Der Präsident als Lachnummer: Die Komödie „Die Beerdigung von Vaclav Klaus“ ist der große Erfolg des Studententheaters von Brünn. Die bitterböse Satire über das Staatsoberhaupt in der Prager Burg (Hradschin) begeistert das Publikum. Der Grund ist klar: Nach zehn Jahren haben viele Tschechen genug von ihrem Präsidenten.

Schon 2009 sorgt Vaclav Klaus mit seiner monatelangen Weigerung den EU-Reformvertrag von Lissabon zu unterzeichnen, für eine handfeste europäische Krise. Leidenschaftlich kämpfte der Präsident gegen den Euro und eine weitere Vertiefung der europäischen Integration. Die EU-Flagge wehe nicht auf der Prager Burg, solange er Präsident ist, erklärte er stolz. Das dürfte sich mit der ersten Präsidenten-Volkswahl in der Tschechischen Republik wieder ändern. 

Prag_Hradschin

Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ist sicher: Die Tschechen schicken Ex-Ministerpräsident Milos Zeman (68) als Vertreter des gemäßigten linken Lagers und den konservativen Außenminister Karel Schwarzenberg (75) in die Stichwahl in zwei Wochen. Für die Europäische Union ist das eine gute Nachricht: So unterschiedlich beide Politiker auch sind, beide würden die Tschechische Republik wieder auf einen beherzteren EU-Kurs führen.

Zeman hat bereits während des Wahlkampfes angekündigt, für ein europäischeres Tschechien zu stehen. Obwohl er zu barschen Formulierungen neigt und sich vor allem in der Temelin-Frage oft mit österreichischen Politikern anlegte, war es seine Regierung, die den Beitritt der Tschechischen Republik zur EU mit vorbereitete. Als Ex-KP-Mitglied, der 1970 aus der Partei geworfen wurde, weil er die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 kritisiert hatte, spricht er oft und aus persönlicher Überzeugung davon, wie wichtig politische Solidarität auf dem Kontinent sei.

Wenn Milos Zeman gerne den polternden Volkstribun gibt, übt sich Karel Schwarzenberg gern in Zurückhaltung. Der Spross der einst mächtigen böhmischen Adels-Familie pflegt das Bild eines gesetzten, bedächtigen Intellektuellen. Der Gründer der rechts-liberalen Partei TOP 09 hat sich immer für einen Eintritt seiner Heimat in die EU stark gemacht, auch in seiner jetzigen Funktion als Außenminister. Dazu kommt noch seine persönliche Erfahrung: Schwarzenberg musste als Kind nach der Machtergreifung der Kommunisten flüchten, das Vermögen und die Besitztümer der Familie wurden beschlagnahmt. Schwarzenberg studierte und arbeitete in der Schweiz, Österreich, Deutschland und Großbritannien. Erst nach der Wende konnte er wieder in seine Heimat zurückkehren und hat sich seither für eine weltoffenere Tschechische Republik eingesetzt.

Was beide Kandidaten eint, ist ihre Durchsetzungskraft, die sie als Politiker schon unter Beweis gestellt haben, sowie ein ausgeprägter Charakter.  Damit stünden beide Kandidaten in der Tradition der starken Präsidenten in Tschechien:
Tomáš Garrigue Masaryk war die prägende Figur der Tschechoslowakei während der Staatsgründung nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit. Sein Engagement und das seines Nachfolgers Edvard Beneš sorgten dafür, dass die Tschechoslowakei in den 1930er Jahren bis zum Einmarsch der Truppen Nazi-Deutschlands die einzige funktionierende Demokratie in Mitteleuropa war.

Beneš war es auch, der 1940 in London die Exilregierung gründete und massiv daran beteiligt war, die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei nach 1945 zu erreichen. Während er in Österreich vor allem wegen der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt ist, erinnern sich die Tschechen daran, dass Beneš bis 1948 die komplette Machtübernahme der von Moskau aus kontrollierten Kommunisten verhindern konnte.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechoslowakei nach der Samtenen Revolution war auch gleich einer der Helden der Wende: Vaclav Havel. Der Autor war schon während der Herrschaft der KP einer der prominentesten und schärfsten Kritiker des Regimes. 1967  erregt er erstmals Aufsehen, als er in einer Rede vor Schriftstellern die Zensur und die Absurdität des Machtapparates der kommunistischen Partei öffentlich kritisierte. Während der sogenannten „Normalisierung“ nach der Niederschlagung des Prager Frühlings trat Havel immer öfter gegen das Regime auf. Sein Widerstand kulminierte in der Unterzeichnung der Charta 77, eine Forderung nach demokratischen Freiheiten durch bekannte Persönlichkeiten der CSSR. Havel spielte auch während des friedlichen Sturzes der kommunistischen Herrschaft eine entscheidene Rolle. Als Übergangspräsident führte er die Tschechoslowakei zu den ersten demokratischen Wahlen 1990.
Nach dem weltoffenen und beherzten Havel kam 2003 ein weitere Havel als Präsident auf den Hradschin, Vaclav Klaus. So umstritten und unbeliebt der Präsident auch ist, selbst seine Kritiker gestehen ihm einen starken Charakter und Durchsetzungsvermögen zu. Damit steht auch er in der Linie von Masaryk und Beneš.

Und egal ob Schwarzenberg oder Zeman der nächste Präsident wird, die Tschechen werden wieder eine Persönlichkeit in der Prager Burg haben, und auf deren Dach wird wieder die EU-Flagge wehen.

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Gregor Plieschnig

Gregor Plieschnig beschäftigt sich seit Teenager-Zeiten mit Politik, als er für das Jugendmagazin seiner Heimatstadt Villach schrieb. Während seines Politikwissenschafts-Studiums in Wien arbeitete er für verschiedenste Medien, unter anderem der Standard, Falter, derStandard.at und die Bezirkszeitung Wien. Er lebt und arbeitet in Wien.

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