Er ist der Vater der Empörung, forderte Engagement, empfahl Mitgefühl. Im neuesten Werk will uns der 95-jährige Mann nun den Frieden erklären, gemeinsam mit dem Dalai Lama. Und immer mehr erscheint all das nur als pure Geldmacherei.

Stéphane Hessel wurde 1917 in Berlin geboren, seit 1937 ist er französischer Staatsbürger. Ab Oktober 1945 war er Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Nationen in New York. 1948 Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte. Im Auftrag der UNO und dem französischen Außenministerium war er zudem als Diplomat unterwegs.

Seine Streitschrift „Empört euch!“ (Originaltitel: „Indignez-vous!“) wurde ein Welterfolg, seine nachfolgenden Werke „Engagiert euch!“ und „Wege der Hoffnung“ befassten sich ebenso mit dem Thema der Empörung. Zum Mitfühlen forderte er uns in „An die Empörten dieser Erde“ auf.

Der XIV. Dalai Lama (*1935) floh, nach der Besetzung Tibets durch China – nach Indien, wo er seit über vierzig Jahren im Exil lebt. 1989 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er pilgert von Land zu Land und referiert über Tibet und fordert von den Tibetern einen gewaltlosen Widerstand gegen das chinesische Regime.

Er twittert unter @DalaiLama.

Der Herr der Empörung ist wieder da. Stéphane Hessel hat es geschafft, mithilfe kleiner Bücher auch über die Grenzen Frankreichs hinaus große Berühmtheit zu erlangen. Sein Werk „Empört euch!“ gilt als Standardwerk für alle Protestierenden, alle Occupy-Wall-Street-Menschen, aller Tahrir-Demonstranten. Er will, dass es nicht mehr so bleibt, wie es ist. Und setzt dies mit „Engagiert euch“ und „An die Empörten dieser Erde“ fort. Mit „Wir erklären den Frieden“ erschien nun ein Transkript eines Gesprächs mit dem offensichtlich junggebliebenen Hessel und dem verhältnismäßig noch jungen XIV. Dalai Lama.

„Schon seit Jahren wünsche ich mir ein Gremium, das nicht aus Regierungsvertretern besteht, sondern einfach aus integren Persönlichkeiten wie Desmond Tutu oder Sie selbst, Persönlichkeiten, denen allgemein vertraut wird.“ Dalai Lama

Das Gespräch zwischen den Beiden greift vieles auf: Hessels Erfahrung im KZ, Dalai Lamas Flucht ins Exil, und schlussendlich auch, warum die UNO mit all ihren derzeitigen Instrumenten nicht die Menschen der gesamten Erde vertritt, sondern nur mehr die Interessen einzelner Regierungen. Die Lage im Sicherheitsrat, wo China und Russland mit ihrem Vetorecht bei Menschenrechtsverletzungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen wie in Syrien eine Verurteilung bzw. ein Eingreifen verhindern, sollte reformiert werden. Und, wie im obigen Zitat zu lesen, ein „unabhängiges“ Gremium geschaffen werden. Wobei genau das wieder die Frage aufwirft, wie unabhängig diese Menschen überhaupt sein können.

„Jede Religion hat ihre eigene Schönheit und verdient unseren Respekt. Doch wenn wir uns universell verständigen wollen, brauchen wir eine andere Gesprächsgrundlage, nämlich die einer säkularen Ethik.“ Stéphane Hessel

Ehrlich gesagt hätte ich mir ein Gespräch zwischen Hessel und seiner Heiligkeit etwas spannender vorgestellt. Zwei Menschen, die in ihren Ansichten nicht sehr unterschiedlich sind, bestätigen sich gegenseitig und zeigen auf, dass Frieden das Beste und Krieg eher negativ ist. Schon klar. Neue Erkenntnisse, das Aufgreifen aktueller Themen? Das hat es leider nicht ins Buch geschafft. Und so bleibt der fahle Beigeschmack, dass die insgesamt (ohne Vorwort und Anmerkungen des Autors) nur 47 Seiten eine reine Geldmacherei sind. Hessel verkauft sich eben gut, und mit Dalai Lama ja sogar noch besser.

Stéphane Hessel, Dalai Lama
Wir erklären den Frieden!

70 Seiten

Ullstein
ISBN 987-3-550-08024-1
Preis 10 Euro

Leseprobe

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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