Am 20. Jänner 2013 findet eine Volksbefragung über die Allgemeinen Wehrpflicht in Österreich statt. Die Sozialdemokraten treten dabei für eine Abschaffung ein. Die Volkspartei befürwortet die Beibehaltung des aktuellen Modells. Ein Kommentar von Daniel Weber:

Musterung 1998

Ein Meer aus in der Kälte schlotternder nackter Beine empfing mich 30 Minuten zu spät in der Grazer Belgier Kaserne. 1998 muss das gewesen sein und ich war zu spät zur Stellung erschienen. Das Einzige, das die wütende Schimpftirade des mich empfangenden Uniformierten abrupt enden ließ, war ein junger Mann im Rollstuhl, der von seiner Mutter in die Kaserne geschoben wurde. Leider könne so etwas passieren. Nein, natürlich kein Problem. Tut uns leid und frohe Weihnachten.

Damit ging es ab zum gemeinsamen Duschen. Mein schon vorher gefasster Entschluss, mich für den Zivildienst zu entscheiden verfestigte sich. „Aber ja erst nach der Stellung bekanntgeben!“ ermahnte mich einer der neben mir stand. „Sonst musst‘ morgen 2 Stunden länger da bleiben.“ Blödsinn, dachte ich mir, und fand mich Tags drauf mit einer Hand voll anderer, am späten Nachmittag, bei der verpflichtenden Vorführung eines abendfüllenden Heerespropagandafilmes wieder.

Ein Erfolgsmodell?

DSC_8460Das war meine bislang einzige Erfahrung mit dem Österreichischen Bundesheer. Würde es nur um das Heer gehen, würde ich sofort sagen: nein, Österreich braucht kein Bundesheer. Wozu sollte sich ein Kleinstaat in der Mitte des vereinten Europas eine bewaffnete Truppe leisten wollen? Eine chronisch unterfinanzierte bewaffnete Truppe, in der es mehr hochbezahlte Führungskräfte zu geben scheint als zu befehlende junge Rekruten. Um das Bundesheer scheint es der Volkspartei aber ohnehin nicht zu gehen. Konkrete Pläne, wie das Heer in Zukunft auszusehen habe, gebe es laut Staatssekretär Lopatka zwar, verraten wolle man diese aber erst nach der Volksabstimmung. Bislang einziges Argument der ÖVP: „das Erfolgsmodell Zivildienst.“

Irgendwie schon seltsam. Der Weg vom „Drückeberger“ (der bis 1991 eine Gewissensprüfung bestehen musste, um den, gegenüber dem Dienst an der Waffe minderwertigen, Ersatzdienst ableisten zu dürfen) zur unverzichtbaren, bewehrten Stütze des Sozialsystems. Der größte „Dienstgeber“ ist das Rote Kreuz. Wie viele Zivildiener insgesamt in den  unzähligen sozialen Einrichtungen, Organisationen und Vereinen tätig sind lässt sich nicht sagen. Genaue Zahlen gibt das Innenministerium dazu nicht öffentlich an. So kann man nur vermuten, wie sehr kleine und mittelgroße Organisationen, etwa im Behindertenbereich, von Zivildienstleistenden profitieren und wie stark diese von einem Wegfall der gewohnten Billigarbeitskräfte betroffen wären. Schon heute ist es für Organisationen keineswegs einfach ausreichend viele Zivildiener zugeteilt zu bekommen.

Verlorene Zeit

Natürlich ist das Argument, man dürfe jungen Männern nicht zwangsweise 9 Monate ihres Lebens „wegnehmen“ von Gewicht. Es müsse doch das Recht jedes Staatsbürgers sein, gleich nach der Schule in möglichst rascher Zeit ein Bachelor- Studium abzuschließen um sich im Anschluss jahrelang über unbezahlte Praktika in die Arbeitswelt zu betteln. Denn anders als in der Frage des Präsenzdienstes wird in der Arbeitswelt ein mit unbezahlter Freiwiligenarbeit gefüllter Lebenslauf allseits als Bereicherung angesehen. Das ist halt so entstanden. Wer heute eine Arbeit sucht muss, egal ob auf der Suche nach einem Lehrplatz, aufgrund von Zugangsbeschränkungen und Voraussetzungsketten auf Universitäten, oder als Langzeitpraktikantin, fast zwangsläufig Lebenszeit opfern um überhaupt eine Chance zu haben.

Der Zwangsdienst kann leicht von „Freiwilligen“ übernommen werden

Ob es sinnvoll ist, ein Sozial- und Gesundheitssystem von zwangsverpflichteten jungen Männern abhängig zu machen, ist die eine Frage. Möglicherweise bringen gerade Zivis, die nicht vom Fach sind, eine besondere Qualität in die Arbeit mit Kindern, Kranken oder Behinderten. Möglicherweise profitieren gerade dem Sozialbereich nicht Nahestehende besonders davon. Die andere, für meine Entscheidung wichtigere Frage lautet: ist es besser, ein immer schwerer zu finanzierendes Gesundheits- und Sozialsystem vom Engagement und guten Willen (angeblicher) Freiwilliger abhängig zu machen?

Wir ersetzen also die Zivildiener durch sogenannte Freiwillige. Doch wer sollen diese „Freiwilligen“ sein. Wer wird es sich leisten können, auf die (Praktikums-) Kariere zu verzichten, oder diese ruhend zu stellen, um sich ein Jahr in einer Behinderteneinrichtung um die täglichen Einkäufe, das Waschen der Bettwäsche oder das Abendessen der zu Betreuenden zu kümmern?

Warum denn nicht ganz einfach Arbeitssuchende, Studierende in der STEOP Warteschleife, oder irgendwann gar  Pensionistinnen, die sich was dazu verdienen wollen (müssen)? Jetzt will ich nicht sagen, dass viele, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene, im Sozialbereich keinen für sie  wertvollen Benefit ziehen könnten. Und natürlich würde auch wertvolles, nämlich Arbeitszeit und Erfahrung, zurückgegeben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendeine Politikerin der Versuchung widerstehen könnte, die katastrophalen Arbeitslosenzahlen mit „Freiwilligen“ zu beschönigen. Und hätte das Arbeitsmarktservice für sogenannte „schwer Vermittelbare“ dadurch nicht, neben seltsamen Kursmaßnahmen a la „Bewerbungsschreibenschreibenlernen“ ein weiteres Druckmittel parat.

Der Sozialbereich: ein Berufsfeld wie jedes andere

Wo bliebe dabei der Respekt denen gegenüber, die nach jahrelanger Ausbildung und vielen abgelehnten Bewerbungen eine, mehr oder weniger gut bezahlte, Arbeit im Sozialbereich gefunden haben? Wir reden hier nicht von karitativer Tätigkeit sondern von einem professionellen Berufsfeld. Ein System- jetzt schon durch einen viel zu großen Teil von (Arbeitssuchenden) Praktikantinnen und zwangsverpflichteten Zivildienstleistenden aufrecht erhalten- wird in Zukunft von Langzeitarbeitslosen, Geringverdienerinnen oder in anderer Weise am beruflichen Fortkommen gehinderten, am finanziellen und strukturellen Leben gehalten?

Ich bin nicht für die Wehrpflicht. Ich habe aber keinerlei Vertrauen in die Regierenden Parteien und das, wenn man so will, System, nach einer Volksabstimmung etwas für alle Beteiligten zufriedenstellendes zu finden. Im Moment deutet nichts darauf hin. Ich halte es für unverantwortlich, eine derart komplexe Frage, an der jedenfalls mehr hängt, als nur mit einer Waffe durch den Schlamm zu robben oder eben nicht, verbindlich in einer Volksabstimmung zu entscheiden. Eine Reform ist dringend notwendig. In diesem Fall spiele ich den Ball zurück und sage: „ja zum Zivildienst.“

(Der Verfasser dieser Zeilen arbeitet, seit dem Ende seines Zivildienstes Anfang 2002, hauptberuflich in einer Wiener Behinderteneinrichtung.)

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Daniel Weber, geboren 1980 im weststeirischen Voitsberg, lebt seit 2001 in Wien. Der Behindertenbetreuer studiert Bildungswissenschaften und ist bei neuwal verantwortlich für das Ressort Protest-Aktion-Demonstration.