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Im neuwal studio (Kalenderwoche 49 vom 3. bis 9. Dezember 2012) im ZIGE-TV-Fenster auf OKTO gab es neben den aktuellen Wahlumfragen aus Österreich, dem Wahlwetter aus den Bundesländern auch ein Interview mit Dr. Erich Neuwirth. Neuwirth ist Statistiker an der TU Wien und beschäftigt sich auch privat sehr viel mit Wahlen, Wahlergebnissen, Analyse und Statistik und war seinerzeit Wahlhochrechner beim ORF.

Wir haben mit Erich Neuwirth gesprochen und ihn zum Thema Wahlumfragen, Schwankungsbreiten und Befragungsgrößen befragt (Video ab Minute 5:30)

Was hat es denn mit Schwankungsbreite und Befragungsgröße auf sich. Wieso sind diese beiden Werte bei Wahlumfragen so wichtig?

Erich Neuwirth (Statistiker): Ich muss die Anzahl der Befragten wissen, um halbwegs abschätzen zu können, mit welcher Genauigkeit ich aus der Stichprobe, den paar hundert Befragten, auf die Gruppe, die mich eigentlich interessiert, nämlich alle Wahlberechtigten schließen kann.

Je größer die befragte Gruppe, desto genauer ist dann auch der Schluß auf die Grundgesamtheit der Statistik möglich. Was Sie hier auf dem Slide haben ist, dass man bei 400 Befragten auf +/- 5 % das Ergebnis einigermaßen sicher sagen kann. „Einigermaßen sicher“ heißt, in 19 von 20 Fällen wird es sicher sein – 1 mal von 20 Fällen wird es nicht stimmen.

Die Befragungsgröße n=400: Ist das eine große oder eine kleine Größe?

Das ist mittlere Preislage würde ich sagen. Typischerweise, wenn man es halbwegs genau wissen möchte, sollte man n=1.000 haben. Dann weiß man es auf +/- 3 % genau.

Was bedeutet die Schwankungsbreite wenn ich nun zwei Parteien direkt vergleiche?

Bei einer Partei, so wie wir es hier bei einer Befragungsgröße von n=400 sehen, lautet die Schwankungsbreite +/- 5 %. Hier hat beispielsweise die SPÖ 27 %. +/- 5 % bedeutet, dass sie zwischen 22 und 32 % liegen wird und die ÖVP zwischen 17 und 27 %.
Allerdings heißt die Schwankungsbreite nicht, wenn der Abstand zwischen den beiden Parteien 5 % beträgt, ich tatsächlich daraus schließen kann, dass die eine Partei vor der anderen liegt.

Wenn ich zwei Parteien vergleiche, brauche ich eine extra Formel, um abschätzen zu können, ob der Unterschied statistisch signifikant ist. Und das ist er in diesem Fall noch nicht.

Auf Grund dieser Stichprobe kann ich noch nicht erschließen, dass die SPÖ bei den Wählern tatsächlich einen höheren Anteil hat als die ÖVP.

Wahrscheinlich, wenn n=1.000 wäre und die selben Prozentzahlen herauskommen würden, könnte ich es schon erschließen.

Was kann man aus Meinungsumfragen erschließen und was nicht?
In einem Blogpost beantwortet Erich Neuwirth an Hand einer Tabelle folgende zwei methodische Fragen:

  1. Wie groß ist die Schwankungsbreite für den Anteil einer Partei bei allen Wahlberechtigten, wenn er in einer Stichprobe erhoben wurde?
  2. Kann man aufgrund einer Stichprobe sagen, dass eine Partei derzeit einen höheren Anteil an allen Wahlberechtigten hat als eine andere Partei?

Die Tabelle ist frei editierbar, die Befragungsgröße n kann frei eingegeben werden, und zeigt statistische Abweichungen sowie eine Kurzanalyse.

Wir haben jetzt den Vergleich zwischen großen Zahlen wire 27 und 22 gehabt. Wie verhält es sich bei niedrigeren Zahlen, beispielsweise ein oder zwei Prozent?

Also: Eins +/- 5 % macht klarerweise keinen Sinn mehr. Man kann die Formel auch für sehr kleine und sehr große Parteien und Werte adaptieren. Allerdings sind Meinungsumfragen auch nicht dafür gedacht, Parteien, die sich nahe an der Nachweisgrenze bewegen, überhaupt genauer zu untersuchen.

Was ist der Sinn und Zweck einer Wahlumfrage und wie würden Sie das ganze wissenschaftlich erklären?

Wahlumfragen sind auf gar keinen Fall Wahlprognosen in dem Sinn, dass sie versuchen vorherzusagen, wie die Wahlen ausgehen.

Wahlumfragen sind das Erheben eines Meinungsbildes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und das in der Regel doch einige Zeit bevor die Wahl statt findet. Daher kann sich in der Meinung der Wähler noch einiges ändern. Wahlumfragen sagen: Jetzt würde es möglicherweise ungefähr so ausgehen. Mehr sollte man nicht hinein interpretieren.

Welches n hätte eine ideale Wahlumfrage?

Die ideale Wahlumfrage ist, wenn ich alle Wahlberechtigten frage. Das kann sich natürlich niemand leisten. Eines der Probleme bei Wahlumfragen ist, um eben doppelt genau zu sein, muss ich vier mal so viele Leute fragen. Und wenn ich genauer werden will, habe ich sehr schnell ein Kostenproblem.

n=1.000 erscheint mir relativ vernünftig, wenn ich sage, auf +/- 3 % genau zu wissen, reicht es mir jetzt als Stimmungsbild.

Wenn ich allerdings zwei Parteien habe, die knapp beieinander liegen, dann gibt es viele Situationen wo ich mit einer Umfrage niemals entscheiden werde, wer von den beiden vorne liegt.

Laut Recherchen wurden diese Wahlumfragen telefonisch durchgeführt. Wie wirkt sich die Methodik des Telefonats auf die Sonntagsfrage aus?

Eines der Themen ist: Wen erreiche ich eigentlich, wenn ich eine Telefonumfrage mache. Ich glaube, es gibt nach wie vor Gruppen, die nicht telefonisch erreichbar sind, diese wird aber immer kleiner.
Die ideale Umfrage beruht eigentlich darauf, dass ich eigentlich ein Wählerverzeichnis habe und mit einem Zufallsmechanismus auswähle, wen ich eigentlich frage.

Sobald ich es anders mache, schlägt eigentlich die statistische Methodik nicht mehr ganz genau zu. Das heißt, die Berechnung der Schwankungsbreiten stimmt dann nicht mehr ganz genau. Sie kann als Richtwert dienen. Aber so wie ich vorhin gesagt habe, in 19 von 20 Fällen wird es stimmen, kann man bei einer Telefonumfrage nicht mehr sagen.

Wie interpretieren Sie die Wahlumfragen im Vergleich zum letztlichen Wahlergebnis in Graz auf Grund dieser Beispiele?

Ein Schätzfehler von 5,3 %, wie es hier bei der ÖVP der Fall ist, ist schon relativ groß. Wenn ein Befragungsinstitut immer wieder solche Abweichungen hat, dann würde ich mir überlegen, ob diese ihre interne Qualitätssicherung überdenken sollen. Ja, jedes 50. mal oder so kann so etwas schon passieren. Wenn ich regelmäßig so weit daneben liege, kann es auch sein, dass die Leute nicht wirklich gesagt haben, was sie tun werden. Denn eine Wahlumfrage erhebt immer nur das, was die Leute den Befrager sagen, was sie tun werden und enthält nicht das, was sie wirklich tun.

Knapp 9 % Abweichung bei der KPÖ ist schon sehr beträchtlich.

Einer der Gründe ist, dass die Leute nicht sagen wollten, dass sie die KPÖ wählen und es letztlich doch getan haben. Oder die Auswahl der Befragten war nicht wirklich zufällig. Dazu müsste man genauer ins Datenmaterial sehen, was eines der Probleme ist, da die Rohdaten nur ganz selten zur Verfügung gestellt werden.

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Der Weg zur politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 8 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation und Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.