahren. Ich weiß nicht, inwieweit man stolz darauf sein sollte als junger Mensch, untauglich und nicht kerngesund zu sein. Bei der weiblichen Bevölkerung haben wir leider Gottes keinen Status, wie sie gesundheitlich beisammen sind.

Neuwal: Dazu habe ich auch etwas: Peter Pilz von den Grünen malt ja wiederholt das Schreckgespenst der weiblichen Wehrpflicht an die Wand…

Jandesek: Da gibt es in Österreich einen nationalen Konsens darüber, das stammt aus dem Jahr 1998, als beschlossen wurde, dass Frauen der Zugang zum Bundesheer ohne irgendwelche Einschränkungen! Eines sollte uns nachdenklich stimmen: Warum gibt es so einen hohen Prozentsatz von Frauen in der mit gewissen Abstrichen vergleichbaren Institution Polizei und so einen signifikant geringen Anteil Frauen im Bundesheer – im europäischen Vergleich ganz tief unten…

Lichtner-Hoyer: Es sind eineinhalb Prozent!

Jandesek: Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen dabei sind im Heer, weil Frauen an sich einen anderen Zugang zur Konfliktlösung haben.

Neuwal: Ich würde mich abschließend freuen, weil ja doch jetzt zur Wahl geschritten wird, wenn Sie ein kleines Abschlussplädoyer geben würden, wie man zu seiner Entscheidung finden soll.

Lichtner-Hoyer: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man einem jungen Mann die Möglichkeit geben sollte, zwangsweise in dem Fall, durch seinen Armeedienst seinem Land ein wenig davon zurückzugeben, was das Land ihm bietet. Das nehmen die Leute so als Selbstverständlichkeit, das ist es nicht – wir müssen doch ein bisschen was dazu tun.

Neuwal: Der Zivildienst gehört dazu, als Alternative zum Heeresdienst – ist das für Sie gleichwertig?

Lichtner-Hoyer: Sicher. Diese Frage an einen ehemaligen aktiven Offizier zu stellen ist sehr heikel (lacht). Ich bin natürlich der Meinung, dass man, wenn es sein muss, für sein Land alles geben muss, auch mit der Waffe in der Hand! Aber situations- und politisch bedingt bin ich tolerant. Man sollte dem jungen Mann die Chance geben, in irgend einer Form, und sei es auch im Zivildienst, seinem Land das zurückzugeben. Was Österreich uns bietet, ist einmalig in der Welt!

Wenn ein Berufsheer aktuell werden sollte, muss man natürlich auch sich nach der Decke strecken und schauen, das Beste herauszufinden. Es ist momentan glaube ich noch nicht so weit, lassen wir doch die Zeit herankommen. Unsere österreichische Tradition hat ja sehr positive Aspekte im Militär gefunden. Da sollte man das Positive daraus sehen, nicht nur das Negative!

Jandesek: Als Befürworter einer von der Gesellschaft getragenen Solidarität, einer gelebten Solidarität, da gehört ja auch der Aspekt der Erziehung dazu, halte ich es einfach für wichtig, dass der Staat von seinen Mitgliedern etwas fordert, dass sie ihm zurückgeben – in Form eines Wehrdienstes oder eines Zivildienstes – auch wenn sie vielleicht erst später draufkommen, dass das nicht unnütz war. Das kann der Staat von seinen Bürgern verlangen und soll es weiterhin verlangen können. Das System hat sich bewährt!

Neuwal: Vielen Dank für das Gespräch.

130119_Neuwal_Wehrpflichtdebatte_LichtnerHoyer-PortraitPeter Lichtner-Hoyer war einer der ersten drei Leutnants des neuen Österreichischen Bundesheers 1955, das aus der B-Gendarmerie entstand. Der redegewandte Sproß einer traditionsreichen Militärfamilie wurde im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet, erholte sich aber zum Erstaunen der Ärzte von seinem zertrümmerten Knie ebenso wie von dutzenden Rippenbrüchen, Gehirnerschütterungen und einem zweimal angeknacksten Genick. Als Ausnahmesportler in Uniform machte der das Bundesheer im In- und Ausland bekannt und war in allen Medien. 1978 ging Lichtner-Hoyer in Frühpension, wurde nachträglich zum Oberst befördert und genießt mit 88 Jahren einen aktiven Ruhestand im Kreuttal nahe Wien.

130119_Neuwal_Wehrpflichtdebatte_Jandesek-PortraitAxel-Bernd Jandesek wurde 1968 geboren und ist als Major beim Bundesministerium für Landesverteidigung beschäftigt. Der ehemalige KFOR-Presseoffizier hat sich auch in der Kommunikationsberatung und als Agenturberater einen Namen gemacht und verfügt über eine profunde Expertise im Bereich europäischer Verteidigungsmodelle.