Nach der Vergewaltigung in der U6, dem Auswerten der Videoaufnahmen und dem Fassen des Täters kann man nur „Mehr Kameras!“ fordern, oder? Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Überwachung_WienerLinien

wortschwallSo furchtbar die Tat auch war: Es überraschte mich, mit welcher Selbstverständigkeit Politik und Verantwortliche die klassischen Forderungen nach solchen Geschehnissen aussprachen. „Zum Schutz unserer Jugend muss die Videoüberwachung schleunigst ausgeweitet werden. Zugangssperren im Eingangsbereich der U-Bahn sollten, wie dies in vielen Städten Europas bereits Standard ist, errichtet werden.“, meint die stellvertretende Landesobfrau des RFJ-Wien Tanja Liebig. „Bis Anfang 2014 sollen nahezu alle U-Bahn-Stationen mit Videoüberwachung ausgerüstet sein. Dazu wird die Überwachung in den Waggons sukzessive ausgebaut – derzeit werden bereits drei Viertel der Züge videoüberwacht.“, schreibt Die Presse über die Pläne der Wiener Linien. Und ganz ehrlich? Ich verstehe es ganz einfach nicht.

Es ist ganz egal, wie die Geschichte nach der Vergewaltigung verlaufen wäre. Wäre die Tat abseits von Überwachungskameras geschehen, würden alle Politiker wild nach mehr Überwachung rufen. Aber jetzt? Der aktuelle Fall zeigt, dass bereits jetzt einige wenige der rund 4.000 Überwachungskameras in und außerhalb der U-Bahnen gereicht haben, um Fahnungsfotos herauszufiltern und schließlich den Straftäter ausfindig zu machen. Egal, wie so etwas verläuft, die einzige Antwort kann/darf/muss immer nur mehr Überwachung sein! Kennen wir das nicht von irgendwoher?

Ich musste bei der aktuellen Berichterstattung an Trojanows und Zehs Buch „Angriff auf die Freiheit“ denken. Auch beim großen „Kampf gegen den Terror“ wird ähnlich argumentiert. Werden Anschläge vereitelt, fordert man mehr Instrumente im Terrorkampf. Passieren wirklich Anschläge, ist es natürlich noch wichtiger. Wo wird all das denn bitteschön enden? Wenn es so oder so nur mehr Überwachung geben kann, werden wir dann erst in einer sicheren Welt leben, wenn wir auf Schritt und Tritt, mit INDECT, Vorratsdatenspeicherung oder was auch immer beobachtet und grundlos vorverurteilt werden?

Es wäre am Schönsten, wenn solche Vorfälle, Übergriffe und Taten verhindert werden könnten. Das können sie aber nicht. Die Kameras können der Aufklärung dienen, und das tun sie mitunter auch. Mehr Überwachung wird hingegen wenig bringen, außer vielleicht eine Besänftigung des „subjektiven Sicherheitsgefühls“.

Bildquelle: Coverbild von „Angriff auf die Freiheit“

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